Das Porträt Man darf sich im Kopf nicht beschränken

Der freischaffenden Künstlerin und Betreiberin des Künstlerhauses Atelierkate Lesum, Claudia Wimmer, fällt es schwer, ihre Kunst in ein klassisches Raster einzuordnen.
17.02.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Daniela Schilling

Lesum. „Ich mache etwas, solange es Spaß macht, und dann mache ich etwas anderes“, gehört zu den meist zitierten Aussagen des deutschen Malers, Bildhauers und Fotografen Gerhard Richter. Diesem Motto folgt auch die Nordbremer Künstlerin Claudia Wimmer. In ihren Werken setzt sie sehr unterschiedliche Techniken ein, nutzt oft Collagenversatzstücke und bedient sich Anleihen aus aller Welt. Ist eine Serie beendet, wird eine neue mit einer anderen Technik angegangen. „Ich muss einfach Lust darauf haben“, so Wimmer.

Der freischaffenden Künstlerin und Betreiberin des Künstlerhauses Atelierkate Lesum fällt es schwer, ihre Kunst in ein klassisches Raster einzuordnen. „Am ehesten zählt sie zur neuen Sachlichkeit“, so Wimmer, die primär in Serien arbeitet. Darin setzt sie sich mit dem Thema Globalisierung auseinander. „Hierbei interessieren mich vor allem die verbindenden Elemente“, erklärt die Künstlerin. In diesem Rahmen hat sie unter anderem die internationale Frühstückskultur und Sprichworte beleuchtet.

Als aktiver Teil der Nordbremer Kunstszene hat Claudia Wimmer dieser zu mehr Sichtbarkeit verholfen. Einen wesentlichen Teil dazu trug sie mit der Schaffung der Kunst-Route und mit der Ausschreibung des „Kunstpreis Atelierkate“ bei. Dabei bezeichnet sie sich selbst als Spätberufene. „Ich wollte nach der Schule Modezeichnung studieren, wusste aber nicht, dass man für die Bewerbung eine Mappe braucht“, erinnert sich Wimmer. Dafür hätte sie neben der Schule einen Zeichenkurs besuchen müssen. Dieser fehlte der gebürtigen Hannoveranerin jedoch, also entschied sie sich für eine kaufmännische Lehre. Danach war sie lange Hausfrau und Mutter. „Und zwar aus Überzeugung“, so Wimmer. „Ich wollte meinen Kindern ein verlässlicher Ansprechpartner sein und sie begleiten. Dadurch hatte ich auch Zeit, Dinge zu tun, die sonst nicht möglich gewesen wären.“ Daneben betätigte sie sich kreativ, indem sie eine Zeit lang Schaufenster dekorierte.

Irgendwann waren ihre Söhne jedoch groß und Claudia Wimmer begann darüber nachzudenken, wohin sie ihr weiterer Weg führen könnte. „Klar war, dass die Arbeitswelt nicht auf mich gewartet hatte“, so die Wahl-Lesumerin. Trotzdem wollte sie nicht irgendwas machen, spielte sogar mit dem Gedanken, Hundetrainerin zu werden. „Ich habe mir alle Optionen freigehalten – Hauptsache nichts Monotones!“ In dieser Zeit rückte auch die Freude an der Kunst wieder in den Vordergrund. „Kunst hat mir immer Spaß gemacht, also dachte ich: Warum es nicht jetzt versuchen?“, erinnert sich Wimmer.

Zur gleichen Zeit eröffnete Professor Jürgen Waller, international bekannter Künstler und ehemaliger Rektor der Bremer Hochschule für Künste, eine eigene Akademie. Wimmer bewarb sich und wurde angenommen. Es folgte ein zweijähriges Vollzeitstudium der freien Kunst. Die damals 46-Jährige lernte und arbeitete gemeinsam mit deutlich jüngeren Kommilitonen. Ein Umstand, den sie sich genauso gewünscht hatte. „Ich wollte den Austausch mit jungen Leuten und nicht in die Erwachsenenbildung“, so Wimmer. „Mit 46 hat man einen gewissen Erfahrungsschatz, der einen auch mal bremst.“

