Spurensuche im Denkort Bunker Valentin „Die Reise hört hier nicht auf“

Durch Zufall landet der spanische Journalist Santiago Gimeno in einem Vortrag über Deportierte in Nazi-Lagern. Er entdeckt seinen Familiennamen und beginnt zu forschen. Die Reise führt ihn zum Bunker Valentin.
30.12.2020, 07:00
Lesedauer: 6 Min
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Von PBR

Herr Gimeno, vielen Dank für Ihren Besuch. Können Sie uns zunächst ein paar Worte sagen, warum Sie heute hier sind?

Santiago Gimeno Pelegay: Ja, ich bin hier, um mehr über die Geschichte eines Vorfahren zu erfahren, der Cayo Pelegay Villoque hieß. Vor etwa drei Jahren, im Jahr 2016, erfuhr ich, dass er hierher gekommen ist, dass er am Ende in diesem Zwangsarbeitslager gestorben ist. Dann habe ich eine Zeit lang über sein Leben recherchiert, und ich bin jetzt hier, um den Ort kennenzulernen und etwas mehr über sein Ende zu erfahren.

Können Sie genauer beschreiben, wie Sie auf die Geschichte Ihres Ur-Großonkels aufmerksam wurden?

Ich bin eher durch Zufall in einem Vortrag gelandet, den es in Madrid über Spanier gab, die in Nazi-Lager deportiert wurden. In dieser Veranstaltung gaben sie zuallererst ein großes Buch herum, ein Gedenkbuch, das von der spanischen Regierung unterstützt wurde, mit einer nach Gemeinden geordneten Liste aller spanischen Deportierten. Ich saß quasi in der ersten Reihe, und das erste, was ich machte, war, den Namen meines Dorfes zu suchen, und dort fand ich eine Person mit meinem Nachnamen, meinem zweiten Nachnamen. Dann habe ich genau in diesem Moment also meiner Mutter geschrieben und sie antwortete mir, dass es stimmte, dass das ein Großonkel war, von dem sie wusste, dass er nach dem Spanischen Bürgerkrieg fliehen musste, aber dass sie nicht viel mehr wusste.

Warum war es so wichtig für Sie, mehr über diese Sache herauszufinden?

Ich glaube, für mich war es interessant, mehr über diesen Menschen zu erfahren, weil es eine Gelegenheit war, die Geschichte meines Landes zu verstehen, und die Unterdrückung und die politische Gewalt zu verstehen, die es in meinem Land gab. Und auf eine gewisse Weise ist dies auch Teil einer Herausforderung, vor der meine Generation steht, nämlich, nicht zu vergessen, was während des Bürgerkriegs passiert ist, die Folgen dieses Krieges nicht zu vergessen.

Mögen Sie uns berichten, was Sie über ihren Ur-Großonkel herausgefunden haben?

Also, um ein bisschen eine Chronologie von dem zu machen, was ich weiß, vor allem vom Jahr 1936, dem Anfang von Allem: Im Wesentlichen gibt es in Spanien einen Putsch, einen Militäraufstand, am 18. Juli 1936. Zwei Brüder von Cayo (Miguel und Marcial), aber Cayo auch, waren in die Politik dieses Moments verwickelt. Sie waren Mitglieder der UGT, einer linken Agrargewerkschaft mit Bindung zur Sozialistischen Partei. Um den 25. oder 26. Juli herum verlässt Cayo dann das Dorf, er flieht mit einer Gruppe von etwa 20, 30 weiteren Männern aus dem Dorf. Cayo wechselt in diese republikanische Zone und tatsächlich wird eine Woche nach seiner Flucht, am 1. August 1936, Marcial, das ist der, der Bürgermeister des Dorfes gewesen war, in Boquiñeni, so heißt der Ort, erschossen. Zwanzig Tage später, am 20. August, wird der andere Bruder, Miguel, zusammen mit einer Gruppe von etwa 20 Republikanern, die noch im Dorf geblieben waren, erschossen. Man kann sagen, Cayo ist wahrscheinlich in genau diesen Tagen im August 36 dem sicheren Tod, ebenfalls durch Erschießen, entkommen.

