Kommentar über die Vermüllung der Städte

Kavaliersdelikt Herumferkeln

Die Städte klagen über Probleme mit auf Plätzen und in Parks hinterlassenem Müll. Das liegt auch daran, dass die Aufgabenverteilung zwischen Staat und Bürgern offenbar nicht funktioniert, meint Silke Hellwig.
26.07.2020, 05:00
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Kavaliersdelikt Herumferkeln
Von Silke Hellwig
Kavaliersdelikt Herumferkeln

Die Vermüllung in den Städten ist ein großes Problem. Ein Indiz dafür, dass die Aufgabenverteilung zwischen Bürger und Staat nicht klappt, meint Silke Hellwig.

Christina Kuhaupt

Es mag ein Trost sein, in der Theorie, aber Bremen steht weiß Gott nicht allein da mit seinen Müll-Problemen: In Hamburg gibt es „Waste-Watcher“. In Lübeck sagt man „dem Party-Müll mit größeren Eimern den Kampf an“. In Duisburg stellt man fest, dass erhöhte Bußgelder nichts bringen, weil man die Müllverursacher nicht findet. In Hannover werden „Plogging“-Treffen organisiert: „Plogging vereint Aktivität, Gesundheit, ein unterhaltsames Gemeinschaftserlebnis sowie das Einsammeln von Müll.“

Was ist passiert, dass die staatlichen Anstrengungen gegen die Vermüllung steigen und Plätze, Grünflächen, Ufer und Straßen in Bremen und vielen anderen Gemeinden trotzdem verwahrlost wirken? Wie kann das sein, wo der Nachwuchs schon in der Kita mit „Umwelterziehung“ konfrontiert wird, die Bremer Stadtreinigung eine „Tour de Müll“ anbietet, sich Jugendliche kritisch mit dem Plastikmüll-Export der Bundesrepublik befassen und bremische Schulklassen ­einmal im Jahr gemeinsam mit Maskottchen Grünhold Müll aufsammeln?

Aufgabenverteilung funktioniert nicht

Wissen sollte also da sein, und zwar in Hülle und Fülle. Offenbar hapert es gewaltig bei der Umsetzung in die Praxis. Die Aufgabenverteilung zwischen Staat und Bürgern funktioniert nicht – bestenfalls noch nicht, vermutlich aber eher nicht mehr. Die eigentliche Idee kann man wohl grob so zusammenfassen: Der Staat engagiert sich zum Wohl aller, insbesondere da, wo sich der Einzelne nicht kümmern kann. Das „kann“ entwickelt sich nur mehr und mehr zu einem „will“.

Deshalb räumen die Städte Bürgern hinterher, wie Eltern aufsässigen Pubertierenden. Auch deshalb gibt es in Bremen seit Oktober 2018 einen Ordnungsdienst. Liegenlassen kann man die Pizzakartons, Essensreste und Flaschen schließlich nicht, es gibt zu viele Beschwerden. Räumt man sie weg, bestätigt man die Verursacher in ihrer Gleichgültigkeit. Wenn sie wiederkommen, ist ihr Müll wie durch Zauberhand verschwunden. Kurz: Funktioniert doch, quasi wie bei Mutti.

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Dass sich in der Sauberkeit von Plätzen und Parks auch eine Haltung zum gemeinschaftlichen Eigentum ausdrücken kann, beweist Japan. Momentan ist es nicht möglich, dorthin zu reisen, um seinen Augen nicht zu trauen. Die Nation gilt als die der Saubermänner und -frauen. Dennoch ist sie derzeit Risikogebiet, zudem herrscht ein Einreiseverbot für nicht-japanische Staatsangehörige aus Deutschland. So bleiben Rückkehrern depressive Schübe erspart: In Japan gibt es so gut wie keinen Müll auf den Straßen, kaum Zigarettenkippen, keine Kaugummis. Niemand rotzt auf die Straße, nirgendwo quellen Mülleimer über. Seit dem Saringas-Anschlag in der Tokio­ter Metro von 1995 gibt es kaum noch Müllbehälter im öffentlichen Raum. Das Geheimnis sind nicht etwa Tausende von japanischen Bediensteten, die hinter ihren Landsleuten hinterherräumen. Vielmehr gibt es ein gemeinsames Verständnis: Müll fallen oder liegen lassen, wo man geht und steht, das macht man einfach nicht in Japan. Man entsorgt ihn zu Hause.

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Das macht man nicht – darf man das überhaupt noch sagen? Flüstern darf man es vielleicht, unter sogenannten Konservativen, ohne anzuecken. Unter dem Pseudonym Juno Vai beschäftigte sich eine „Spiegel“-Redakteurin bis vor Kurzem regelmäßig mit Erziehungsfragen. Sie schreibt: „Mein konservatives Ich fragt sich: Wo ist es nur hin, das gute, alte ,Das tut man nicht’? Jener moralische Imperativ, der an das unbewusste Wissen um Gut und Böse appelliert. Der naiv davon ausgeht, dass im Grunde jeder weiß, warum bestimmte Dinge zu unterlassen sind, wenn Gesellschaft funktionieren soll, im Großen wie im Kleinen.“

Regeln werden nicht wahrgenommen

Man muss davon ausgehen. Im Grunde kennt jeder die wichtigsten Spielregeln des angenehmen Zusammenlebens. Das verschlimmert jedoch den Befund: Sie werden nur nicht sonderlich ernst genommen, ohne dass das Konsequenzen hätte. Andrea Seibel stellte im „Tagesspiegel“ vor einem Jahr fest: „Die Ordnungsämter kommen nicht an gegen die Unordnung und den Vandalismus. Die Gesetze sind da, aber können ob der Fülle nicht angewandt werden. So wird alles Bagatelle.“ Im öffentlichen Raum herumzuferkeln, gilt als Kavaliersdelikt.

Zurück zum „Plogging“ – netter Versuch, sollte man meinen. Wer hat’s erfunden? Die Schweden. Plocka heißt so viel wie sammeln, pflücken. Was hat’s geholfen? Schwer zu sagen, aber solange es die Bewegung noch gibt, vermutlich nicht genug. Sonst wären die Aktiven schon längst gezwungen, zum konventionellen Jogging zurückzukehren.

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