Massenunterkünfte in Zeiten von Corona Jeder weitere Tag ist ein Tag zu viel

In Sammelunterkünften für Geflüchtete ist Abstand halten besonders schwierig. Es müssen Alternativen geschaffen werden - und zwar schnell, findet Carolin Henkenberens.
26.04.2020, 08:00
Lesedauer: 3 Min
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Jeder weitere Tag ist ein Tag zu viel
Von Carolin Henkenberens

Hunderte Menschen während einer Pandemie in einem Gebäude leben zu lassen, in Mehrbettzimmern, mit geteiltem Klo – ist das klug? Unter Umständen, die hervorragende Bedingungen zur ­Virenausbreitung bieten? Die Antwort ist eindeutig: Nein. Wenn sich ein Virus verbreitet, für das es bislang weder eine Impfung noch nachweislich wirksame Medikamente gibt, muss der Schutz der Gesundheit an oberster Stelle stehen – und zwar für alle Menschen. Auch für jene, die möglicherweise keine Perspektive in Deutschland haben werden.

Aus diesem Grund fordern Initiativen, Flüchtlingsorganisationen und Geflüchtete seit Wochen: Schließt die Landeserstaufnahmestelle (Last) in der Lindenstraße. Man muss deren politische Überzeugungen, wonach Sammelunterkünfte per se abzulehnen sind, nicht teilen. Manch ein Kritiker macht es sich auch zu einfach, wenn er ausgerechnet der grünen Sozialsenatorin Anja Stahmann pauschal Rassismus vorwirft. Auf Twitter schrieb eine Person, die Geflüchteten seien Teil eines „Menschenexperiments“. Das ist Hohn gegenüber jenen, die tatsächlich Opfer solcher Experimente geworden sind.

Dezentrale Unterbringung notwendig

Die Kritik in Bezug auf die Last ist deshalb aber nicht falsch. Eine dezentrale Unterbringung der Asylbewerber und Flüchtlinge während der Corona-Krise ist absolut notwendig. Ellwangen, Geldersheim, Halberstadt: In der gesamten Republik sind Hunderte Bewohner von Erstaufnahmestellen und Ankerzentren infiziert.

Es muss hinzugefügt werden: Die Bewohner werden vorsorglich getestet. Sie zeigten zuvor keine Symptome und waren nicht unbedingt mit einem Infizierten in Kontakt. Das geht über die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts hinaus und ist richtig so, auch zum Schutz der Mitarbeiter und Nachbarn. Niemand kann seriös sagen, ob der Anteil der Infizierten in der Bremer Erstaufnahmestelle im Vergleich zur gesamten Bevölkerung ungewöhnlich hoch ist. Welche Zahl würde zu Tage gefördert, würde man alle Bremerinnen und Bremer auf Corona testen? Trotzdem: Auch Nicht-Epidemiologen leuchtet ein, dass Mehrbettzimmer und geteilte Badezimmer nicht den gesellschaftlichen Durchschnitt widerspiegeln.

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Einige bringen dieser Tage vor, dass auch niemand auf die Idee käme, Altenpflegeheime, Gefängnisse und Krankenhäuser zu evakuieren. Dieser Vergleich funktioniert nicht, um zentrale Unterbringung zu rechtfertigen. Es hängt doch von den Alternativen ab. Eine demente 90-Jährige ohne Angehörige, die sich um sie kümmern können, ist in einem Seniorenheim am besten aufgehoben. Ein Patient mit Blinddarmentzündung ist nirgendwo so gut versorgt wie im Krankenhaus, Corona hin oder her. Straftäter durften die JVA allenfalls ein wenig früher verlassen, wie es in Bremen Ende März in 26 Fällen passiert ist. Aber ein Asylbewerber muss in dieser Ausnahmesituation nicht zwangsläufig in einer Großunterkunft leben. Er ist auch woanders für die Behörden greifbar, kann auch in kleineren Unterkünften unterstützt werden.

Warum kam der Aufnahmestopp so spät?

Natürlich müssen diese kleineren Unterkünfte auch vorhanden sein, müssen Wohnheime eingerichtet werden. Es scheint allerdings, dass damit in Bremen zu spät begonnen wurde. Die Sozialsenatorin sagt, ihre Behörde habe schon nach Alternativen gesucht, als Gesundheitsminister Jens Spahn im Fernsehen noch Karnevalsveranstaltungen rechtfertigte. Das muss im Februar oder Anfang März gewesen sein. Wieso dauerte es dann bis zum 24. März, bis der Auszug der ersten 30 Menschen aus der Last verkündet wurde? Zu diesem Zeitpunkt, als die Schulen und Kitas schon eine Woche geschlossen waren, lebten noch 600 Menschen in der Last. Aktuell sind es 374 Personen, alle stehen derzeit unter Quarantäne. Mehr als 130 sind infiziert. Wieso erfolgte der Aufnahmestopp erst, als längst Dutzende infiziert waren? Wie soll es überhaupt weitergehen? Die rot-grün-rote Koalition kündigte an, es sollen schnellstmöglich weitere Menschen umziehen. Wie soll das gehen?

Ja, man kann Geflüchtete nicht, wie 2015, gesammelt in Turnhallen bringen. Das ist aber keine Entschuldigung. Hotelzimmer für Flüchtlinge wären leider ein gefundenes Fressen für Hetzer vom rechten Rand. Angst vor solchen Reaktionen darf die Politik indes nicht steuern, gute Erklärungen sind gefragt. Klar ist natürlich, dass der Staat Hotels keine Mondpreise zahlen sollte. Der Bremer Senat muss nun jedoch Wort halten und im Eiltempo weitere Häuser herrichten zur Entlastung aller Sammelunterkünfte. Damit alle bestmöglich geschützt sind.

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