Vonovia plant Bau von 88 Wohnungen

Abriss von Schlichthäusern in Sebaldsbrück beginnt

Der Wohnungsbaukonzern Vonovia hat mit dem Abriss der Schlichthäuser am Sacksdamm und der Alten Landwehr in Sebaldsbrück begonnen. Die ehemaligen Bewohner blicken mit Wehmut zurück.
07.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Abriss von Schlichthäusern in Sebaldsbrück beginnt
Von Christian Hasemann
Abriss von Schlichthäusern in Sebaldsbrück beginnt

Durch den Bauzaun sind die restlichen Schlichthäuser am Sacksdamm/Alte Landwehr noch zu sehen.

PETRA STUBBE

In der vergangenen Woche haben die ersten vorbereitenden Maßnahmen zum Abriss der Schlichthäuser am Sacksdamm und der Alten Landwehr in Sebaldsbrück begonnen. Die Anwohner sind erleichtert, dass ein Ende der inzwischen verwahrlosten Gebäude und Gärten abzusehen ist, für die ehemaligen Bewohner dagegen ist es ein schmerzlicher Abschied von einem Stück lieb gewonnener Heimat.

„Ich habe den Beginn des Abrisses über eine ehemalige Nachbarin mitbekommen und bin abends hin und habe Abschied genommen. Das tat mir in der Seele weh“, sagt Simone Helber. Die Großfamilie Helber war eine der letzten Mietparteien, die aus ihrem Haus am Sacksdamm auszogen. Die Familie wohnt weiter in Sebaldsbrück und nach einigen Schwierigkeiten ist die neue Wohnung zumindest annehmbar – wenn auch deutlich lauter als das eher versteckt liegende, vorherige Heim. Doch die Wehmut bleibt. „Mir blutet das Herz, wenn ich an die ganzen Abende denke, die wir mit unseren Nachbarn dort verbracht haben“, sagt Simone Helber. „Ein Stück Leben wird dort weggerissen“, sagt sie, und dabei stockt ihre Stimme. Jeden Cent habe die Familie in das Haus, in den Garten gesteckt. „Wir haben dort alles auf eigene Kosten gemacht, andere haben ihr Geld für Reisen und Luxus ausgegeben und wir haben alles dort reingesteckt.“

Garten wird fehlen

20 Jahre hat die Familie am Sacksdamm gelebt. Trotz des Schmerzes: Vielleicht wird es eine Rückkehr geben. Die Vonovia hat der Familie, so stellt es Helber dar, das Angebot gemacht, dorthin zurückzuziehen, wenn die Neubauten stehen. Tatsächlich sind einige größere Wohnungen geplant, die für eine Großfamilie geeignet sind. „Aber ob es dann wie vorher wird, das weiß man nicht“, ist Helber skeptisch. Die Nachbarschaft sei zerschlagen und auch die Gärten kämen ja nicht zurück. Das kleine Stück Land, direkt vom Haus aus zugänglich, ist offenbar auch für die Kinder noch ein Traum. „Die Kleine hat gefragt, wann wir wieder zurück in unseren Garten können“, erzählt Helber. Das wird an der Stelle nicht mehr möglich sein. Helber sieht aber nicht nur auf ihre Familie. „Große Familien haben kaum Chancen auf eine Wohnung, da müsste auch die Stadt etwas machen.“

Eine ganz andere Sicht auf die Schlichtbauten haben diejenigen, die dort nicht gewohnt haben. Für viele Anwohner waren die in die Jahre gekommenen Bauten aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts schlicht ein Schandfleck im Ortsteil. Nach dem Auszug verwahrloste das Gelände, Ratten zogen ein, Sperrmüll stapelte sich. Die Beschwerden über die Eigentümerin Vonovia häuften sich. Schließlich wurde ein Bauzaun um das Gelände gezogen und die Schädlingsbekämpfer rückten an.

