Naturschutzgebiet Ochtumniederung Künstlicher Horst soll Fischadler nach Bremen locken

Im Naturschutzgebiet Ochtumniederung haben seit mehr als 100 Jahren keine Fischadler gebrütet. Eine Bruthilfe in 45 Meter Höhe soll den Greifvogel nun anlocken.
22.03.2021, 05:00
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Von Jörn Hildebrandt

Noch liegt sie am Boden, die etwa 20 Kilogramm schwere Plattform aus wetterbeständigem Metall. Um sie hoch oben am Strommast zu montieren, müssen die Arbeiter von Wesernetz mit einer speziellen Klettertechnik in 45 Meter Höhe gelangen.

Dieser künstliche Horst soll den scheuen Greifvogel von den Vorzügen des Naturschutzgebietes Ochtumniederung bei Brockhuchting überzeugen. Blicken lässt er sich zwar dann und wann, nur brüten mag er nicht. Und das nun schon seit mehr als 100 Jahren.

Reichlich Nahrung für den Fischadler

„Wir haben in den letzten Jahren immer wieder Fischadler im Gebiet fliegen sehen“, sagt Birgit Olbrich vom BUND Bremen, „und in den flachen Wasserzonen der Ochtum mit mehreren Teichen in der Nähe findet er offenbar reichlich Nahrung.“ Wie der Name sagt, ernährt sich diese Adlerart fast ausschließlich von Fischen, die er in rasantem Sturzflug erbeutet und mit seinen scharfen Krallen festhält.

„Fischadler überwintern in Gebieten südlich der Sahara und suchen sich, nach Mitteleuropa zurückgekehrt, bis Ende März geeignete Horste zum Brüten“, sagt Florian Melles, der bei der Hanseatischen Naturentwickung Projektleiter im Bereich Naturschutzbau ist und selbst schon mehrere Nisthilfen für Fischadler installiert hat.

„Eigentlich sucht sich der Vogel zum Brüten hohe, isoliert in der Landschaft stehende Bäume mit flachen Kronen – doch die gibt es in der Natur kaum noch“, sagt Florian Melles. Deshalb brüten von den derzeit rund 20 Fischadler-Brutpaaren in Niedersachsen fast alle auf künstlichen Horsten, in der Regel auf Strommasten.

Was das Insektengift DDT anrichten kann

„Die Art, die empfindlich gegenüber Verkehr und Freizeitaktivitäten ist, braucht eine weite Rundumsicht von rund 300 bis 500 Metern und würde deshalb niemals im Wald brüten“, sagt Florian Melles, „und die Nähe zu Gewässern, die ihm Nahrung liefern, ist ein Muss.“ Durch Bejagung, vor allem aber durch das Insektengift DDT ist der Fischadler extrem zurückgegangen. Das Umweltgift ließ die Eierschalen auch vieler weiterer Greifvogelarten, die am Ende der Nahrungskette stehen, so dünn werden, dass der Bruterfolg ausblieb. Nur im Nordosten Deutschlands hielt sich die Art noch.

Als Ende der 1970er-Jahre dann auch in der DDR das Umweltgift verboten wurde, haben sich die Bestände des eleganten Greifvogels wieder erholt. Künstliche Nistplattformen wurden von Naturschützern auf Masten und auf Bäumen installiert. So kehrte der Fischadler im Jahre 1991 aus den östlichen Bundesländern auch nach Niedersachsen zurück.

Die Fachkräfte von Wesernetz stehen bereit, die Plattform zum Horst zu transportieren. Doch wegen der heftigen Regenfälle in den vergangenen Tagen müssen sie den Aufbau verschieben. „Der Strommast für den Horst steht derzeit tief im Wasser, es ist unmöglich, trocken dorthin zu kommen“, sagt Birgit Olbrich.

Bruthilfe mit Ansitzstangen

Wenn das Wasser wieder abgelaufen ist, wird die Plattform, an der auch zwei Ansitzstangen angebracht sind, festgeschraubt, und auch ein paar Zweige werden auf den Kunsthorst gelegt, um kreisende Fischadler vielleicht zum Landen und später zum Brüten zu animieren.

Die Kosten für die Nistplattform, eine Spezialanfertigung der Bremer Firma Baum Haus Bau, übernimmt die Bremer Naturschutzbehörde, während Wesernetz für die Montage und die Wartung zuständig ist. Die Gefahr, dass statt des Adlers ein Weißstorch das Nestangebot nutzen könnte, sieht Birgit Olbrich vom BUND nicht. „Dazu liegt die Plattform viel zu hoch. Und wenn es so wäre, würden wir den Storch natürlich gewähren lassen“, sagt sie.

Fischadler brütet in Nienburg an der Weser

Die Chancen, dass in Bremen wieder ein Fischadler brütet, stehen nicht schlecht. Denn derzeit breitet sich die Art in Niedersachsen weiter nach Westen aus und brütet bereits in Nienburg an der Weser. Die bisherigen Ansiedlungserfolge in Niedersachsen und die guten Rahmenbedingungen in den Bremer Schutzgebieten machen Hoffnung. Denn im Bereich von einigen Hundert Metern um die Plattform herum findet keinerlei Freizeitaktivität oder regelmäßiger Verkehr statt – das sind Voraussetzungen, die vor allem während der Brutzeit und der Phase der Jungenaufzucht zwischen April und Juni gegeben sein müssen.

Birgit Olbrich, Initiatorin des Projekts, gibt sich zuversichtlich: „Nun muss der Kunst-Horst nur noch von einem Fischadlerpaar entdeckt und genutzt werden“, sagt sie. Durch die regelmäßigen Brutvogelbeobachtungen im Rahmen des Bremer Schutzgebietsmanagement werde die weitere Entwicklung verfolgt und dokumentiert.

Info

Zur Sache

Beobachtungstipp

Im Naturschutzgebiet Ochtumniederung bei Brockhuchting ließe sich der Fischadler auf seinen Beuteflügen gut mit einem Fernglas beobachten, sollte er künftig den Horst annehmen. Der mittelgroße Adler ist an seinem schlanken Körper, den langen, schmalen Flügeln und vor allem seiner leuchtend weißen Unterseite leicht zu erkennen. Den weißen Kopf durchzieht ein dunkler Augenstreif – diese Gefiederzeichnung und der eher möwenartige Flug unterscheiden den Fischadler deutlich von anderen Greifvögeln.

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