Abschleppaktion Erstes Schrottauto abgeschleppt

Das Innenressort hat die ersten Schrottautos aus dem Verkehr gezogen. Am Montagmorgen startete die Behörde mit ihrer Aktion in Blumenthal. Mehr als 120 Autos könnten demnächst abgeschleppt werden.
02.07.2018, 18:37
Lesedauer: 4 Min
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Von Volker Kölling

Bremen-Nord. Abgemeldete Schrottautos – irgendwo verlassen am Straßenrand abgestellt – toleriert Bremen seit Anfang dieses Monats nicht mehr länger. Nach der Ankündigung des Abschlepp-Erlasses durch Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) vor zwei Wochen sind bremenweit schon 120 Schrottmühlen gemeldet worden. Auf dem ehemaligen Gelände der Bremer Woll-Kämmerei (BWK) in Blumenthal wurde jetzt das erste Auto abgeschleppt.

„Der Wagen stand da praktisch über Nacht, war plötzlich da. Als dann wochenlang keiner kam und sich kümmerte, haben wir uns gefragt, wie das nun weitergeht.“ Gerrit Meyer betreibt gleich hinter dem Parkstreifen mit dem heruntergekommenen weißen Opel-Astra-Kombi das Lackierzentrum Nord auf dem ehemaligen Gelände der Bremer Wollkämmerei. Solch einen Schrotthaufen kann er vor seinem Firmengelände an der Straße Marschgehren absolut nicht gebrauchen. Meyer: „Irgendwann kam dann die Polizei und hat einen Zettel an die Windschutzscheibe geklebt. Das war es. Dann vergingen wieder Monate bis heute.“

Im April zeigt Blumenthals Ortsamtsleiter Peter Nowack Innensenator Ulrich Mäurer seinen Stadtteil. Als sie auf das Autowrack stoßen, sind sich die beiden schnell einig. Peter Nowack: „Die Leute regen sich über Müll und Schrott im Straßenraum auf und wir tun so in den Behörden, als ob uns das nichts angeht. Das kann doch nicht sein.“ Für ihn kommt auf dem BWK-Gelände noch der Ruf des Gewerbegebietes dazu: „Ich fahre hier doch auch mit Investoren durch. Da darf es hier einfach nicht so aussehen.“ Der Senator verspricht schnell zu helfen.

Mäurer lässt anschließend prüfen, wie die Praxis in anderen vergleichbaren Städten aussieht und wie die aktuelle Rechtslage ist. Mitte Juni handelt der Innensenator und verkündet auf einer Pressekonferenz: „Das Phänomen hat in manchen Ortsteilen Bremens solche Ausmaße angenommen, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Ab Juli gilt daher ein neuer Erlass in Bremen, damit nicht zugelassene und nicht betriebsbereite Fahrzeuge sofort und ohne vorherige Ankündigung abgeschleppt werden können.“ Mäurer lässt auch eine neue E-Mail-Adresse beim Ordnungsamt verbreiten: Unter abschleppmassnahmen@ordnungsamt.bremen.de sind binnen zwei Wochen 120 abgestellte Schrottautos gemeldet worden.

Peter Nowack hat zum Wochenbeginn noch eine weitere Schrottmühle am Burgwallstadion lokalisiert. Nur die Ankündigung der Abschleppaktion alleine hat auch schon einiges bewirkt: „Wir hatten auch drei solcher Karren an der George-Albrecht-Straße stehen, die nach der Ankündigung des Erlasses über Nacht wieder aus der Straße verschwunden sind. Da hat unsere Aktion also schon gegriffen.“ An dem weißen Kombi steht die Heckklappe einen Spalt auf, der Auspuff scheint auf dem Boden zu liegen. Die Reifen haben keine Luft mehr. Da hat jemand gleich noch einen alten Röhrenfernseher, eine versiffte Mikrowelle und einen abgefahrenen Satz Reifen auf Stahlfelgen mit entsorgt.

Der weiße Zettel der Polizei auf der Windschutzscheibe hält noch. Und mit Mühe lässt sich entziffern, dass hier dem Halter wegen einer Ordnungswidrigkeit eine Geldbuße von bis 100 000 Euro angedroht wird. Um 10.45 Uhr hat der Mann vom Abschleppdienst an der Martinsheide das Krangeschirr an den vier Reifen angebracht und liftet den Kombi vorsichtig in die Höhe. Jetzt habe der Besitzer jedenfalls schon 350 Euro an Kosten nur für das Abschleppen auf der Rechnung. Peter Nowack überschlägt, dass Bremen die ganze Aktion mit rund 60 000 Euro vorfinanzieren muss, bis man vielleicht an die Besitzer der Schrottautos herangekommen ist: „Dahinter steht aber doch die Frage, was uns die Zufriedenheit der Leute wert ist. Vom Empfinden her wird Müll und Schrott in den Straßen als störender bewertet als vergleichsweise etwa Lärm. Das sollte uns also die 60 000 Euro erst einmal wert sein.“

Zumal auf dem Gelände der Abschleppfirma in der Martinsheide 10 als Nächstes auch erst einmal genauer in das Auto hineingeschaut wird. Peter Nowack: „Hier ist es ja schon fast professionell gelaufen: Da hat ja einer die alten Kennzeichen abgeschraubt und auch an das Abschaben der grünen Plakette innen an der Windschutzscheibe gedacht.“ Es ist vorstellbar, dass auch die eingeprägten Fahrzeugdaten im Motorraum abgefräst sind. Damit könnte man die Voreigentümer ermitteln, wobei das nach Darstellung des Innenressorts in vielen Fällen mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sei. Hintergrund seien sogenannte Kettenverkäufe, sodass aus manchen Altautos Spekulationsobjekte würden. Mit jedem weiteren Verkauf seien bei dieser Praxis kleine Gewinnmargen zu erzielen, so der Innensenator.

Nun wird so ein Wrack nach dem Abschleppen den Zockern entzogen. Eine Verschrottung beziehungsweise eine Verwertung sind nach dem neuen Erlass möglich. Grundsätzlich hat der Besitzer des Kombis jetzt vier Wochen Zeit, um den Wagen mit den platten Reifen in der Martinsheide auszulösen. Für das Gebiet jenseits der Lesum hat das Ordnungsamt als Vertragspartner für die Aktion eine Verwertungsgesellschaft in der Simon-Bolivar-Straße 38 gefunden, wo Eigentümer ihren Schrott in der Frist abholen können.

Aber dann zahlen sie. Auch das Fahrzeug bei der Polizei vorher als verschwunden zu melden ist keine Masche, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Maximal ist sogar ein Strafverfahren wegen illegaler Abfallentsorgung möglich. Ulrich Mäurer: „Wir betreten mit dieser Herangehensweise Neuland in Bremen. Sicherlich wird das auch nicht immer ganz geräuschlos abgehen, aber das nehme ich gerne in Kauf.“

Fast geräuschlos hat sich indes der alte Kombi auf den Schlepper hieven lassen. Selbst der vergammelte Auspuff ist nicht auf die Straße gefallen. Peter Nowack hat aber doch eine Hinterlassenschaft entdeckt: „Da das Schwarze. Da ist Öl ausgelaufen. Hier geht es also weiter. Das müssen wir auch noch entfernen lassen.“ Firmeninhaber Gerrit Meyer jedenfalls ist zufrieden und scherzt schon wieder: „Ich hatte schon überlegt, den mit dem Stapler die Straße weiter hochzuschieben. Aber der Nachbar wollte den auch nicht vor der Tür haben.“

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