Nordbremer Klinikchefin im Interview „Die Situation war immer angespannt“

Zwölf Jahre stand Birgit Hilmer an der Spitze des Klinikums Nord. Im Interview sagt sie, wie die Zeit für sie war, wie viele Stellen wegfallen sollen – und warum Abteilungen trotzdem erweitert werden könnten.
06.03.2021, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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„Die Situation war immer angespannt“
Von Christian Weth

Frau Hilmer, Sie sind noch im Haus, aber nicht mehr Klinikchefin. Warum?

Birgit Hilmer: Ich bin noch im Haus, weil ich meinen Nachfolger einarbeiten möchte. Florian David Nolte hat allerdings bereits die Geschäftsführung übernommen. Mir ist es wichtig, dass er von Anfang an die Position des Direktors einnimmt und mich nicht erst einige Wochen lang begleitet.

Und? Wie fühlt es sich an, keine Verantwortung mehr zu tragen?

Es fühlt sich gut an. Ich denke zwar immer wieder, in der Pflicht zu sein, lerne aber, die Entscheidung meinem Nachfolger zu überlassen. Manchmal kommt es noch vor, dass ich mich selbst bremsen muss.

Fachkräftemangel, Corona-Ausbrüche im Haus, ein angekündigter Stellenabbau: Wie schwer kann einem der Abschied dabei eigentlich fallen?

Die Situation war in den vergangenen Jahren immer angespannt. Und trotzdem hat sich meiner Meinung nach die Klinik gut entwickelt – auch unter Covid-19. Die Leistungsbereitschaft der Beschäftigten ist einfach enorm. Und so ein Team zu verlassen, fällt immer schwer.

Was steht denn für die gute Entwicklung?

Für die gute Entwicklung steht zum Beispiel der Umbau der Zentralen Notaufnahme. Die erfolgreiche Einführung der Neurologie in Nord. Und der gute Ruf, den etwa die Frauenklinik, aber auch die Innere Medizin haben. Wie eigentlich alle Abteilungen. Die Loyalität der Beschäftigten ist darum groß.

Und was lief nicht so gut?

Vielleicht hätte es noch besser gelingen können, auf die Schnittstellen zwischen den einzelnen Interessenvertretungen einzugehen.

Was meinen Sie damit?

Ich hätte mir gewünscht, dass mehr Zeit für die Gremien da gewesen wäre, in denen sich die Beschäftigten regelmäßig einbringen.

Sie haben mal gesagt, dass das Klinikum besser werden muss, als sich Patienten über die Pflege beschwerten. Ist das Ziel erreicht?

Ich würde sagen, dass es gelungen ist, die Kritik anzunehmen und aus ihr zu lernen. Wir setzen uns jetzt mit Beschwerden offener auseinander als bisher, sodass wir schneller zu Lösungen kommen.

Heißt das auch, dass die Zahl der Beschwerden zurückgegangen ist?

Das heißt es in er Tat. Die Zahl ist sogar deutlich zurückgegangen.

Und um wie viel?

Seit Längerem können wir die Zahl der Beschwerden, die uns pro Monat erreicht, an einer Hand abzählen. Und fast immer ist das Problem nach einem Gespräch geklärt.

Das Klinikum sollte nicht nur besser, sondern das Personal auch emphatischer werden. Was ist aus Ihrem Appell geworden?

Meiner Ansicht nach ist die Wertschätzung gewachsen – nicht nur gegenüber Patienten, sondern auch innerhalb der Teams.

Woran machen Sie das fest?

Daran, dass der Umgang unter den Beschäftigten jetzt ein anderer ist.

Und wie steht es um den Umgang mit personellen Lücken, die in der Geburtshilfe zwischenzeitlich so groß waren, dass sich der Personalrat und die Gewerbeaufsicht eingeschaltet haben?

Wir haben auf die Lücken so schnell reagiert, wie wir reagieren konnten. Mittlerweile wird fast überall der Stellenplan erfüllt, nur in einem Bereich nicht: In der Intensivpflege gibt es ungewollte Vakanzen – ein Problem, das auch andere Häuser haben.

Im vergangenen Sommer sind zwei italienische Hebammen gekommen. Wie viele Einstellungen hat es danach noch gegeben?

Zwei. Und im August kommt eine weitere Hebamme aus Italien zu uns. Darüber hinaus wird eine Geburtshelferin aus Indonesien ihr Anerkennungspraktikum bei uns absolvieren – und vielleicht übernommen.

Es fehlen auch Fachkräfte in der Pflege. Wie viele Klinikbetten sind deshalb gesperrt?

Das ist jeden Tag unterschiedlich. Wir mussten die Zahl der Betten in mehreren Abteilungen reduzieren, weil wir die Fachkräfte für die Versorgung von Covid-19-Patienten brauchten.

Wie viele Betten werden noch wegfallen?

Keine mehr. Momentan sind wird dabei, die Fachkräfte wieder dort einzusetzen, wo sie zuvor eingesetzt wurden. Nach Ostern wollen wir in einen Betriebsmodus umschalten, der normaler ist als der bisherige.

Der Klinikverbund hat angekündigt, 450 Stellen in seinen Häusern einzusparen. Wie viele Beschäftigte wird es in Nord treffen?

Das hängt von der Entwicklung des Hauses ab. Nach derzeitigem Stand sollen in Nord bis 2025 rund 50 Stellen abgebaut werden.

Und nun?

Nun müssen wir dafür sorgen, dass Abläufe noch mehr optimiert werden.

Glauben Sie tatsächlich, dass Prozesse so verschlankt werden können, um den Abbau von 50 Stellen auszugleichen?

Das wird sich zeigen. Was sicher ist: Wir werden nicht nach dem Rasenmäherprinzip vorgehen, sondern in jedem einzelnen Fall schauen, wie wir Abläufe verändern können. Und wenn sich die Leistung besser entwickeln sollte als erwartet, müssen wir auch weniger Stellen abbauen.

Weil Stellen wegfallen, gehen Politiker davon aus, dass das Krankenhaus nicht bekommen wird, was Beiräte fordern: eine größere Kardiologie. Wovon gehen Sie aus?

Der Wegfall von Stellen bedeutet nicht, dass es keine Erweiterung einer Abteilung mehr geben wird. Kann nachgewiesen werden, dass sie sich wirtschaftlich lohnt, wird die Kardiologie ausgebaut.

Und was passiert mit der Frühchenstation? Wird sie verkleinert, wie es die Behörde mal angekündigt hat?

Das muss die Senatorin entscheiden. Ich kann nur sagen, dass ihr sehr wohl bewusst ist, wie leistungsfähig der Norden bei der Frühchenversorgung ist.

Das Interview führte Christian Weth.

Info

Zur Person

Birgit Hilmer (61)

war zwölf Jahre lang Klinikchefin in Nord. Jetzt geht sie in den Ruhestand. Hilmer war Krankenschwester, Pflegeleiterin und zuletzt Direktorin. Sie ist verheiratet und hat ein Kind.

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