Zukunft der Pflege Roboter sollen Pflegekräfte entlasten

Die Pflege in Deutschland leidet an Personalmangel. Roboter könnten Pflegekräfte in Zukunft bei der Arbeit entlasten. Doch die Technik stößt auch an Grenzen – und den Menschen ersetzen kann der Roboter nicht.
19.05.2019, 19:00
Lesedauer: 3 Min
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Roboter sollen Pflegekräfte entlasten
Von Imke Wrage

Sie ist nur 1,20 Meter klein, aber sie soll Großes bewirken: Thea. Thea ist ein menschenähnlicher Roboter des Modells „Pepper“, hergestellt in Japan und programmiert am Universitätsklinikum Halle. Sie hat Arme und Hände, ihre Oberfläche ist von Kopf bis Fuß in Weiß gehalten. Vor der Brust trägt Thea ein Tablet – über den Bildschirm kann sie ihrem Gegenüber Bilder zeigen, Webseiten aufrufen oder Videos abspielen. Thea hat Ohren, die leuchten, wenn sie ein Geräusch vernehmen, große Augen und einen Spalt als Mund. Nur Beine hat die Roboterdame nicht, dafür drei sogenannte omnidirektionale Räder – mit denen kann sie in jede Richtung fahren, ohne sich dabei drehen zu müssen.

Wenn es nach Pflegewissenschaftler Patrick Jahn geht, dann könnten Roboter wie Thea die deutsche Pflegebranche von Grund auf verändern. In Japan kommen sie bereits zum Einsatz, etwa in Form einer plüschigen Robbe, die bei der Pflege von Demenzpatienten hilft. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern, Pflegern und Ärzten erforscht Jahn deshalb am Universitätsklinikum Halle, ob und wie der Einsatz von Pflegerobotern zukünftig auch in Deutschland denkbar wäre – und in welchen Bereichen. Seine Forschung ist dringender und relevanter denn je. Denn die Pflegebranche sieht sich seit Jahren mit zwei zentralen Problemen konfrontiert: dem demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel.

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Die Bevölkerung in Deutschland immer älter. Das trifft auch auf Bremen zu: Nach Angaben der Sozialbehörde lebten in der Hansestadt im vergangenen Jahr rund 117 000 Menschen über 65 Jahre. 2030 sollen es schon 136 000 sein. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird in den kommenden zehn Jahren um 25 bis 30 Prozent steigen. Das entspricht rund 30 000 Menschen. Gleichzeitig gehen immer weniger Berufsanfänger in die Pflege. Zu hoch ist die Arbeitsbelastung, zu niedrig der Lohn. Die Folge: zu wenig Personal. Laut einer Studie, die vom Land Bremen in Auftrag geben wurde, müssen pro Jahr mindestens 250 Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen. Ansonsten würden im kleinsten Bundesland bis 2025 mindestens 700 Fachkräfte fehlen. „Der Drang, jetzt Lösungen zu entwickeln, ist groß“, sagt Jahn. Er glaubt: „Roboter haben großes Potenzial, die Arbeitsbelastung der Pflegekräfte zu reduzieren.“

Als würde der Roboter zur Schule gehen

Wie das also konkret aussehen kann und was der bisherige Stand der Technik überhaupt schon zulässt, darüber sprach Jahn am vergangenen Freitag bei den „Gesprächen am Fluss“ in Bremen, einer Veranstaltung des Verbands der Ersatzkassen, bei der Vertreter aus Politik und Verwaltung sowie Anbieter von Pflege- und Gesundheitsleistungen über mögliche Strategien gegen den Personalmangel diskutierten. Bisher, sagt Jahn, arbeite er mit seinem Team an drei Ideen. Das bedeutet anders gesagt, dass sie das System des Roboters immer komplexer programmieren und Thea damit, ähnlich als würde sie zur Schule gehen, immer neue Dinge beibringen.

Was kann Thea also schon? Sie kann im Krankenhaus bei der Vorbereitung von Untersuchungen helfen. Bisher bekommen die Patienten zur Aufklärung meist ein Blatt Papier in die Hand gedrückt. Thea könnte über die Behandlung aufklären und mögliche Fragen beantworten. Um Ärzten und Pflegern Arbeit abzunehmen, könnte Thea die Patienten morgens außerdem über den jeweiligen Tagesablauf informieren – also eine Art Visite übernehmen, bei der sie die Fragen der Patienten für den Arzt speichert. Zudem könnte Thea zu Untersuchungen begleiten, bei der andere nicht dabei sein dürfen – etwa bei der Computertomografie (CT). Besonders Kinder haben vor solchen Untersuchungen Angst, nicht selten werden sie deshalb unter Narkose vorgenommen. „Thea machen die CT-Strahlen ja nichts aus, sie könnte die Kinder begleiten“, sagt Jahn.

Deutlich wird: Selbst pflegen kann Thea noch lange nicht. Sie hat zu viele Einschränkungen, kann nicht greifen, hat nur eine eingeschränkte Spracherkennungssoftware. „Wir haben noch viel zu tun“, sagt Jahn. Trotzdem erscheint Theas Einsatz, sind diese Mängel erst behoben und neue Dinge antrainiert, vielversprechend – und wirft gleichzeitig Fragen auf. Was können Roboter in zehn Jahren leisten – und wo gibt es Grenzen? Können Roboter den Pflegebedürftigen auch zuhören, Nähe spenden? Kurz: die Arbeit eines Menschen ersetzen?

Noch lange nicht so weit, um eine Fachkraft zu ersetzen

Diese Diskussion, sagt Jahn, halte er für wichtig, derzeit sei sie aber vor allem eine „Scheindiskussion“. Die Technik sei, das zeige auch Thea, noch lange nicht so weit, um eine Fachkraft zu ersetzen. „Thea ist ein Werkzeug, das für spezielle Anforderungen programmiert wird, eine Art Assistentin.“

Bevor Thea eines Tages zum Einsatz kommt, sagt Jahn, müsse man sich noch eine andere wichtige Frage stellen: „Wie gut ist unser Pflegepersonal dafür ausgebildet, mit technischer Assistenz zu arbeiten?“ Ihm ist daher wichtig, das Personal schon jetzt in die Entwicklung der Robotik mit einzubeziehen und sie im Bereich digitaler Kompetenzen zu schulen. Das, sagt er, könne auch helfen, Ängste abzubauen. Die Robotik allein werde die Probleme der Pflegebranche aber nicht lösen können. Denn, da ist sich Jahn sicher: Der Mensch ist und bleibt unverzichtbar.

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