Humann-Viertel in Bremen Gröpelingen

Eigentümer mögen individuellen Charme

Im Humann-Viertel regt sich Widerstand gegen eine geplante Erhaltungssatzung: 130 Unterschriften hat eine Bürgerinitiative gegen das Vorhaben gesammelt. Können die Planer sie noch von dem Vorhaben überzeugen?
02.03.2019, 15:42
Lesedauer: 4 Min
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Eigentümer mögen individuellen Charme
Von Anne Gerling
Eigentümer mögen individuellen Charme

Andreas Kühl (v.l.), Christiane Kühl, Jörg Güse, Rainer Zühlow, Siegried Recke und Maria Kurpjuhn wollen die Satzung nicht.

Roland Scheitz

„Langweilig. Trist. Eintönig“: Diese Begriffe fallen Rainer Zühlow ein, wenn er von seinem Vorgarten aus die Häuserzeile auf der anderen Seite der Wischhusenstraße betrachtet, die seit 2016 unter Denkmalschutz steht. Fassadenfarbe, Fenster, Türen, Eingänge: Alles gleich. Noch monotoner sei der Bokeler Weg gleich hinter der Wischhusenstraße, finden einige von Zühlows Nachbarn. Als sie im Herbst hörten, dass das Bauressort nun auch für andere Straßen im Quartier eine sogenannte Erhaltungssatzung plant, schloss sich die Gruppe zu einer Bürgerinitiative zusammen.

Fördermittel im Visier

Hintergrund ist, dass die Stadt über das Integrierte Entwicklungskonzept (IEK) Fördermittel nach Bremen holen möchte, um das in den Jahren 1926 bis 1931 entstandene Humann-Quartier aufzupolieren. Denn die aus etwa 250 Reihenhäusern bestehende Siedlung gilt als eines der größten heute noch vorhandenen Gebäudeensembles aus der Weimarer Republik. „Wir würden das zusammenhängende Gesamtbild gerne wieder erkennbarer machen“, erklärt dazu Jan Casper-Damberg, Abschnittsleiter Stadterneuerung. Demnach könnten zukünftig bauliche Maßnahmen an den Gebäudefassaden finanziell gefördert werden, wenn sie sich an den Vorgaben einer Gestaltungssatzung orientieren. Dabei werde aber niemand gezwungen, Elemente wieder zu entfernen, die die Gestaltungssatzung nicht enthalte, unterstreicht Casper-Damberg: „Was da ist, hat Bestandsschutz.“

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Maria Kurpjuhn und ihre Mitstreiter von der Bürgerinitiative stehen dem Vorhaben skeptisch gegenüber und sind überzeugt, dass sie mit dieser Meinung nicht alleine sind. Denn nachdem sie mit Flugblättern die Hausbesitzer im Quartier auf die geplante Maßnahme aufmerksam gemacht haben, haben sie inzwischen rund 130 Unterschriften dagegen gesammelt.

Eine große Sorge ist, dass durch die Satzung zukünftig bestimmte Renovierungs- oder Umbaumaßnahmen nicht mehr möglich sein könnten. Außerdem befürchten Anwohner, dass ihre Häuser ihren individuellen Charme verlieren könnten und dass womöglich sogar der Wiederverkaufswert sinkt.

Besitzer haben schon viel investiert

„Es ist ein typischer Fall von gut gemeint und schlecht gemacht – und 40 Jahre zu spät“, sagt Siegfried Recke. Schließlich hätten viele Eigentümer im Quartier ihre Häuser in den vergangenen Jahren schon ein- bis zweimal modernisiert und neue Fenster und Türen eingebaut: „Selbst wenn sich also ein oder zwei Eigentümer in Zukunft an die Vorgaben halten, dann bleiben immer noch 240 Häuser, die anders aussehen.“ Dabei seien neben viel Liebe und Herzblut auch durchaus beachtliche Beträge in die Immobilien geflossen, sagt Christiane Kühl, die unterstreicht: „Wir finden unsere Häuser auch schön. Wenn uns die Fassade nicht gefallen hätte, dann hätten wir daran ja was verändert.“

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Siegfried Recke ergänzt: „Wenn wir diese Häuser nicht gekauft und hergerichtet hätten, dann würden sie wahrscheinlich längst nicht mehr stehen.“ Schließlich sei das Humann-Quartier früher ein verrufenes Viertel gewesen: „Vor 25 Jahren konnte man als Ortsfremder hier nicht durchlaufen, ohne Prügel zu riskieren.“ Daraufhin sei dort der Erwerb von Eigentum gezielt gefördert worden. „Die Häuser waren marode. Sanitäranlagen, Heizung, Elektrik, Fenster – das musste alles neu rein“, erinnert sich Jörg Güse, der 1987 ins Quartier gezogen ist. Dass nun Behördenvertreter und Architekten darüber fachsimpeln, wie ihr Viertel aussehen soll – und dass man sie im Vorfeld nicht gefragt hat – kommt bei den Eigentümern nicht gut an.

Schlechte Informationspolitik

Viele hätten außerdem von der geplanten Satzung überhaupt nichts mitbekommen, kritisiert Anwohnerin Maria Kurpjuhn. Zwar war Ende Oktober per Hauswurfsendung zu einer Informationsveranstaltung eingeladen worden. Aber, so Kurpjuhn: „Viele haben das für Werbung gehalten und gleich weggeschmissen.“ Bei der entsprechenden Sitzung wiederum sei dann herausgekommen, dass es konkrete Vorgaben geben soll und das Ganze auch mit Zwang zu tun habe, so Kurpjuhn: „Dabei kann aber keiner sagen, wie viel Förderung wir bekommen würden – und wie lange.“

Viele andere Fragen stünden außerdem noch unbeantwortet im Raum. Etwa, ob die Satzung das Anbringen von Rollläden erlaubt, wie sie die Polizei beim Thema Einbruchsschutz empfiehlt. Oder ob mit der Satzung womöglich Sprossenfenster zur Pflicht würden. Andreas Kühl liebt an seinem Haus ganz besonders die dunkelgrau gestrichene Fassade. Maria Kurpjuhn wiederum will ihren Vorgarten mit Rosenstöcken nicht gegen ein „Einheitsgrün“ eintauschen. Ob all dies mit der Erhaltungssatzung vereinbar wäre?

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Konkrete Detailfragen wie diese möchte Jan Casper-Damberg von der Baubehörde bei einem Workshop am Donnerstag, 7. März, gemeinsam mit Anwohnern, Architekten und Vertretern vom Landesamt für Denkmalpflege klären. „Wir haben gemerkt, dass das Thema Farbe eine große Rolle spielt und wollen gucken, wie wir das Individuelle und das Gesamtbild übereinander bringen können“, sagt er. Nun gelte es zu sehen, „ob da genügend Leute sind, die Lust auf die Maßnahme haben.“ Maria Kurpjuhn und ihre Mitstreiter wollen auf jeden Fall kommen: „Schließlich sind wir die Betroffenen.“

Weitere Informationen

Das Ortsamt lädt für Donnerstag, 7. März, 18 Uhr Anwohner und Eigentümer zum Workshop „Humann-Viertel“ in die Mensa der Neuen Oberschule Gröpelingen (NOG), Ernst-Waldau-Straße 1a, ein. Dort wollen die Planer mit den Bürgern über deren Anregungen und Bedenken zu einer möglichen Erhaltungssatzung sprechen.

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