American Football

„Wer lässt sich schon gern jedes Wochenende verprügeln?“

Alexander Balz coacht die Bremen Firebirds. Im Interview spricht er über das Nischendasein, die Bodenständigkeit und die Gefahren seiner Sportart.
16.06.2019, 07:12
Lesedauer: 6 Min
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„Wer lässt sich schon gern jedes Wochenende verprügeln?“
Von Sebastian Krüger
„Wer lässt sich schon gern jedes Wochenende verprügeln?“

Liebe auf den ersten Blick: Alexander Balz und American Football.

Christina Kuhaupt
Herr Balz, bitte so kurz und knapp wie möglich: Was ist American Football?

Alexander Balz: Schach auf dem Rasen mit Vollkontakt. Jeder Spielzug ist genau überlegt. Es ist ein taktisches Geplänkel hin und her. Man guckt, was der Gegner macht, und reagiert entsprechend drauf. Es ist wirklich ein bisschen wie Schach, nur dass wir die Figuren persönlich vom Feld nehmen (lacht).

Wie sind Sie zum Sport gekommen?

Durch einen Freund aus der Nachbarschaft. Als ich 17 war, hat er mich gefragt, ob ich mal mit zum Training kommen möchte. Da mein Fußballtraining zu dem Zeitpunkt gerade nicht stattfand, bin ich mitgegangen und hängengeblieben. Das war Winter 1993/94. Nach verschiedenen Mannschaftswechseln bin ich 1997 zu den Firebirds gewechselt und seitdem hier. Meine heutige Frau hat den Verein 1992 mit ihrem Onkel gegründet und war zu der Zeit Cheerleaderin.

Wie war das erste Footballtraining?

Ich fand es interessant, weil es etwas anderes war und ich es nicht kannte, auch wenn ich die Regeln überhaupt nicht kapiert habe. Ich mochte den Kontakt, man kann sich da richtig auspowern. Danach habe ich es immer mehr gelernt, fand es auch interessanter und wollte die Trainerlaufbahn einschlagen. Wenn wir spielfrei haben, gucke ich mir gern andere Spiele in der Region an, auch die unteren Ligen. Einfach, um den Sport zu sehen. Jedem Neuen sage ich: Entweder hörst du nach drei Wochen auf, oder du kommst vom Sport nicht mehr weg. Und das ist meistens der Fall.

Welche Position haben Sie gespielt?

Angefangen habe ich als Linebacker in der Mitte der Verteidigung. Durch Zufall habe ich dann ein wenig als Ballträger agiert und insgesamt schon fast alles gespielt. Ich war immer da, wo ich gebraucht wurde.

Bis wann haben Sie aktiv gespielt?

Eigentlich habe ich vor drei Jahren aufgehört, das Team im vergangenen Jahr aber doch noch einmal auf dem Platz unterstützt. Jetzt ist aber definitiv Feierabend.

Wie sind Sie dazu gekommen, Coach zu sein?

Das war Zufall. 1997, als ich zum Verein kam, gab es eine Jugendmannschaft, die der Trainer zeitlich nicht mehr trainieren konnte. Ich bin da so reingerutscht und habe die Mannschaft 20 Jahre lang gecoacht. Im vergangenen Jahr habe ich die Position abgegeben, um mich mehr auf die Herren zu konzentrieren. Dadurch habe ich ein bisschen mehr Zeit, denn man muss den jungen Trainern auch mal Platz machen. Außerdem trainiere ich dazu auch noch zwei Cheerleader-Teams.

Hätten Sie sich mit 17 vorstellen können, später einmal Cheerleader zu trainieren?

Nein, definitiv nicht. Ich habe auch ein ziemliches Klischee erfüllt, als Sportler mit einer Cheerleaderin zusammen zu sein. Cheerleading ist aber definitiv ein Leistungssport!

Wie bereiten Sie Ihre Mannschaft auf ein Spiel vor?

Wir gucken viele Videos, simulieren auch teilweise Angriff und Verteidigung der gegnerischen Mannschaft. Es steckt sehr viel Arbeit dahinter.

Gibt es befreundete Teams?