Was passierte dann?

Wir nehmen an, dass er in einem Bataillon oder in den republikanischen Truppen am Kriegsende beteiligt war, und wir nehmen auch an, denn wir haben kein Dokument, das es belegt, dass er bis zum Jahr 1939 im Land blieb, und dann zusammen mit den übrigen Tausenden von Republikanern und Menschen aus der spanischen Zivilbevölkerung floh, die nach Frankreich fliehen mussten. Im Sommer 1944 wird Cayo in Flesselles, einem Dorf im Norden von Frankreich, verhaftet. Der ganze Vorgang seiner Deportation wird eingeleitet.

Er kommt im Konzentrationslager Neuengamme an, er muss den einzigen wertvollen Besitz abgeben, den er in diesem Moment hatte, eine Armbanduhr aus Edelstahl, und sie weisen ihm eine Häftlingsnummer zu, die er in den folgenden Monaten haben wird, die 37 272. Wir wissen nicht, zu welchem Zeitpunkt er an seinen nächsten Bestimmungsort gebracht wurde, das Lager Bremen-Farge, aber wir wissen sehr wohl, dass er wahrscheinlich im Sommer 1944 hier ankam, in Bremen-Farge, und er arbeitete, er erlitt die Zwangsarbeit während des Baus des Bunkers Valentin.

Wir nehmen an, dass wegen der Bedingungen der Zwangsarbeit und der Bedingungen, unter denen die Menschen hier lebten, die ja als Sklaven benutzt wurden, am 15. Februar 1945 sein Tod verzeichnet wird. Nach dem, was seine Sterbeurkunde berichtet, ist die Ursache seines Todes ein Herzanfall, hervorgegangen aus einer Mund- oder Zahnfleischentzündung.

Was bedeutet es für Ihre Familie, dass Sie Nachforschungen anstellen?

Was Cayo betrifft, er hatte keine Söhne, möglicherweise erinnert sich ein Neffe hin und wieder an ihn, aber dieses Interesse wurde nicht von Generation zu Generation übertragen, also wenigstens im Fall meiner Familie wurde es nicht übertragen, was so weit ging, dass ich bis vor kurzem nicht von der Existenz Cayos wusste. Aber jetzt, wo wir anfangen, mehr Einzelheiten über sein Leben herauszufinden, glaube ich, kann man die Reaktionen unterteilen. Es gibt einen Teil der Familie, der sehr wohl sehr daran interessiert ist, die Einzelheiten zu erfahren, und der die persönliche Geschichte von Cayo gut mit der allgemeinen politischen Situation Spaniens nach der Diktatur verbindet. Und es gibt den anderen Teil der Familie, vielleicht die älteren Männer, die nicht besonders gut verstehen, warum ich diese Nachforschung anstelle, und sie haben mich viele Male gefragt, warum ich das mache, was das Ziel ist. Sie fühlen sich nicht besonders wohl mit der Tatsache, dass es einen Dreißigjährigen gibt, der fragt, was im Jahr 1936 passiert ist.

Wie kommt es, dass Sie emotional so involviert sind?

Wenn ich die Geschichte von Cayo höre, kann ich mir sein Leiden mehr oder weniger vorstellen, aber was mir vor allem in den Sinn kommt, ist das Leiden von denen, die am Leben geblieben sind, nicht wahr? Von seiner Mutter, zum Beispiel, klar, eine Frau, die im 19. Jahrhundert geboren wird, die vierzehn oder elf Kinder hat. Das heißt, meine Ururgroßmutter, die Mutter von Cayo, hatte elf Kinder, die Hälfte ist an Krankheiten oder Armut gestorben. Und drei Söhne – zwei wurden im Bürgerkrieg erschossen, und einer musste nach Frankreich fliehen und – ich glaube, sie hat die Informationen nicht erhalten. Aber mich hat sehr wohl beeindruckt, als eine sehr alte Dame aus meinem Dorf mir gesagt hat, dass sie sich an diese Frau erinnert. Sie lebte noch einige Jahre nach dem Bürgerkrieg und sie hat gesagt, dass das ganze Dorf sich an sie erinnert als eine Frau, die in einem Zimmer saß, in einer Ecke, wie unter Schock, seufzend und den ganzen Tag durchgehend weinend.