Nach dem Studium arbeitete die freischaffende Künstlerin von zu Hause aus. Mit der Zeit wurde es jedoch zu viel. „Man hatte im Keller die Keramik, irgendwo in der Mitte die Ölsachen und es roch im ganzen Haus nach Lösungsmitteln“, erinnert sich Wimmer. Irgendwann fragte ihre Familie an, ob sie sich nicht etwas Eigenes suchen wolle. Dies war der Beginn der Atelierkate. „Ich wollte Austausch und deshalb in eine Ateliergemeinschaft“, erinnert sich Claudia Wimmer. Fündig wurde sie nicht und beschloss deshalb, etwas Eigenes zu machen. Damals stand das 1784 errichtete Fachwerkhaus im Herzen Lesums leer. Claudia Wimmer kaufte und renovierte es und eröffnete 2009 das Künstlerhaus Atelierkate. Insgesamt vier Künstler arbeiten dort in ihren Ateliers. Es finden Ausstellungen und andere Veranstaltungen statt, auch Kurse zu verschiedenen künstlerischen und kulturellen Themen können gebucht werden. Die Ateliers sind begehrt. Selten steht eines leer und Nachfolger sind schnell gefunden.

Ursprünglich wollte Wimmer nur malen, doch dann kam die Atelierkate mit all ihren organisatorischen Aufgaben. 2012 hob Wimmer die Kunstroute aus der Taufe. Sie sollte den Künstlern der Umgebung die Möglichkeit geben, sich und ihre Kunst einem breiteren Publikum zu präsentieren. Anfangs jährlich, findet die Kunstroute inzwischen alle zwei Jahre statt. Einerseits, damit jeder Teilnehmer die Möglichkeit hat, in Ruhe neue Werke zu schaffen, andererseits um nicht in Konkurrenz zu einem ähnlichen Event in der Wesermarsch zu treten.

Die freie Zeit zwischen beiden Veranstaltungen füllte Claudia Wimmer, indem sie den „Kunstpreis Atelierkate“ aus der Taufe hob. „Die Kunstroute richtet sich in erster Linie an etablierte Künstler. Ich wollte etwas für jüngere Nachwuchstalente machen“, erklärt Claudia Wimmer. Sie selbst hatte sich schon öfter an Kunstpreisen beteiligt und dabei nicht immer nur positive Erfahrungen gemacht. „Es gibt viele negative Beispiele, wo im Vorfeld Absprachen getroffen oder die Preisgelder nicht ausgezahlt werden“, erklärt Wimmer. An einer Ausschreibung teilzunehmen, bedeute Zeit, Arbeit und auch Kosten zum Beispiel für den Transport der Werke. „Ich habe Fälle erlebt, in denen das eingereichte Bild bei der Wiederabholung noch komplett verpackt war und demnach nicht mal angeschaut wurde.“

Diese Erfahrungen sowie die, die sie im Rahmen ihrer zahlreichen Projekte gewann, haben Claudia Wimmer geprägt. „Die größte Hürde ist, dass man sich im Kopf nicht beschränken darf“, fasst sie zusammen. Um das zu schaffen, müsse man die Dinge Schritt für Schritt angehen und nicht immer alles durchplanen. Wer ein Ziel erreichen möchte, sollte einfach loslegen, rät die Nordbremer Künstlerin. „Umso mehr man sich zurücknimmt, umso mehr verbaut man sich.“ Wenn ein Ziel nicht auf dem direkten Weg zu erreichen sei, dann müsse man sich eine alternative Strecke suchen.

Zu den Zielen, die Claudia Wimmer auf längere Sicht anstrebt, gehört eine Ausstellung ihrer Installation Neighbourhoodies. Diese war 2018 während der Kunst-Route zu sehen. Das Werk besteht aus 30 in Länderfarben gestalteten Schaufensterpuppen und widmet sich dem Thema Diversität. Damals standen sie vor der Atelierkate, als das Wetter jedoch umschlug, wurde es schwierig. Dies sowie die Größe der Installation seien eine Herausforderung bei der Suche nach einem Ausstellungsort. „Sie noch mal zeigen zu können, wäre aber mein großer Traum.“

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