Man spielt immer mal wieder gegen alte Weggefährten. Jetzt sind wir zwar in verschiedenen Gruppen, aber die Wilhelmshavener kennen wir schon seit Ewigkeiten und haben Trainingslager mit denen zusammen gemacht. Man lernt sich auch auf dem Feld kennen, da gibt es tatsächlich Zeit für. Nicht immer freundlich, aber dann schnackt man nach dem Spiel. Der Ton ist mal etwas rau, aber die meisten können das einordnen. Ein bisschen Show gehört dazu.

Profi-Fußballer fallen hin und wieder negativ auf durch überzogene Schwalben und peinliche Theatralik.

Wenn sich ein Footballer so über den Rasen rollt, würde er in der Kabine ausgelacht werden. Warum auch? Es ist ein Vollkontaktsport. Die Spieler sind gut geschützt, gerade am Kopf. Auch die Regeln schützen sie. Die Schiedsrichter werfen Flaggen bei Fouls – wo keine Flagge ist, war auch kein Foul. Wenn hier jemand taktisch versucht, ein Foul zu bewirken, würde ich ihm empfehlen, den Sport zu wechseln.

Was für Verletzungen kommen vor?

Verletzungen an den Bändern sind Klassiker. Kreuzbandrisse, wie auch beim Fußball. Da der Sport viel mit Bewegungswechseln zu tun hat, passiert das schnell mal. Frakturen sind selten. Vielleicht kugelt sich mal einer die Schulter aus, aber im Handball gibt es mehr Verletzungen, glaube ich. Oder beim Eishockey. Mein Vater hat sich zwei Spiele von mir angeguckt, und wie der Zufall so will, habe ich mir bei einem der Spiele das Kreuzband gerissen. Meiner Mutter war es zu brutal.

Mit den Thunderbirds und Birds of Prey hat Ihr Verein auch Mannschaften für jüngere Spieler ab zwölf Jahren. Spielen die anders als die Herren?

Die Thunderbirds, unsere B-Jugend, haben wir dieses Jahr nicht am Start, wollen sie aber wieder aufbauen. Die spielen nach anderen Regeln: Das Spiel ist etwas kontaktloser und wird schneller abgepfiffen. Die Birds of Prey sind unsere U 19-Mannschaft, da läuft das wie bei den Erwachsenen. Wenn ich mir Spiele aus der ersten Jugend-Bundesliga anschaue, spielen die teilweise besser als die Herren.

Bundesweit gibt es eine Handvoll Damenmannschaften. Wird es bei den Firebirds eine geben?

Wir hatten mal eine Damenmannschaft. Jetzt spielen zwei Mädels in der B-Jugend, und das ist in Ordnung. Sie müssen in der B-Jugend spielen, auch wenn sie eigentlich zu alt sind. Wir hatten ihnen angeboten, dass sie nach Oldenburg oder Ritterhude wechseln können, aber sie wollten gern bei uns bleiben. Wenn Damen Football spielen wollen, sollen sie das tun. Es gibt bei den Damen aber nur erste und zweite Bundesliga, keine unteren Ligen. Auch kaum Jugendmannschaften. Es wird sich wohl nicht durchsetzen.

Was für Menschen spielen American Football?

Alle. Von klein bis groß, von dick bis dünn. Alle Schichten, alle Kulturen. Wir haben türkische Mitspieler, Inder, Pakistaner, Polen, Russen. Mir ist egal, wo die herkommen – Hauptsache, die haben Lust auf den Sport.

Wie groß ist die Altersspanne im Team?

Die Herrenmannschaft ist für Spieler ab 19. Unser Ältester ist 46, hat aber auch ein extrem langes Haltbarkeitsdatum. Es kommt darauf an, wie man spielt und mit seinem Körper umgeht. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich mich nach manchen Spielen gefühlt wie ein Unfallopfer.

Wie hat sich der Sport verändert?

Der Sport ist technischer geworden. Früher war es wirklich noch mehr Haudrauf, aber das ist heute weniger. Der Sport ist generell professioneller geworden, auch, was das Drumherum angeht.

Wird Football mal eine Größe wie Hand- oder Fußball?

