Weitere Corona-Fälle in Erstaufnahmestelle 120 Flüchtlinge positiv getestet

Die Zahl der Corona-Fälle in der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge ist weiter gestiegen. Inzwischen sind 120 Bewohner infiziert. Sozialsenatorin Anja Stahmann kündigt Veränderungen in der Einrichtung an
23.04.2020, 15:24
Lesedauer: 3 Min
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120 Flüchtlinge positiv getestet
Von Christian Weth

Anfang der Woche hat die Behörde noch 50 Corona-Fälle in der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge registriert, jetzt spricht sie von 120 positiv getesteten Bewohnern. Dass die Zahl noch einmal gestiegen ist, begründet Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) mit dem Umfang der medizinischen Kontrolle. In der Einrichtung des Landes wird ihr zufolge jeder getestet und nicht bloß, wer Symptome zeigt und Kontakt zu einem Infizierten hatte, wie es das Robert-Koch-Institut empfiehlt. Am Donnerstag kündigte Stahmann mehrere Veränderungen an, um die Wohnsituation der Flüchtlinge zu verbessern – nach einem Besuch vor Ort und Protesten von Flüchtlingen sowie Aktivisten.

Dreimal haben Bewohner mehr Infektionsschutz gefordert, zweimal vor der Vegesacker Einrichtung, einmal auf dem Marktplatz in der Innenstadt. Unterstützt wurden sie dabei von Initiativen, die in einem offenen Brief mehrere Forderungen aufgestellt haben, wenn es denn schon eine Anlaufstelle wie die an der Lindenstraße geben muss. Im Grunde wollen die Protestgruppen, zu denen unter anderem der Flüchtlingsrat und das Friedensforum gehören, das Aus der Einrichtung. Wegen der steigenden Zahl an Corona-Fällen haben Sozialbehörde und Gesundheitsamt mittlerweile ein Aufnahmestopp für sie verhängt. Erste Anlaufstelle für Flüchtlinge ist jetzt eine Dependance in Obervieland.

„Rückkehr zur Ruhe“

Stahmann hat am Mittwoch beide Einrichtungen besucht. Die angekündigten Veränderungen beziehen sich allerdings nur auf eine von ihnen: auf die Anlaufstelle in Vegesack. Unterm Strich greift die Behördenchefin auf, was die Initiativen in ihrem offenen Brief an Schutzvorkehrungen und Verbesserungen aufgelistet haben. Nach Darstellung von Bernd Schneider arbeitet das Ressort jedoch nicht bloß Forderungen ab. Vieles, sagt der Sprecher der Senatorin, hatte die Sozialbehörde schon seit Längerem beschäftigt. Stahmann erhofft sich von den Veränderungen eine „Rückkehr zur Ruhe in der Erstaufnahmeeinrichtung“ und einen „Rückgang der derzeitigen Verunsicherung“.

In der Anlaufstelle soll eine neue und neutrale Beschwerdestruktur geschaffen werden – für Konflikte zwischen Bewohnern einerseits und zwischen Flüchtlingen und dem Personal andererseits. Ein konkretes Konzept soll noch im April vorgelegt und anschließend mit den zuständigen Gremien erörtert werden. In ihrem offenen Brief hatten die Initiativen unter anderem über Repressalien durch Mitarbeiter geklagt – ein Vorwurf, der von der Arbeiterwohlfahrt als Träger der Einrichtung in einer Stellungnahme mit dem Titel „Fakten gegen Fake-News“ zurückgewiesen wurde. Genauso wie von der Sozialsenatorin. Ihr Eindruck vom Engagement der Mitarbeiter ist „durchweg positiv“.

Lüftungsanlage wird Klimaanlage

Zu den bereits seit Längerem geplanten Verbesserungen gehört nach Angaben der Behörde auch die Technik: So soll aus der Lüftungsanlage der Einrichtung jetzt eine Klimaanlage werden – und nicht nur auf allen Etagen des mehrgeschossigen Hauses eine Verbindung zum Wlan-Netz möglich sein wie bisher, sondern in jedem Zimmer. Die Flüchtlingsaktivisten hatten kritisiert, dass es in der Einrichtung im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt ist. Und dass sich die Bewohner in bestimmten Zimmern versammeln müssen, um ins Internet gehen zu können, wodurch das Einhalten von Mindestabständen zum Schutz vor einer Infektion erschwert, wenn nicht gar unmöglich wird.

Außerdem will die Behörde das Angebot einer psychologischen Erstberatung ausbauen und es queeren Menschen erleichtern, individuell untergebracht zu werden. In Zukunft soll es auf einer Etage eines Gebäudeflügel auch einen Flur mit Wohnungen geben, die ausschließlich Frauen mit Kindern vorbehalten sind. Mittelfristig will das Ressort zudem umbauen: Die nach oben offenen Leichtbauwände im Trakt der Notunterkünfte sollen weg und geschlossene Zimmerwände her. Dass aus den sogenannten Wohnkabinen nicht gleich reguläre Räume werden können, begründet Stahmann mit der Pandemie. Ist die vorbei, könnten die Handwerker kommen.

Nach Ansicht der Linken reicht nicht aus, was die Behörde vorhat. Die Bürgerschaftsabgeordnete Sofia Leonidakis fordert, was sie und ihre Partei schon öfter verlangt haben – mehr Alternativen zu Großunterkünften wie der Erstaufnahmestelle. Damit Abstandhalten möglich werden kann, sollen noch mehr Bewohner als bisher in Pensionen und Hotels untergebracht werden. Leonidakis meint, dass die auch kurzfristig verfügbar sind, weil sie wegen der Corona-Krise ohnehin keine Gäste haben. Die Linken-Politikerin kritisiert, dass nun genau das eingetreten ist, was die protestierenden Bewohner befürchtet haben: dass sich immer mehr Flüchtlinge infizieren.

Rund 250 Bewohner hat die Behörde nach eigenem Bekunden bisher umquartiert. Knapp 380 Flüchtlinge sind noch in der Einrichtung – bei 120 positiven Tests hat damit inzwischen fast ein Drittel das Virus.

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