Sie werden in den nächsten Tagen zu den Archiven nach Bad Arolsen fahren und Cayos Uhr abholen. Wie kam es dazu?

Der Teil dieser Geschichte, der mit der Uhr zusammenhängt, ist, glaube ich, der Eindrucksvollste. Aber zuerst habe ich nur Kontakt mit den zwei Lagern aufgenommen, von denen ich wusste, dass Cayo dort gewesen war. Ein Assistent in Neuengamme war dann der erste, der mir ziemlich viel Information gegeben hat. Er hing mir die Häftlingsakte von Cayo an, er gab mir verschiedene Links, wo ich das Sterbedatum, das Todesdatum von Cayo überprüfen konnte, welche Lager er durchlaufen hatte. Dann wird erklärt, dass er der SS seine Armbanduhr aushändigen musste, und dass diese Uhr heute noch in einem Studienzentrum oder einer Institution, einem Archiv aufbewahrt wird und dass wir als Angehörige sie zurückfordern können. Also, ich weiß nicht, ob die Menschen um mich herum sich an diesen Moment erinnern, aber das war sehr beeindruckend und ich glaube, es war der Höhepunkt mit den meisten Emotionen, dem größten Eindruck, und das, was mich ermutigt hat, allen diese Geschichte zu erzählen.

Was denken Sie heute über Ihre Reise nach Deutschland?

Ich glaube, die Reise ist nicht der Endpunkt dieser Erforschung. Sie hört nicht hier auf. Es ist sehr schwer möglich, dass diese Reise dabei hilft, sich vorzustellen, wie die Bedingungen waren, in denen er lebte. (…) Ich glaube, in dieser Hinsicht habe ich keine Rührung verspürt oder mir sind nicht vor Traurigkeit die Tränen gekommen, weil ich mir vorgestellt habe, wie schlecht es Cayo hier erging. Ich glaube, diese Reise wird wichtig sein, weil sie mir künftig erlauben wird, anderen Personen in meiner Familie die Möglichkeit zu bieten, sie zu wiederholen. Ich glaube, es ist wichtig, von den Erfahrungen anderer Länder zu lernen, die versucht haben, Gedenkstätten wie diese zu schaffen.

Das hier gekürzt wiedergegebene Interview führte Christel Trouvé als wissenschaftliche Leiterin des Denkorts Bunker Valentin mit Santiago Gimeno Pelegay am 7. August 2019. Die Kürzungen sind nur teilweise kenntlich gemacht.

Info

Zur Person

Santiago Gimeno

Pelegay

Jahrgang 1987, ist ein spanischer Journalist. Er hat sich in Farge auf Spurensuche seines Angehörigen Cayo Pelegay Villoque (22. April 1898 - 15. Februar 1945) begeben.

Info

Zur Sache

Der Mensch hinter der Nummer

Wer war die Nummer 37272? Hinter Aktendeckeln im Archiv des Denkorts Bunker Valentin verbergen sich unbekannte Schicksale. Wir berichten auf mehreren Themenseiten über Menschen, deren Leben mit dem Bau des U-Boot-Bunkers verknüpft sind. Die Mitarbeiter der Gedenkstätte haben der NORDDEUTSCHEN für dieses Vorhaben bisher unveröffentlichte Dokumente zur Verfügung gestellt. Es handelt sich um neue Übersetzungen früherer Aufzeichnungen und Interviews. „Je mehr wir über ehemalige Häftlinge in Erfahrung bringen können, desto besser können wir begreiflich machen, das hinter jeder Nummer die Geschichte einer Familie steht, die bis heute fort wirkt“, sagt Christel Trouvé, wissenschaftliche Denkort-Leiterin.

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