Nein. Den Sport gibt es zwar schon lange, und es gibt auch viele Mannschaften. Auch sieht man heute mehr Spiele im Fernsehen, wodurch der Sport schon vorangetrieben wird. Aber früher sind mehr Zuschauer gekommen. Zum German Bowl, dem Endspiel der Bundesliga, kamen 1999 32 000 Zuschauer ins Hamburger Volksparkstadion. Heute ist es vielleicht die Hälfte, wenn es gut läuft.

Wie kommt das?

Eine Zeit lang wurde so viel Geld in die Mannschaften gepumpt, dass sie reihenweise kollabiert sind, weil sie sich übernommen haben. Sie haben Sponsoren verloren, viele Teams sind von der Bildfläche verschwunden. Die wollten schnellen Erfolg und haben sich hochgekauft mit Importspielern. Es werden sehr viele Amerikaner verpflichtet. In der ersten oder zweiten Liga ist das okay, aber selbst in den unteren Ligen gibt es teilweise schon Importspieler. Wir hatten auch welche, haben aber beschlossen, lieber unsere eigenen Leute auszubilden und das Geld in die Jugend und die Trainingsausrüstung zu stecken.

Wie könnte der Sport wieder größer werden?

Das ist schwierig. Mit Football kann man in Deutschland kein Geld verdienen, es ist eben eine Randsportart. Werbepartner unterstützen natürlich lieber einen Volkssport wie Fußball als American Football. Die Entwicklung des Sports wird mal hochgehen und dann wieder runter, so wie bisher. Wir haben eine große Talfahrt hinter uns, aber jetzt geht es wieder bergauf. Es gehen wieder mehr Leute ins Stadion.

Wenn es nicht ums Geld geht, spielt man Football wohl nur aus Leidenschaft.

Ja, den Sport kann man nur aus Leidenschaft spielen. Mal ehrlich: Wer lässt sich schon gern jedes Wochenende verprügeln? Die Liner aus der Verteidigung zum Beispiel. Mit Körpereinsatz beschützen die ihre Teamkollegen. In welcher Sportart gibt es das schon? Die kriegen kaum Jubel dafür – und in der amerikanischen Liga sogar weniger Geld, obwohl sie den wichtigsten Job haben.

Spielen Sie noch Fußball?

Nein. Als ich mit Football angefangen habe, habe ich mit Fußball aufgehört. Es war in dem Moment genau das, was mich angesprochen hat. Ich wollte früher auch mal boxen, aber da war meine Mutter streng gegen. Sie sagte immer, dass man davon blöd wird. Ob das heute so einen Unterschied gemacht hätte, weiß ich nicht (lacht).

Die Fragen stellte Sebastian Krüger.

Info

Zur Person

Alexander Balz (43)

ist Coach der American-Football-Mannschaft Bremen Firebirds. Den ruppigen Vollkontaktsport hat er durch Zufall kennengelernt und es mit dem Fußball daraufhin sein lassen. Der gebürtige Bremer lebt in Achim und arbeitet bei Mercedes im Service. Mit seiner Frau Nicole trainiert er zusätzlich die Cheerleader. Wenn die beiden nicht am Spielfeldrand stehen, bereisen sie die USA oder verbringen Zeit mit ihren Hunden.

Info

Zur Sache

Die Bremen Firebirds

Die American-Football-Mannschaft spielt in der Oberliga Nord. Die Birds of Prey sind die U-19-Mannschaft des Vereins und spielen in der Jungendoberliga Nord. Die Thunderbirds, die B-Jugend, sind in dieser Saison nicht gestartet, da der Kader zu klein war für einen regulären Spielbetrieb. Der Verein will die Mannschaft für Spieler zwischen zwölf und 15 aber wieder aufbauen. Während die U 19-Mannschaft nach den gleichen Regeln spielt wie die Herren, ist das Spiel bei der B-Jugend kontaktloser und etwas entschärfter. Daneben führt der Verein noch Cheerleader-Teams, die viele Erfolge vorweisen können. 2015 wurde ein Team der Firebirds-Cheerleader Europameister in der Kategorie „Senior Mixed Cheer“. Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) empfing die Sportler daraufhin im Rathaus, wo sie sich ins Goldene Buch der Stadt Bremen eintragen durften.

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