Orgelsommer

Als im Westen ein Feuersturm niederging

Der XII. Bremer Orgelsommer hat einen besonders ernsten Hintergrund: Vor 75 Jahren ging beim 132. Luftangriff auf die Hansestadt der Bremer Westen und mit ihm St. Stephani unter.
31.07.2019, 16:43
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Als im Westen ein Feuersturm niederging
Von Sigrid Schuer
Als im Westen ein Feuersturm niederging

So sah es im Stephani-Viertel 1944 nach dem verheerenden Bombenangriff aus. In nur 34 Minuten wurde die Stadt vom Hafenquartier bis zum Waller Ring zerstört.

STAATSARCHIV BREMEN

In Hamburg werden gerade zum 300. Todestag des großen Orgelbauers Arp Schnitger „alle Register gezogen“, unter anderem mit einer Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe. Und auch in Bremen wird Arp Schnitger im Fokus des 30. Musikfests stehen. Doch bis es soweit ist, startet an diesem Donnerstag, 1. August, mit einem Konzert im St.- Petri-Dom, um 19 Uhr, der XII. Bremer Orgelsommer. Unter dem Titel „Stimmungsbilder“ interpretiert Stephan Leuthold an der Sauer-Orgel unter anderem Werke von Edwin Henry Lemare und Edward Elgar.

Einen besonderen Schwerpunkt innerhalb des Orgelsommers soll nach Veranstalterangaben das Gedenken und die Mahnung an 75 Jahre Zerstörung von St. Stephani bilden. Der schwerste Luftangriff, den die Hansestadt erlebte, fand in der Nacht zum 19. August 1944 statt. Rund 500 Bomber warfen 68 Minenbomben, 2323 Spreng-, 10 800 Phosphor- und 108 000 Stabbrandbomben ab. St. Stephani wurde stark zerstört. Die Kriegswunden sind bis heute zu sehen, sogar innerhalb von Bremens drittältester Kirche. Das Südschiff wurde nicht wieder aufgebaut. In der Nacht vom 18. auf den 19. August sollen die Glocken von St. Stephani, die die schönen Namen Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfung tragen, zwei Mal geläutet werden: Um 23.56 Uhr und um 0.30 Uhr. Denn genau zu dieser Zeit ging der Bremer Westen 1944 im Feuersturm unter. Rund 1054 Menschen starben bei dem Luftangriff. In nur 34 Minuten wurde die Stadt vom Hafenquartier bis zum Waller Ring total zerstört. Das Ziel der britischen Bomber waren die Bremer Häfen.

Auf historischen Fotos ist zu sehen, dass sie ganze Arbeit leisteten. Die Wohnhäuser rund um die Stephani-Kirche: ausradiert. Die Seitenschiffe der 1139 gegründeten Fischerkirche: herunter gebrannt. Nur der Kirch-Turm von St. Stephani ragte wie ein mahnender Zeigefinger aus der Trümmerlandschaft empor. Auch er schwer beschädigt. Der „Lange Steffen“ musste mit einer Holzkonstruktion abgestützt werden. Bremens Alt-Bürgermeister Henning Scherf, langjähriges Mitglied der St. Stephani-Gemeinde, hat das noch miterlebt. Sein Vater war Mitglied des Kirchenvorstandes. „Wir sollten nicht vergessen, dass diese Bomben gegen das Hitler-Regime gerichtet waren“, betonte er schon im Sommer vergangenen Jahres, als in St. Stephani der 70. Jahrestag des Wiederaufbaus mit einem Fest-Gottesdienst begangen wurde.

Kooperation mit dem Brodelpott

Scherf wird dann auch am 18. August, um 18 Uhr, in der Kulturkirche die Predigt halten, die Liturgie hält Pastorin Diemut Meyer. Es singt die Bremer Kantorei unter der Leitung von Kantor Tim Günther, der auch die Orgel spielen wird. Friedrich Scherrer, von 2000 bis 2014 Pastor an St. Stephani und zuvor von 1979 bis 1999 an der ebenfalls von den Bomben getroffenen Immanuel-Gemeinde, ergänzt: „Es ist eben so: Wer Wind sät, wird Sturm ernten“. Er wird am gleichen Sonntag um 10 Uhr im Gedenkgottesdienst „Als der Bremer Westen brannte“ in der Michaelis-Kirche, Doventorsteinweg 51, um 10 Uhr gemeinsam mit anderen lesen. Für die musikalische Umrahmung sorgt der Chor Collegium Musicum unter der Leitung von Babette Ehlers, die auch die Orgel spielen wird. Aber auch die Kollegen von der Liebfrauenkirche reihen sich in den Reigen der Gedenkgottesdienste ein. Am Sonntag, 18. August, um 10.30 Uhr singen das Ensemble „Laudate Cantate“, Solisten sowie der Knabenchor unter der Leitung von Kantor Ulrich Kaiser die Bach-Kantate „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“.

Im Rahmen der Gedenkveranstaltungen ist St. Stephani auch eine Kooperation mit dem Kulturhaus Brodelpott eingegangen, das mit einem eigenen Programm dem Feuersturm im Bremer Westen gedenken wird. Christoph U. Schminck-Gustavus wird am Donnerstag, 22. August um 20 Uhr, den Vortrag „Feuersturm - der 132. Luftangriff auf den Bremer Westen“ in der Kulturkirche halten. Der Bremer Rechtshistoriker weist darauf hin, dass zahlreiche andere europäische Städte nach Luftangriffen der deutschen Wehrmacht, bereits das gleiche Schicksal erlitten hatten.

Henning Scherf erinnerte sich schon im vergangenen Sommer daran, wie er damals, gemeinsam mit anderen Schülern und Gemeindemitgliedern Steine schleppte. Alle packten mit an, als am 31. März 1947 von der Gemeinde der mutige Entschluss zum Wiederaufbau von St. Stephani getroffen wurde. Ein Vierteljahrhundert sollte er dauern. „Das war eine großartige Leistung der Gemeinde!“ betont Pastorin Diemut Meyer. Scherf erinnerte sich aber auch an den ebenso charismatischen wie furchtlosen Pastor Gustav Greiffenhagen, der Mitglied in der bekennenden Kirche war und offen das NS-Regime kritisierte. „Er weigerte sich, anders als andere Bremer Pastoren, vor der Stephani-Kirche Hakenkreuzfahnen zu hissen“, sagt Meyer. Der traditionelle Theologe war politisch sehr links und pazifistisch. Seinem Aufruf zur Kriegsdienstverweigerung folgten viele Jugendliche aus der Stephani-Gemeinde, darunter auch Scherf. Greiffenhagens pazifistisches Engagement sei bis heute prägend für die Friedensarbeit der Kulturkirche, betonen Diemut Meyer und Friedrich Scherrer.

Weitere Informationen

Am Sonntag, 18. August, 18 Uhr, Orgelkonzert in der Martin-Luther-Kirche Findorff, Hemmstraße 202, Dietrich Buxtehude und seine Zeit: Nicolaus Bruhns, Johann Sebastian Bach und Georg Böhm. Christian Faerber spielt an der Beckerath-Orgel.

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