Zeitungsverkäuferin im Porträt

Ein Gesicht des Viertels

Leonie Degenkolbe ist im Viertel ein bunter Hund und eine helfende Hand: Seit mehr als einem Jahr verkauft sie die Zeitschrift der Straße.
13.06.2021, 09:00
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Ein Gesicht des Viertels
Von Frieda Ahrens
Ein Gesicht des Viertels

Seit mehr als einem Jahr verkauft Leonie Degenkolbe die Zeitschrift der Straße.

Christina Kuhaupt

Auf der Tasche von Leonie Degenkolbe steht in großen, weißen Lettern "DAS KNISTERN DER STRASSE". Eine passendere Besitzerin könnte die Tasche kaum haben, denn von der Verkäuferin der Zeitschrift der Straße geht auch ein Knistern aus: Sie ist enthusiastisch, verströmt eine positive und prickelnde Stimmung. "Die Tasche hat ein alter Kollege mir geschenkt", erzählt sie stolz, "das war damals die erste Ausgabe der Zeitschrift." Mit dieser über der Schulter und diversen Zeitungen im Arm ist sie jeden Tag im Bremer Ostertorviertel anzutreffen. Meist im Verkaufsgespräch mit Passanten. "Das kommt aber auch, wenn man viele Menschen kennt, ich kann da nicht anders, ich unterhalte mich unglaublich gern mit Leuten."

Seit Januar 2020 verkauft sie die Zeitschrift der Straße, sie ist schnell zu einem bekannten Gesicht im Viertel geworden. Keiner der Zeitungsverkäufer habe so richtig einen eigenen, festen Platz, aber man sei dann doch immer an den gleichen Orten. Ihr Bereich ist vor allem rund um den Berliner Platz und der Sielwallkreuzung. In dem einen Jahr Berufserfahrung hat sie gut dazugelernt: "Damals habe ich morgens um 10 Uhr angefangen und war um 23 Uhr erst wieder zuhause." Den ganzen Tag auf den Beinen mit um die 30 Zeitungen am Arm und dem Knistern der Straße an der Hüfte.

Am Anfang habe sie viel von dem Geld, was sie verdient habe, abgegeben. Um den Menschen um sich herum zu helfen, denen es schlechter als ihr ging. Inzwischen mache sie das weniger, da diese Großzügigkeit auch ausgenutzt werde. "Wenn ich all das verliehene Geld wiederkriegen würde, wäre ich reich", so Degenkolbe. Andere Verkäufer seien teilweise drogenabhängig oder obdachlos, Degenkolbe hat eine Wohnung. Sie ist von viel Leid umgeben und versucht zu helfen, wo sie kann. Dabei hat sie es selbst nicht einfach gehabt.

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Sie ist sehr früh von ihrem Zuhause in Vechta weg, mit 16 Jahren war sie in Cloppenburg in einer Jugendeinrichtung. Von einer Jugendwohngruppe über betreutes Wohnen ist sie dann mit 18 Jahren auf der Straße gelandet. "Das Jugendamt war nicht mehr zuständig, das Arbeitsamt hat sich nicht zuständig gefühlt, meine Eltern sowieso nicht." Die falschen Freunde, noch nicht diagnostizierte psychische Probleme und Drogen haben sie nach Oldenburg ins Rotlichtmilieu getrieben. Zwei Jahre hat sie dort verbracht, dann hat sie das erste Mal ein DBT-Programm gemacht. Eine Dialektisch-Behaviorale Therapie ist eine Psychotherapieform zur Behandlung von Patienten, die zur Selbstgefährdung oder Fremdgefährdung neigen.

Mit 22 Jahren wurde bei ihr eine Borderline-Störung diagnostiziert. Inzwischen hat sie die Krankheit einigermaßen im Griff, hat sich seit sechs Jahren nicht mehr selbst verletzt. Die Narben auf ihren Armen sind immer noch deutlich zu erkennen. Drei Suizidversuche hat Leonie Degenkolbe hinter sich, nach dem ersten hat sie das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre beiden Töchter verloren. Ihr Ziel ist es, weiterhin stabil zu bleiben, damit sie ihre Kinder wieder zu sich holen kann.

"Ich hab der Zeitschrift viel zu verdanken", sagt Degenkolbe. Die Zeitung zu verkaufen, bringe eine Struktur in ihr Leben, sie verdiene dazu. Der Tag vor einigen Wochen, an dem das erste Mal die Außengastronomien wieder aufmachen durften, war sehr besonders: "Es war sieben Monate alles zu, ich hab die Leute nicht gesehen, an dem Tag waren an jeder Ecke bekannte Gesichter. Alle haben sich gefreut, und ich hab an jedem Tisch eine Zeitung verkauft." Degenkolbe hat Talent für den Verkauf. Sie ist nicht aufdringlich, aber überzeugend. Sie strotzt vor Enthusiasmus, nutzt jede Gelegenheit, Menschen anzusprechen. Sie ist gesellig, warm, umgänglich. Sie kennt die Menschen. Und die freuen sich, sie zu sehen. Und sie kann nicht anders, als sich auch für andere einzusetzen. Sie erzählt von zwei bekannten Gesichtern der Bremer Straße, die im vergangenen Jahr gestorben sind, das trifft sie hart. "Es ist wichtig, hier nicht alle über einen Kamm zu scheren. Nicht jeder ist gleich und das auch nichts mit dem Aussehen zu tun. Es kann auch einer wie Lumpi rumlaufen, aber der verkauft freundlich, nett und zurückhaltend Zeitungen."

Während die Leute im ersten Lockdown noch sehr bereitwillig gespendet hätten, sei das im zweiten Lockdown anders gewesen. Viele Menschen seien  schneller genervt gewesen. "Ich bin dann eine Art Prellbock, das kann ich aber auch verstehen." In dieser Zeit hat die Zeitschrift der Straße eine Onlineausgabe herausgebracht und Spenden gesammelt. Wer im Jahr 2020 mindestens 50 Zeitschriften verkauft habe, der hatte ein Anrecht auf eine Corona-Aufwandsentschädigung. "Leider läuft die bald aus. Das waren 50 Euro im Monat, das hat sehr geholfen", sagt Degenkolbe.

Die Arbeit macht ihr sichtlich Spaß. Sie könnte niemals einfach so auf Menschen zugehen und nach Geld fragen. Mit der Zeitung in der Hand verspürt sie eine Sicherheit, sie geht dafür ja auch in finanzielle Vorleistung. Es ist ähnlich wie beim Handel: Der Marktleiter kauft beispielsweise Bananen vom Großhändler, die er dann im Laden mit Gewinn verkauft. So funktioniert es auch für die Verkäuferin der Zeitschrift - nur auf kleinerer Ebene. Und Degenkolbe ist absolut überzeugt von ihrem Produkt: Sie habe sogar noch zwei Exemplare der allerersten Ausgabe daheim: "Sielwall. Das Knistern der Butter." 75 Euro habe man ihr schon für eine dieser Ausgaben geboten, aber die verkauft sie nicht. Das Knistern gehört ihr.

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