Pennsylvania entscheidend für Wahl in den USA

„Scranton-Joe“ setzt auf den Heimvorteil

Donald Trumps Hoffnungen ruhen auf Pennsylvania, das er 2016 mit 44000 Stimmen Vorsprung gewann. Joe Biden setzt auf seine Herkunft aus Scranton im umkämpften Nordosten des alten Industriestaats.
17.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Scranton-Joe“ setzt auf den Heimvorteil
Von Thomas Spang
„Scranton-Joe“ setzt auf den Heimvorteil

Im US-Wahlkampf wird Herausforderer Joe Biden auch „Scranton-Joe“ genannt.

Carolyn Kaster/DPA

Anne Kearns (84) wartet voller Vorfreude auf der Veranda ihres unscheinbaren Hauses an der North Washington Avenue auf ihren Besucher. Ein alter Bekannter, der ihre Familie seit dem Verkauf seines Elternhauses 1961 rund ein Dutzend mal besuchte, hat sich angekündigt – diesmal als Präsidentschaftskandidat der Demokraten.

Er wolle „Guten Tag” sagen, ruft Joe Biden der alten Dame aus sicherer Distanz zu. Anne ist gerührt. „Du hast meine Unterstützung”, versichert sie dem 77-Jährigen, der hier in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs. „Beim nächsten Mal ohne Maske”, verspricht der Politiker Anne zum Abschied und gibt ihr eine Luftumarmung. „Ich liebe Dich”, schallt es ­zurück.

Seit der kleine Joe in den Straßen der irischen Nachbarschaft spielte, hat sich viel verändert. Damals war Scranton eine boomende Industriestadt, die mit dem Abbau von Eisenerz, Energie-Erzeugung und der Eisenbahn wohlhabend geworden war. In der nach dem Stahlbaron George Scranton benannten Stadt gab es das erste Straßenbahnnetz in den USA. Verwaiste Gleise erinnern an bessere Zeiten in der „Electric City“. Die auf 75 000 Einwohner um die Hälfte geschrumpfte Stadt ist heute eher als Drehplatz der TV-Serie „The Office“ bekannt denn als Industriestandort.

Scranton steht als Symbol für die Veränderungen nicht nur in Pennsylvania, sondern dem Rostgürtel der USA insgesamt. Orte wie diese haben mit ihrer überwiegend weißen, schlechter gebildeten und ärmeren Bevölkerung Donald Trump 2016 zum Sieg verholfen.

Gegen Hillary Clinton hatte er es leichter, obwohl auch sie familiäre Beziehungen zu Scranton hat. Clintons Großeltern liegen vor den Toren der Stadt begraben. Sie kam im Sommer oft zu Besuch, aber anders als Biden fehlte ihr der echte Stallgeruch.

Trump vermochte es nach Ansicht des demokratischen Strategen J. J. Balaban im Online-Portal „Politico“ bisher nicht, seinen volkstümlichen Herausforderer „als unakzeptabel für Pennsylvania abzustempeln”. Im Gegenteil, die Enthüllungen aus den Steuererklärungen Trumps halfen dem Demokraten, den Kontrast zwischen „Scranton-Joe” und „Park-Avenue-Don“ zu schärfen.

Der ehemalige Chefstratege Barack Obamas im Weißen Haus und Architekt seiner beiden Wahlsiege 2008 und 2012, David Axelrodt, meint, Biden sei von Anfang an der Albtraum-Gegner des Präsidenten gewesen. „Er schreckt einfach nicht genügend von den Wählern ab, die Trump verängstigen muss.” Der Herausforderer sei „kulturell unbequem für das Wiederwahl-Projekt Trumps”.

Was nicht bedeutet, dass der Präsident keine Unterstützung hat. Im Gegenteil. Er dominiert das ländliche Pennsylvania, das große Teile des „Keystone-Staats” mit 13 Millionen Einwohnern prägt. Der ehemalige Top-Berater Bill Clintons im Weißen Haus, James Carville, brachte die politische Arithmetik einmal einprägsam auf den Punkt. Es gebe die urbanen Zentren rund um Pittsburg und Philadelphia und dazwischen Alabama.

„Alabama” steht für eine Kultur, die von Weißen bestimmt wird, die um ihre Privilegien fürchten. Die Eliten in Washington sind hier genauso suspekt wie Einwanderer, Minderheiten und die Globalisierung. Gott und Gewehre stehen hier höher im Kurs als Mathematik und Masken. Die „Endless Mountains” genannte Region an der Grenze zum Bundesstaat New York gehört dazu. Der Parteichef der Demokraten von Susquehanna County, Rick Ainey (66), gestand einem Reporter der „New York Times“, dass er ein ganz bescheidenes Ziel für den Wahltag hat. „Alles, was ich will, sind 35 Prozent der Stimmen.” Das wären acht Prozent mehr als Clinton 2016 holte. Trump räumte hier mit 73 Prozent ab. „Das ländliche Pennsylvania war verrückt nach Trump“, erinnert sich auch Terry Noble, der eine Gruppe von Demokraten aus der Provinz anführt. „Die Leute sind regelrecht aus den Bergen gekommen.“

Trumps Strategie zielte darauf ab, Ärger und Ressentiments zu schüren, um die Margen in den ländlichen der insgesamt 67 Countys von Pennsylvania zu vergrößern. Im Vergleich zu 2012 mobilisierte er für die Republikaner 150 000 zusätzliche Stimmen. Mehr als genug, um am Wahltag mit 0,7 Prozent einen hauchdünnen Sieg gegen Clinton zu landen.

