Kein Straßenbahnverkehr in der Obernstraße

Was Bremer zur Flaniermeile auf Probe sagen

Wegen der Gleisarbeiten an der Domsheide fuhren fünf Tage lang keine Straßenbahnen durch die Obernstraße. Eine Umfrage, ob Geschäftsleute und Kunden davon profitiert haben.
05.08.2019, 19:36
Lesedauer: 3 Min
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Was Bremer zur Flaniermeile auf Probe sagen
Von Nina Willborn
Was Bremer zur Flaniermeile auf Probe sagen

Flanieren, ohne von den Linien 2 oder 3 von den Gleisen geklingelt zu werden: Eine knappe Woche lang war das auf der Obernstraße möglich.

Frank Thomas Koch

Kein Rumpeln, kein Klingeln und auch nicht das typische Singen, wie es ein Kollege der „Süddeutschen Zeitung“ mal genannt hat, beim Anfahren: Wer in den vergangenen fünf Tagen in der Obernstraße unterwegs war, hat die längste Einkaufsstraße Bremens wesentlich stiller als sonst erlebt – ohne Straßenbahnen.

Wegen der Gleisbaustelle an der Domsheide war bis zum Montagabend zwischen Glocke und Brill plötzlich eine Fußgängerzone entstanden und damit das, was ungefähr seit den 1990er-Jahren in regelmäßig wiederkehrenden Abständen unter anderem von Wirtschaftsvertretern wie Handelskammer und Aufbaugemeinschaft immer wieder mal gefordert wird.

Eindrücke der großen Baustelle an der Domsheide

An der Domsheide laufen die Bauarbeiten bis voraussichtlich Sonntag.

Foto: Sebi Berens

Sie wollen die Gleisstrecke gerne in die Martinistraße verlegen. Der neue Senat wiederum hat Umbauten an der Martinistraße ebenfalls auf dem Zettel, allerdings nicht für eine Verlegung der Straßenbahnen dorthin, sondern für den Start des Langzeitprojekts, den Autoverkehr in der Innenstadt schrittweise zu verringern.

Wie ist es nun also ohne Linie 2 und 3, wenn die Obernstraße eine reine Flaniermeile ist? Klar, das gemütliche Flanieren wird einfacher, es gibt mehr Platz dafür, und der Blick nach rechts und links gilt nur noch den die Fußgängerzone – wie immer – ignorierenden Radfahrern, will man mal eben zwischen, sagen wir, Karstadt und Douglas hin- und herlaufen.

Im Brillengeschäft von Carsten Frenz musste Optikerin Gyde Kaiser entsprechend weniger Kunden ermahnen, sich nicht von den Bahnen überfahren zu lassen. Das Risiko entstehe dann, sagt sie, wenn jemand eine Sonnenbrille unter Realbedingungen testen wolle, also im hellen Tageslicht. Die Frenz-Seite der Obernstraße liegt tagsüber im Schatten, also eilen die Kunden samt Brillen quer über die Straße.

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„Dann sind sie auf die Brille konzentriert, nicht auf den Verkehr“, sagt Gyde Kaiser. „Das gab’s jetzt nicht. Es war aber insgesamt eher ruhig in vergangenen Tagen, aber das kann auch an den Ferien liegen.“ Klaus Höcker hat eben sein Fahrzeug der Bremer Straßenreinigung auf Höhe von Karstadt geparkt.

Dass hier nun etwas anders ist als sonst, hat für ihn höchstens den Effekt, dass er schneller durchkommt. „Ansonsten ist es hier ohne Bahnen genauso voll wie mit Bahnen“, sagt Höcker, der ansonsten nur mitbekommen hat, dass einige Menschen an der Domsheide, vorsichtig formuliert, nicht besonders erfreut über die Umwege waren, die sie in Kauf nehmen mussten. Er selbst schätzt die Straßenbahnverbindung, die ihn aus der Überseestadt normalerweise bis quasi in die Geschäfte bringt. „Einfacher geht es ja nicht.“

Ein paar Meter entfernt schlendert Oke-Lia Mestmacher zusammen mit einem Kollegen in Richtung Markt an den Schaufenstern vorbei. Die Mittagspause neigt sich ihrem Ende entgegen. „Hier ist doch auch mit Straßenbahnen genügend Platz“, sagt die Bankkauffrau. „Ich finde es gut, dass die Bahn durch die Obernstraße fährt.

Umfrage Obernstraße - Thema ohne BSAG Straßenbahn - Kenan Tiryaki

"Ich bin froh, dass es nur vier Geschäftstage waren." - Kenan Tiryaki, Café Minkens

Foto: Frank Thomas Koch

Als Bremer ist man es ja gewohnt, dass man hier ein bisschen aufpassen muss.“ Im Café Minkens an der Ecke zur Liebfrauenkirche hat Kenan Tiryaki zwar gemerkt, dass es für die Gäste auf den Außenplätzen ohne Bahnen ruhiger war. Aber er ist auch ganz froh, dass die Sperrung nur vorübergehend war.

Einige Stammkunden hätten seit Donnerstag auf ihren Besuch verzichtet, erzählt er. „Vor allem die Rentner. Wenn die von außerhalb kommen und dann stimmen die Verbindungen nicht, bleiben sie weg. Deshalb bin ich froh, dass es nur vier Geschäftstage waren.“ Im Jahr 2016 hatte übrigens eine Studie von Studenten der Hochschule ergeben, dass sich die meisten Bremer nicht über die Straßenbahn in der Obernstraße ärgern – sondern sie im Gegenteil eher schätzen.

Seit dem späten Montagabend sind die Bahnen zurück in der Obernstraße. Großartige Beschwerden seien bei der BSAG nicht aufgelaufen, sagt Sprecher Jens-Christian Meyer. „Wenige Kunden haben sich nicht ausreichend informiert gefühlt.“

Umfrage Obernstraße - Thema ohne BSAG Straßenbahn - Gyde Kaiser

"Es war ruhig, aber das kann auch an den Ferien liegen." - Gyde Kaiser, Optikerin bei Frenz

Foto: Frank Thomas Koch

Nun sei man gespannt auf das Feedback der Kaufleute. Meyer: „Wir stehen im Dialog. Auch uns liegt daran, die Innenstadt als wirtschaftliches Herz der Stadt zu stärken und weiter zu entwickeln.“ Wo die Straßenbahn grundsätzlich besser aufgehoben ist, oberhalb oder unterhalb der Linie Marktplatz - Brill, wird laut Jan-Peter Halves, Geschäftsführer der City-Initiative, von den Kaufleuten auch unterschiedlich beurteilt. „Die einen setzen auf Servicequalität, die anderen auf Aufenthaltsqualität. In dieser Frage ist das Gesamtbild differenziert“, sagt er. Aussagekräftige Zahlen über die Flaniermeile auf Zeit gibt es übrigens nicht. Halves: „Dafür war die Zeit zu kurz.“

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