Serie „Bremer Institutionen“: Teil 2 Bremer Handelskammer: Stimme der Wirtschaft

Vom Namen kennt jeder Bremer große Institutionen wie die Arbeitnehmerkammer, die Gewoba oder die SWB. In dieser Serie erklären wir, wie sie aufgebaut und was ihre Aufgaben sind. Teil 2: die Handelskammer.
06.04.2020, 12:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Handelskammer: Stimme der Wirtschaft
Von Nina Willborn

Der Bremer Marktplatz wäre nicht der Bremer Marktplatz ohne den mächtigen Schütting an seiner Südseite, das steinerne Zeugnis der Macht der Wirtschaft. Der Handel, die Hanse: entscheidende Triebfedern einstigen Ruhms und bis heute grundlegende DNA bremischen Selbstverständnisses. Die „Elterleute“, Vertreter der Bremer Kaufleute, waren im Jahr 1451 die ersten im heutigen Deutschland, vielleicht sogar in ganz Europa, die schriftlich ihre Interessen gegenüber dem Rat definierten, sich also selbst organisierten.

Keine außerparlamentarische Opposition

Schütting und Rathaus stehen sich gegenüber – gegen das Wort "Opposition" verwahrt sich aber Matthias Fonger, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer für Bremen und Bremerhaven, wie sie seit 2016 offiziell heißt. "Wir freuen uns, wenn wir als starke Stimme wahrgenommen werden", sagt er. "Die Handelskammer darf man allerdings nicht als außerparlamentarische Opposition verstehen." Man darf sie aber als eine Institution verstehen, die, so war es jahrhundertelang Tradition, auch heute noch Anspruch auf Mitbestimmung im Sinne des Wohls von Stadt und Land erhebt. "Natürlich ist es so, dass Unternehmer manchmal andere Vorstellungen davon haben, wie Bremens Zukunft aussehen soll als die Politik. Und diese Meinungen artikulieren wir klar und deutlich", sagt Fonger. "Aber es gibt in der Zusammenarbeit mit der bremischen Politik ein vielfältiges Miteinander. Das war zu Zeiten der Großen Koalition nicht anders als jetzt mit Rot-Grün-Rot.

Die Stimme der Wirtschaft bilden die etwa 53.000 Unternehmen aus Handel, Industrie und Dienstleistungen. Ihre Mitgliedschaft ist verpflichtend, die Beiträge (Grundbeitrag und Umlage) unterscheiden sich je nach Größe des Unternehmens. Die Mitglieder wählen das Plenum der Handelskammer, sozusagen das Parlament der Wirtschaft. Jedes Unternehmen hat eine Stimme, egal ob groß oder klein. „Wir sind eine demokratisch aufgebaute Institution“, sagt Fonger. Aufgabe des Plenums ist es, die Belange der unterschiedlichen Branchen in einer Gesamtposition zusammenzufassen – die inhaltliche Basis der Interessenvertretung.

Plenumsvertreter werden durch „versetzte Teilwahl“ bestimmt

Das Wahlverfahren unterscheidet die Bremer Handelskammer von allen anderen in Deutschland: Nur hier werden die Plenumsvertreter, derzeit aus 52 Mitgliedsunternehmen, nach dem alten Prinzip der „versetzten Teilwahl“ bestimmt. Das bedeutet: Alle drei Jahre wird jeweils nur die Hälfte des Plenums neu gewählt, damit, wie Fonger erklärt, Kontinuität und Erneuerung sich die Waage halten. „Das bedeutet zwar mehr Aufwand, aber es ist auch eine Bremer Besonderheit, an der wir unbedingt festhalten wollen.“ Die Vollversammlung wählt wiederum das Präsidium, bis zu zehn Mitglieder sind möglich. Derzeit steht mit Janina Marahrens-Hashagen die erste Frau an der Spitze des ehrenamtlich arbeitenden Vorstands.

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Kein Geld für ihr Engagement bekommen auch die gut 3000 Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich in einem weiteren Handlungsfeld der Kammer engagieren: bei ihren hoheitlichen, also staatlichen Aufgaben. Als Körperschaft öffentlichen Rechts übernimmt die Handelskammer zum Beispiel die Organisation der beruflichen Ausbildung anstelle des Staates. Dazu gehören die ehrenamtlich besetzten Ausschüsse, die Zwischen- und Abschlussprüfungen der circa 10.000 Bremer Auszubildenden abnehmen. Die Handelskammer ist auch für das Register der Versicherungsvermittler zuständig, ebenso für die Benennung von Sachverständigen zu allen möglichen Wirtschaftsthemen.

Unabhängige Meinung

Auch wenn sie staatliche Aufgaben übernimmt und sie eine öffentlich-rechtliche Struktur besitzt – wirtschaftlich ist die Handelskammer ebenso wie die ähnlich strukturierten Arbeitnehmer- und Handwerkskammern autark. "Das ist wichtig, damit die Stimme der Wirtschaft politisch neutral sein kann. Unsere Meinung ist unabhängig", sagt Fonger. Nicht Teil der Verwaltung zu sein, hat seiner Ansicht nach auch Vorteile bei der Arbeitsweise. "Unsere Abläufe sind unbürokratischer als im öffentlichen Dienst. Unternehmer denken und entscheiden flexibler, zum Beispiel in Fragen der Sparsamkeit und der Effizienz.“ Beratung und Service für die Mitgliedsunternehmen ist die dritte Säule der Handelskammer, die vor allem die Arbeit der derzeit 116 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestimmt.

Gefragt nach der größten Herausforderung der vergangenen Jahre für das Haus, nennt Fonger den Zusammenschluss der Kammern von Bremen und Bremerhaven vor gut drei Jahren, eine Besonderheit unter den insgesamt 79 Industrie- und Handelskammern. Diskutiert würden Fusionen häufiger, sagt Fonger, vor allem in den Flächenländern. Geschafft hätten es in den vergangenen 15 Jahren aber nur die Bremer. „Ein interessanter und anstrengender Prozess, mit dessen Ergebnis wir und unsere Mitgliedsunternehmen wirklich zufrieden sind“, sagt er.

Nächste Folge: die Handwerkskammer.

Info

Zur Sache

Corona-Hilfen der Handelskammer

Die Ausnahmesituation durch die Corona-
Pandemie trifft auch die Unternehmerinnen und Unternehmer in Bremen und Bremerhaven hart. Die Handelskammer bietet auf ihrer Homepage Informationen zu konkreten Hilfen für Firmen und Selbstständige, ebenso haben die fachlichen Ansprechpartner ihre Sprechzeiten verlängert und sind zwischen 8 und 20 Uhr per Telefon und E-Mail erreichbar. Außenwirtschaftsdokumente wie Ursprungszeugnisse können derzeit elektronisch abgewickelt werden.

Für lokale Betriebe und Firmen gibt es über die Plattform www.jetzt-kaufen-in-bremen.de, die die Handelskammer in Kooperation gemeinsam mit den Werbe- und Interessengemeinschaften aus Bremen ins Leben gerufen hat, die Möglichkeit, kostenfrei aktuelle Angebote, Bestell- und Liefermöglichkeiten zu präsentieren. Für Firmen in Bremerhaven gilt dies ebenso über die Homepage www.jetzt-kaufen-in-bremerhaven.de.

Über die Webseite www.wir-fairzichten.de können Kundinnen und Kunden sich mit den Unternehmern solidarisch zeigen, indem sie auf Erstattungen zum Beispiel für bereits bezahlte Tickets oder Abos von Kultureinrichtungen oder Fitnessstudios verzichten.

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