Das versucht der Präsident diesmal zu wiederholen, indem er davor warnt, dass Biden ein Fracking-Verbot erlassen werde, das Jobs und Einkommen kostet. „Eure Energie-Jobs werden verschwinden, wenn die gewählt werden”, sagt Trump bei seinen Auftritten. Tatsächlich will der Demokrat nur das Fracking auf öffentlichem Land einstellen. Das meiste Gas wird auf privatem Land gewonnen, das nicht berührt wäre.

Der Demokrat Ainey sieht Anzeichen, dass die Stimmung trotz des Trump-Schildermeers in den kleinen Orten der „Endless Mountains“ diesmal gedämpfter ist. Mehrere Trump-Wähler hätten ihm gestanden, die Nase voll von dem Selbstdarsteller zu haben. Die Leute seien von Biden nicht begeistert, aber auch nicht abgeschreckt wie von Clinton. „Er ist nicht Trump und hat Format.”

Darüber hinaus gibt es objektive Gründe, wie die außer Kontrolle geratene Pandemie, die nicht nur eine Bedrohung der Gesundheit ist, sondern mit neuen wirtschaftlichen Härten und Arbeitslosigkeit verbunden ist. Trump wird nicht mehr bloß als Anti-Establishment-Rebell gesehen, sondern muss als Amtsinhaber Rechenschaft dafür ablegen.

Der Umgang mit seiner eigenen Covid-19-Erkrankung half dem Präsidenten so wenig, wie die Nominierung der strikten Abtreibungsgegnerin Amy Coney Barrett für den Supreme Court. Trump hoffte, bei den Katholiken zu punkten, die in Pennsylvania die größte Religionsgemeinschaft stellen. Nach Barretts Empfang im Weißen Hauses flog er zu einer Kundgebung nach Middletown. Die „Fill the Seat”-Rufe, die seine Anhänger dort erstmals skandierten, erinnern heute daran, dass die maskenlose Party für Barrett im Rosengarten ein „Super Spreader”-Event war, bei dem sich der Präsident vermutlich selber angesteckt hatte. Das schadete Trump vor allem in den bevölkerungsreichen Vororten von Philadelphia und Pittsburgh, in denen viele traditionelle Republikaner leben, die sich mit dem Populisten schwertun. Vor allem die Frauen laufen ihm in Scharen davon.

Biden hat in den Umfragen laut „Real Clear Politics” einen Vorsprung in Pennsylvania von im Schnitt rund sieben Prozent. Ohne dramatische Kehrtwende in der Dynamik des Rennens ist „Scranton-Joe” auf Schlagweite der 20 Wahlmänner, die er für die 270-Stimmen-Mehrheit im Wahlmänner-Kollegium bräuchte.

Doch Wahlen werden nicht in Umfragen, sondern an der Urne entschieden. 2016 verpassten die Demoskopen die furiose Aufholjagd Trumps, die ihm zu einem unerwarteten Sieg verhalf. Auch diesmal dürfte es auf den letzten Metern knapp werden. Der Demos­kop Nate Silver sagt, Joe Biden habe bei einem Sieg hier eine 96-prozentige Chance, im Weißen Haus zu landen. Für Donald Trump steht diese bei 84 Prozent.

Beide Wahlkampfteams betrachten Pennsylvania als „Kipp“-Staat (auf Englisch: Tippingpoint State) und investieren hier große Ressourcen. Trump plant bis zum Wahltag mindestens sechs Mal persönlich aufzutauchen, Biden war schon ein Dutzend Mal in seinem Heimatstaat. Unter anderem unterwegs in einem Wahlkampfzug, der Stationen in ländlichen Hochburgen des Präsidenten machte.

Die epische Schlacht um den Keystone-Staat verdichtet sich im Kampf um Scranton, das im Nordosten liegt. In den Bezirken Lackawanna und Luzerne rund um die alte Industriestadt konnte Trump vor vier Jahren den Demokraten 24 Punkte abnehmen. Daran versucht Trump anzuknüpfen.

Am Tag der Nominierung Bidens kreuzte der Präsident demonstrativ in dessen Heimatstadt auf und redete die lokale Verankerung seines Herausforderers herunter. Biden habe Scranton den Rücken gekehrt. „Ich denke, ihr Leute wisst es hier besser als ich.”

Tatsächlich war Biden zehn Jahre alt, als sein Vater den Job verlor und mit der Familie ins benachbarte Delaware zog. Und seine Wurzeln reichen so tief, wie die Eisenerz-Stollen, die seinen irischen Ur-Ur-Großvater Patrick Blewitt 1851 in Scranton ansiedeln ließen.

Biden zeigt sich unbeeindruckt von den Angriffen Trumps auf seine Verbundenheit mit der Region. Kann er auch. Interne Umfragen zeigen, dass er in den 16 Wahlbezirken rund um seine Heimatstadt deutlich besser ankommt als Clinton. „Ich werde Scranton gewinnen“, prophezeite Biden bei einer Bürgersprechstunde auf CNN Ende September. „Das ist mein Zuhause. Ich kenne diese Menschen.”

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