Gesundheitsschädliche Altlasten

Ende November hat die Vonovia mit den ersten vorbereitenden Maßnahmen für den Abriss begonnen. Bis Mitte Februar kommenden Jahres sollen sich nach Auskunft des Konzerns die Bagger vom Norden der Alten Landwehr bis zur Eckener Straße fressen. Dabei werde der Schutt nur auf dem Grundstück verladen und dann abgefahren. Das Unternehmen geht nicht davon aus, während der Abbrucharbeiten auf unerwartete Schwierigkeiten zu stoßen.

Tatsächlich haben Bodenproben aber zum Teil erhebliche Belastungen mit Chemikalien, sogenannte polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, und Blei ergeben, geht aus der Begründung zum Bebauungsplan hervor. Die Verschmutzungen sind so erheblich, dass das Unternehmen Ende Oktober eine Sanierungsvereinbarung mit der Stadt eingegangen ist. Ursache für die Belastung des Erdreichs sind Schuttreste, zum Teil offenbar aus dem Zweiten Weltkrieg, die zum Auffüllen von Mulden im Gelände genutzt wurden. Diese Schuttreste sollen ausgegraben und entsorgt werden. Die fachgerechte Sanierung solle gutachterlich begleitet werden, heißt es im Bebauungsplan weiter.

Am vergangenen Donnerstag hatte die zuständige Baudeputation für das Vorhaben gestimmt. Danach steht die öffentliche Auslegung an. In dieser Phase können noch Bedenken und Einwände gegen die Pläne vorgebracht werden. Danach steht noch das Votum der Bremischen Bürgerschaft an, um die gesetzlichen Grundlagen für das Neubauvorhaben zu schaffen. Aus der Vorlage ist zu entnehmen, dass kleinere Bedenken und Anregungen der Anwohner und des Beirats, die in der Einwohnerversammlung geäußert wurden, in den Plan aufgenommen wurden.

Die für die Anwohner der Zeppelinstraße, deren Gärten zum Neubaugebiet hinausgehen, wohl interessanteste Festsetzung im Bebauungsplan ist eine 1,20 Meter hohe Schallschutzwand im südöstlichen Bereich der neuen Erschließungsstraße. Diese soll den Lärm der insgesamt 57 Parkplätze mindern. Die Schallschutzwand beginnt an der Einmündung der neuen, noch unbenannten Erschließungsstraße und führt im Norden bis zur heutigen Querverbindung der Alten Landwehr.

Teil der Planung ist außerdem ein Mobilitätskonzept. Durch solche Konzepte reduziert sich die Anzahl an Parkplätzen, die ein Bauherr nachweisen muss. Im Fall des Sacksdamm/Alte Landwehr bedeutet das: Fahrradabstellanlagen, Ausbau des Carsharing-Angebots durch zwei Carsharing-Fahrzeuge, eine Bikesharing-Station mit E-Bikes und Lastenrädern und die Bereitstellung von Mietertickets.

88 Wohnungen geplant

Insgesamt sollen auf dem Gelände zwischen Zeppelinstraße, Eckener Straße und Alte Landwehr etwa 88 Wohnungen entstehen. Davon sind 25 Prozent als geförderter Wohnraum vorgesehen. Die Neubauten setzen sich aus kleineren und größeren Geschossbauten zusammen. Laut Vonovia reichen die Wohnungsgrößen von circa 35 bis 120 Quadratmeter, wobei der Schwerpunkt auf kleineren und mittleren Wohnungsgrößen liegt. Alle Wohnungen sollen über einen Freibereich oder Balkon sowie einen Abstellraum außerhalb der Wohnung verfügen. Der Mindeststandard bei der Energieeffizienz soll bei KfW 55 liegen, in der weiteren Detailplanung werde der Standard 40 angestrebt, heißt es im Bebauungsplan.

Wenn alles abgerissen ist und die neuen Gebäude stehen, wird kaum noch etwas an die alte Siedlung erinnern. Denn auch die Straße Am Sacksdamm wird es dann nicht mehr geben, von der Alten Landwehr nur noch die nördliche Querverbindung.

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