Russenfriedhof Geschichte ist noch nicht aufgearbeitet

Liegen am Bahndamm an der Reitbrake noch immer sterbliche Überreste russischer Kriegsgefangener im Boden? Das will nun Landesarchäologin Uta Halle untersuchen, bevor dort eine Bahnwerkstatt gebaut wird.
15.03.2021, 05:00
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Geschichte ist noch nicht aufgearbeitet
Von Anne Gerling

Oslebshausen. Bevor der französische Alstom-Konzern als Gewinner des Vergabeverfahrens der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) an der Reitbrake eine neue Bahnwerkstatt bauen kann, wird das Gelände zunächst professionell untersucht: Das hat Landesarchäologin Uta Halle am 10. März im Fachausschuss „Arbeit, Wirtschaft, Umwelt und Häfen“ des Gröpelinger Beirats unterstrichen.

Tatsächlich war eine archäologische Untersuchung der Fläche an der Reitbrake von ihrem Haus bereits im Zusammenhang mit einem Bauvorhaben an der Riedemannstraße zur Auflage gemacht worden. Dort gibt es archäologische Fundstellen, weshalb der Boden in einem Umkreis von 200 Metern geprüft werden soll. Bislang ging es dabei ausschließlich um die Suche nach Fundstücken, die 1000 Jahre oder älter sein könnten.

Seit knapp drei Wochen ist nun auch der ehemalige Russenfriedhof in diesem Areal Thema in Halles Behörde. „Wir wussten vorher nichts davon, da wir bis 2017 nur für archäologische Strukturen bis zum Jahr 1800 zuständig waren“, erklärt sie dazu.

Nachdem Ende 2017 der Deutsche Verband für Archäologie mit einer Leitlinie für eine Archäologie der Moderne auch die jüngsten historischen Epochen in seine Tätigkeit einbezogen habe, sei ihre Behörde nun unter anderem dabei, Lager-Standorte aus der NS-Zeit zu kartieren: „Damit ist auch das dort vermutete Gräberfeld für die Landesarchäologie interessant geworden.“

Zu deren alltäglichem Geschäft gehöre zwar auch der Umgang mit Begräbnisstätten aus der Zeit bis in die frühe Neuzeit, so Halle: „Aber dies ist eine Situation, die wir so noch nicht hatten. Hier muss man genau gucken, welche Gesetze außer dem Denkmalschutzgesetz wir einzuhalten haben – etwa die Genfer Konventionen.“

Die Recherche läuft; unter anderem hat Halle hochaufgelöste Luftbilder aus England angefordert, von denen sich die Professorin für Ur- und Frühgeschichte Details zur genauen Lage des Friedhofs verspricht. Unklar sei auch noch, ob es sich tatsächlich um ein Massengrab handele: „Aus der Gedenkstätte Lager Sandbostel haben wir Unterlagen bekommen, in denen von Reihen und Grabnummern die Rede ist – das klingt so, als ob dort ein relativ geregelter Friedhof war.“

Auf dem Gelände selbst ist Halle zufolge eine Voruntersuchung geplant, für die die Fläche aber geräumt sein müsse: „Dann können wir auch zügig anfangen zu graben.“ Aktuell sind verschiedene Teile des Areals wie berichtet an fünf Betriebe vermietet, mit denen es laut Iven Krämer, Referatsleiter im Häfen-Ressort, in dieser Woche ein gemeinsames Gespräch geben soll.

Ist tatsächlich mit dem Fund menschlicher Überreste zu rechnen, so sollen für die Hauptuntersuchung auch die Gerichtsmedizin, eine Anthropologin und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hinzugezogen werden. Denn, so Halle: „Es ist eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe, da allen Interessen gerecht zu werden.“

Aktuell überprüft die Landesarchäologin die vom Bremer Friedensforum und der Bürgerinitiative (BI) Oslebshausen und umzu ermittelten Zahlen. Diese gehen nach Recherchen in einer russischen Online-Datenbank und im Staatsarchiv davon aus, dass unter der Erde am Bahndamm noch die sterblichen Überreste von mindestens 116 russischen Zwangsarbeitern liegen.

Diese Zahl zweifelt allerdings der Oslebshauser Heimatforscher Harry Winkel an, der bereits vor etwa 30 Jahren Nachforschungen zum Russenfriedhof angestellt und damals mit vielen Zeitzeugen gesprochen hat. Anders als von BI und Friedensforum dargestellt habe es auf dem Gelände an der heutigen Reitbrake auch keine Exekutionen gegeben, sagt er: „Da werden die Leichen benutzt, um die Pläne für eine Bahnwerkstatt in Frage zu stellen. Damit wird sowohl den verscharrten Kriegsgefangenen unrecht getan als auch den Menschen, die mir seinerzeit Informationen dazu zugänglich gemacht haben.“

Keinesfalls wolle die BI den Friedhof instrumentalisieren, betont BI-Sprecher Dieter Winge. „Aber wenn man sich mit diesem Grundstück beschäftigt, dann kann man das nicht ausblenden.“ Er sei froh, dass das Thema jetzt in professionelle Hände komme. Und: „Die Bürgerschaft sollte nun vielleicht über ihre Kultur des Erinnerns debattieren.“

Die wissenschaftliche Untersuchung des Geländes wiederum könnte kostspielig und womöglich auch langwierig werden. Dementsprechend erwartet Halle ein entsprechendes Budget und ist angesichts des wachsenden öffentlichen Interesses an diesem politisch heiklen Thema außerdem überzeugt: „Da wird uns niemand unter Zeitdruck setzen können.“

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