Politische Bildung Greifbare Demokratie

Die Bremer Pfadfinder besuchen die Bürgerschaft und informieren sich über die Politik in der Hansestadt und ihrem Bundesland.
07.07.2022, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus

„Wir versuchen, Jugendliche näher an die Politik zu bringen“, erzählt die 20 Jahre alte Lisa Binasiewicz vom Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) während sie vor der Bremischen Bürgerschaft steht. Und nicht nur sie: Auch Neele Pauly (24), Landesbeauftragte für die Pfadfinder im Bremer Landesverband des BdP, ist dabei – und natürlich auch die Pfadfinder. Die zehn Jugendlichen sind zwischen elf und 15 Jahre alt und wollen sich über das Geschehen im Bremer Parlament informieren: Wie funktioniert das dort und wie sieht es dort drinnen eigentlich aus?

„Wir wollen einen Einblick erhalten, was auf Landesebene passiert“, sagt Neele Pauly, „Wir wollen ein Verständnis dafür entwickeln, dass Politik gar nicht so weit weit weg ist, sondern nahe dran.“

Lisa Binasiewicz gehört dem Pfadfinder-Stamm „Phönix“ in Huchting an: „Wir haben im Stamm bereits politische Arbeit gemacht“, wobei das nicht wirklich intensiv gewesen sei, doch Neele Pauly meint: „Wir haben in den Gruppenstunden eine Einordnung vorgenommen, welche Partei wo steht.“

"Wir haben ja auch einen Bildungsauftrag"

Neele Pauly ist in der Aufbaugruppe „Weserwale“ und diese Gruppe trifft sich auf dem Stadtwerder, Norman Bischoff wiederum ist im Arberger Stamm Wilhelm Olbers beheimatet. Gleichzeitig ist der 31-Jährige auch Landesvorsitzender des BdP in Bremen: „Wir haben ja auch einen Bildungsauftrag. Die Schule kriegt es ja irgendwie nicht mehr so hin“, findet er, „und dass Kinder in die Bürgerschaft gehen, um mit Politikern zu sprechen, ist doch eher selten geworden.“ Ein weiteres Ziel dieses Besuches: „Wir wollen auch das Interesse wecken für das Land, in dem man lebt. Und auch zeigen, dass Politiker nicht nur Menschen in Schlips und Kragen sind. Denn es sind Menschen, die Politiker. Und sie sind hier greifbar, das macht es ja in Bremen so charmant.“ Sich Zeit nehmen für Kinder, damit eine Diskussion entsteht, sei wichtig, und: „Wenn die Kinder irgendwann mal ein Kreuz machen sollen, sollten sie wissen, wer dahinter steht.“

Moderne Architektur

Vor ihnen steht mittlerweile Antje Hoffmann, um den Kindern und Jugendlichen die Bremische Bürgerschaft zu zeigen, und Falk Wagner, der für die SPD Abgeordneter in eben dieser Bürgerschaft ist. Doch vor der Politik kommt in diesem Falle die Architektur und Antje Hoffmann zeigt den Pfadfindern erst einmal die Besonderheiten dieses 1966 eingeweihten Gebäudes. Dazu gehören auch die acht Reliefs, die außen an der Bürgerschaft zu sehen sind. „Hiermit wollte sich der Architekt an die historischen Gebäude angleichen“, erzählt Hoffmann, was zum Beispiel durch die Verwendung von Blattgold geschehen sollte. Und auch der Bau selbst wiederholt nicht nur den Arkadengang des benachbarten Rathauses, sondern auch die Giebel der gegenüberliegenden Gebäude. „Die Bevölkerung hätte lieber ein Parlamentsgebäude in Giebelform wie auf der anderen Seite gehabt“, erzählt sie, „doch man wollte auch ein Signal setzen für eine moderne Zukunft: Eine moderne Architektur sollte für ein modernes Bremen stehen.“

Alles original

Seit 1992 steht das Haus der Bürgerschaft unter Denkmalschutz: „Alles ist hier original, auch die Sessel“, sagt Antje Hoffmann, ebenso die Stühle, die für Veranstaltungen eigens aufgestellt werden. Da wird dann bei Verschleiß auch nichts weggeworfen, sondern im gleichen Grauton neu bezogen. Ebenso original sind auch die abhörsicheren Telefonzellen – für die jungen Pfadfinder ein regelrechtes Highlight, das ausgiebig ausprobiert werden muss: Kleine Kabinen, in denen man steht, um zu telefonieren.

„Der Denkmalschutz wird strikt eingehalten“, sagt Antje Hoffmann, und dieses Konzept setzt sich dann auch im Plenarsaal fort, denn auch dort hat sich der Architekt etwas gedacht: Die roten Stühle sowie der Teppich symbolisieren mit den weißen Wänden die Bremer Speckflagge.

Fragen zu Bildung und Klimawandel

Alle Abgeordneten haben übrigens ihren eigenen Platz mit Namensschildern, auf denen machen es sich die Pfadfinder nun bequem und befragen Falk Wagner: Wie viele AfD-Abgeordnete es in der Bürgerschaft so gebe („Am Anfang fünf, jetzt gibt es nur noch einen“), und was gegen die vielen Autos in der Stadt getan werde („andere Verkehrsträger fördern, wobei Bremen noch mehr für den ÖPNV tun könnte“). Wie viel Geld Bremen für die Bildung ausgebe, wollte eine Pfadfinderin wissen: „Über eine Milliarde im Jahr“, antwortet Falk Wagner, „das ist der größte Haushaltsposten.“

Ein weiteres Thema beschäftigt auch die Pfadfinder: der Klimawandel. „Das Stahlwerk ist dabei die größte Herausforderung“, sagt Falk Wagner – man bräuchte nämlich 200 Windräder, um das Stahlwerk mit Strom zu versorgen. Die Menschen mit bezahlbarem Wohnraum zu versorgen, dafür sei rechtlich die Bedingung geschaffen worden damit, dass Mieterhöhungen begrenzt würden. Es soll ein Mietspiegel eingeführt werden „und wir bauen Wohnungen, 30 Prozent muss sozial geförderter Wohnraum sein". Gefördert werden auch Genossenschaften, doch Falk Wagners Herzensprojekt ist dies: „Dass in Bremen ein Auszubildendenheim gebaut wird.“ Und das wird es auch – am Ellener Hof.

Info

Unter www.bremen.pfadfinden.de sind weitere Informationen über den Bremer Landesverband des BdP erhältlich.

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