Ungewisse Zukunft

Gärtnern bis die Bahn kommt

Nur noch wenige Parzellisten bestellen Gärten an der Beneckendorfallee in Bremen-Sebaldsbrück, denn die Deutsche Bahn plant dort eine neue Eisenbahnüberführung. Aber sie harren aus.
21.09.2018, 20:14
Lesedauer: 3 Min
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Gärtnern bis die Bahn kommt
Von Christian Hasemann

Gelbe Grashalme wippen im Wind, Stauden haben sich ausgebreitet und Obst hängt an den Ästen, aber noch viel mehr Fallobst liegt unbeachtet im hohen Gras und vergammelt. In diesen Gärten bändigt keine Hand mehr das Wachstum, sorgt keiner für Ordnung im wilden Treiben der entfesselten Natur. Und doch: zwischen den verwilderten Gärten gibt es noch einzelne Parzellen, Oasen des naturnahen Schaffens, in denen Menschen ausharren. Denn eigentlich müssten sie schon fort sein, ihre Pachtverträge sind gekündigt, das Tunnelprojekt „Eisenbahnüberführung Zeppelinstraße“ wirft seine Schatten voraus.

An der Beneckendorfallee ist kein zweiter Hambacher Forst entstanden, keine Baumhäuser sind in den von der Miniermotte befallenen Rosskastanien zu erspähen und Braunkohle wird man wohl auch eher nicht im Boden finden, dennoch sind die Bäume der Allee und die Gärten nicht nur durch gefräßige Motten gefährdet, sondern auch durch Bagger, Kettensäge und Lastwagen, denn für die Verlegung der Eisenbahnüberführung und dem Tunnelbau knapp 70 Meter weiter westlich vom jetzigen Standort braucht es Platz für Baumaterial und Lagerflächen. Diesen sollen vor allem die Kleingärten bereitstellen. Deswegen wurde den Parzellisten im vergangenen Jahr durch den Bahn Landwirtschftsverband gekündigt, der das Kleingartengebiet, das im Besitz der Deutschen Bahn ist, verwaltet.

„Wir sind nur noch geduldet“

„Wir bleiben solange wie möglich“, sagt Elke Hoffmann. Sie ist eine von vier standhaften Parzellenbesitzern, die an der Beneckendorfallee noch ihre Gärten bewirtschaften. „Aber wir sind nur geduldet, wenn es hart auf hart kommt, müssen wir weg.“ Wann und ob das sein wird, ist allerdings unklar. Die Deutsche Bahn hatte zuletzt erste vorbereitende Baumaßnahmen für das kommende Jahre angekündigt. 2020 soll es dann mit den eigentlichen Arbeiten losgehen und dafür sollen die Kleingärtner ihre Parzellen ebenerdig hinterlassen.

Ebenerdig, das heißt vollständig planiert und zurückgebaut. Davon ist in der Beneckendorfallee nicht viel zu sehen. Viel eher sieht es so aus, als ob die ehemaligen Gartenbesitzer alles stehen und liegen gelassen haben. Die Gartenhäuschen stehen noch, kleine Kaminschlote sind zu erkennen und zugewucherte Gewächshäuser sind Zeuge eines wohl eher ungeordneten Aufbruchs. Der Vorsitzende hat seinen Garten aufgegeben. Der zuständige Regionalverband Hannover der Bahn-Landwirtschaft? Hat sich aufgelöst. Ein Streit im Vorstand, sagt Elke Hoffmann.

Im vergangenen Jahr kamen Gerüchte in der Kleingartenkolonie auf, dass einige Grundstücke des Parzellengebiets von Investoren aufgekauft worden seien. Der Bahnkonzern hat die Kleingärten seit Jahren als Einnahmequelle entdeckt. Gerade in Ballungsräumen hat die Bahn vielen Unterverbänden die Gärten gekündigt, um die Grundstücke verkaufen zu können. In Berlin, Baden-Württemberg und zuletzt in Solingen haben sich Kleingärtner gegen diese Kündigungen gewehrt. Ist also der Bau der Eisenbahnüberführung ein willkommener Anlass, den Kleingärtnern zu kündigen, um im Anschluss die Grundstücke meistbietend zu verkaufen? Das ist eher unwahrscheinlich, dafür sind die Grundstücke zu schmal und für eine Wohnbebauung direkt an der Eisenbahntrasse denkbar ungeeignet. Ohnehin ist die Fläche im Flächennutzungsplan als Grünfläche ausgewiesen.

Genaue Zeit- und Baupläne unbekannt

Unterstützung erhielten die Kleingärtner in Sebaldsbrück bisher von der Geschäftsführerin Beate Fruth-Tepe des Unterverbandes Hannover. Doch es gab interne Querelen. Die Bezirksversammlung des Unterverbandes lehnte eine Satzungsänderung des Hauptverbandes ab. Der Grund: Diese hätte die Geschäftsführer der Bezirke weisungsunabhängig vom Bundeseisenbahnvermögens und sie so zu Angestellten ihrer jeweiligen Bezirke gemacht. In der Folge legte die Bezirksversammlung ihr Amt nieder. Der Unterverband wurde in der Folge aus dem Hauptverband ausgeschlossen und darf die Flächen nicht mehr verwalten. Die Kleingärtner aus Bremen und Hannover standen damit zunächst ohne Ansprechpartner da. Carl Born, Vorsitzender des Hauptverbandes in Karlsruhe: „Es ist sicherlich so, dass sich die Pächter in Bremern verlassen fühlen.“ Bei Fragen könnten sich Pächter an den Hauptverband oder an den Unterverband Hamburg wenden. „Ab 2019 wird der Bereich Niedersachsen / Bremen von Hamburg verwaltet“, so Carl Born.

Elke Hoffmann tappt derweil im Dunkeln, warum die Bahn die gesamte Fläche zwischen Föhrenstraße und Zeppelintunnel für die Bauarbeiten benötigt. „Es gibt doch genügend freie Flächen auf dem Könecke- und dem Coca-Cola-Gelände.“ Außerdem habe es geheißen, dass die Kleingärtner nach den Bauarbeiten zurückkehren könnten. Wie die genauen Zeit- und Baupläne aussehen, ist bisher nicht bekannt. „Wir erfahren nichts, wir hören nichts“, sagt Elke Hoffmann. Auch die Deutsche Bahn hat sich bisher nicht detaillierter zur Bau-Umsetzung geäußert.

Unterdessen schießt auf der Beneckendorfallee auch jenseits der Kleingärten das Kraut in die Höhe. Das ganze Jahr über habe niemand den Grünstreifen der Allee gemäht, sagt Elke Hoffmann. An dem kleinen Parkplatz an der Ecke Beneckendorfallee / Zeppelinstraße hat sich eine illegale Müllkippe gebildet: Bauschutt, alte Fenster, volle Müllbeutel liegen herum. In den vier verbleibenden Gärten dagegen herrscht noch Ordnung. Noch.

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