Corona-Hotspots in Bremen

„Gesundheit hängt mit den Lebensbedingungen zusammen“

In einigen Stadtteilen in Bremen war die Zahl der Corona-Infektionen in der zweiten Welle deutlich höher - in Gröpelingen etwa oder Osterholz. Gesundheitsbehörde und Quartiersmanager über die Ursachen.
11.04.2021, 13:47
Lesedauer: 3 Min
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„Gesundheit hängt mit den Lebensbedingungen zusammen“
Von Sabine Doll

Auch in Bremen gibt es Stadtteile, in denen die Quote der Corona-Infektionen höher ist als der Durchschnitt. Seit dem Herbst, als die zweite Welle durch Deutschland rollte und die Infektionskurve auch in Bremen steil anstieg, kristallisierten sich einzelne Stadtteile als Hotspots heraus. In Osterholz und Gröpelingen war die Zahl der Neuinfektionen pro 1000 Einwohner Anfang November drei- bis fünfmal höher als etwa in Schwachhausen oder Oberneuland - Spitzenwert in Osterholz waren 7,65 Infektionen auf 1000 Einwohner, in Gröpelingen 5,91. Quoten, die nicht mit einzelnen Ausbrüchen etwa in Pflegeheimen erklärbar waren. Auch in anderen Stadtteilen wie Blumenthal, Obervieland oder Huchting häuften sich die Infektionen. „Die eklatanten Unterschiede wie in der zweiten Welle gibt es aktuell nicht mehr, auch wenn die Zahlen in einigen dieser Stadtteile nach wie vor noch ein wenig höher sind als in anderen, insgesamt aber auf einem deutlich niedrigeren Niveau“, sagt der Sprecher der Gesundheitsbehörde, Lukas Fuhrmann.

Das sagt der Bremer Senat

Der Senat hat im November mit unterschiedlichen Maßnahmen auf die hohen Fallzahlen in den Hotspots reagiert: Neue Maskenpflicht-Zonen wurden eingerichtet, Ordnungsdienst und Polizei gehen seitdem häufiger Streife. „Kernpunkt war vor allem, dass gemeinsam mit den Akteuren vor Ort das Beratungsangebot ausgebaut wurde und zusätzliche Stellen für Gesundheitskräfte geschaffen wurden“, sagt Behördensprecher Fuhrmann. Gemeinsam mit Streetworkern, Mütter-, Bildungs- und Gesundheitszentren verteilen sie mehrsprachige Flyer, suchen das Gespräch auf der Straße, klären Bewohner über Schutzmaßnahmen und Quarantäne-Regeln auf. Da sich die Infektionszahlen mittlerweile im Großen und Ganzen angeglichen hätten, sei anzunehmen, dass die Maßnahmen greifen, so Fuhrmann.

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"Die höheren Infektionszahlen in einigen Stadtteilen lassen sich aber nicht allein auf Sprachbarrieren, fehlendes Wissen oder mangelnde Akzeptanz der AHA-L-Regeln reduzieren", betont der Sprecher von Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke). "Corona lenkt den Blick auf strukturelle Unterschiede und besondere Problemlagen in einzelnen Stadtgebieten. Krankheit und Gesundheit sind eng verknüpft mit den Lebensumständen, mit Arbeitsbedingungen, Wohnverhältnissen, Zugang zu Bildung und dem Einkommen." Das Infektionsrisiko für Corona sei dort größer, wo Beschäftigte beispielsweise nicht die Möglichkeit zu Homeoffice hätten, wo Familien in beengten Verhältnissen lebten, wo das Durchschnittseinkommen niedrig sei und die Armutsquote hoch, so Fuhrmann. Das zeigten die Zahlen aus der zweiten Welle. "Das ist Teil der Wahrheit."

Das sagt die Quartiersmanagerin aus Gröpelingen

Rita Sänze ist Quartiersmanagerin in Gröpelingen. Auch für sie sind die schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen vieler Menschen Hauptursache für ein erhöhtes Infektionsrisiko. „Es gibt sicher auch Gruppen, in denen die Regeln und Schutzmaßnahmen nicht so ernst genommen werden, wie es sein muss. Das ist aber nicht der Kern des Problems“, sagt sie. Viele Menschen seien auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, um etwa zur Arbeit zu kommen, viele Familien lebten in beengten Wohnverhältnissen und hätten Berufe, in denen sie mit vielen Menschen in Kontakt kämen. „Das sind andere Lebensbedingungen als etwa in Schwachhausen.“

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Dass die Infektionszahlen auf Stadtteilebene ausgewertet und alle zwei Wochen von der Gesundheitsbehörde veröffentlicht werden, sei ein wichtiger Beitrag für die Ursachenforschung, sagt die Quartiersmanagerin. "Das hat den Blick auf die Lebenssituation und das damit verbundene Infektions- und auch Erkrankungsrisiko vieler Menschen gelenkt, auch jenseits der Pandemie." Auch aus ihrer Sicht greifen die Aufklärungskampagnen und der gezielte Blick auf die Problemlagen in einzelnen Stadtteilen. "Die Hoffnung ist vor allem, dass das Engagement nicht mit dem Ende der Pandemie ausläuft", fordert Sänze. "Corona zeigt deutlich, dass Gesundheit mit den Lebensbedingungen zusammenhängt."

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