Kommentar über Diskriminierung

Gesellschaft muss divers sein

Mit dem Jawort zur Ehe für alle ist eine Bastion gefallen. Doch die Diskriminierung hat damit kein Ende und CSD-Paraden wie in Bremen werden dadurch nicht überflüssig, meint Marcel Auermann.
24.08.2018, 20:28
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Gesellschaft muss divers sein
Von Marcel Auermann

Die, sagen manche nur ganz abfällig und meinen Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender. Die – also – hätten doch alles erreicht, nachdem der Bundestag im Juni 2017 das Gesetz zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare beschloss. Und obendrein bestehende Ungleichbehandlungen beim Adoptionsrecht beseitigte. Aber allein, dass sich manche weigern, die Worte schwul und lesbisch in den Mund zu nehmen, macht deutlich, dass noch ein langer Weg vor uns liegt.

Benachteiligungen und Ausgrenzungen sind allgegenwärtig. Oftmals handelt es sich um offen abwertende Einstellungen, manchmal um subtile Formen, was in der Forschung den Begriff der "modernen Homophobie" prägte. So lange händchenhaltende Männer mehr noch als händchenhaltende Frauen Aggressionen auslösen, sind Paraden wie an diesem Sonnabend zum Christopher Street Day (CSD) in Bremen nicht überflüssig. Aber das ist nicht alles.

Fast ein Fünftel stimmte in einer Befragung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes der Aussage voll und ganz oder eher zu, Homosexualität sei unnatürlich. Rund 40 Prozent fänden es unangenehm, wenn das eigene Kind lesbisch oder schwul ist. Homo- und Bisexuelle dürfen nur Blut spenden, wenn sie ein Jahr lang auf Sex verzichteten. Eltern müssen sich nur einmal auf dem Schulhof umhören und es dauert nicht lange, bis Worte wie "Schwuchtel" oder "Tunte" fallen.

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Kinder können grausam sein. Und nicht nur die! Kraftausdrücke wie "Schwule Sau" werden auch anderswo verwendet. Etwa in den (Bundesliga-)Stadien der Republik. Wer schlecht auf dem Platz spielt, bekommt gleich den Homo-Stempel aufgedrückt, weil schwul und lesbisch mit schwach und minderwertig gleichgestellt wird. Dass sich bislang kein aktiver Fußballer aus der ersten Reihe outete – wen wundert's bei dieser Ausgangslage.

Der Fußballplatz darf nicht länger ein Ort von unglaublicher Rückständigkeit sein. Homosexuelle gibt's eben nicht nur in der Tingeltangelbar, sondern auch im allerheiligsten Refugium mancher Männer und Frauen. Hubertus Hess-Grunewald, Präsident von Werder Bremen, setzt deshalb mit seiner Schirmherrschaft des CSD Bremen ein wichtiges Zeichen.Wer allen Ernstes fragt, wozu noch bunte Paraden benötigt werden, hat nichts verstanden oder schaut bewusst weg.

Es ist wichtig, dass sich die Hansestadt wenigstens ein Mal im Jahr demonstrativ schwul und lesbisch gibt. Damit signalisieren die Homo-, Bi- und Transsexuellen: Wir sind mitten unter euch, sind vielleicht dein Mitarbeiter, dein Kollege, dein Pfleger, dein Arzt, dein Chef, dein Freund! Eine Gesellschaft funktioniert, weil sie bunt, divers und tolerant ist. Und sie wird immer toleranter. Aber das wäre nicht ohne die jährlich größer werdenden CSD-Demos möglich. In Bremen und weltweit.

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