Gastgeber Sprache Das Empfinden der Kinder

Heide Bollmann und Christa Thiekötter haben im Rahmen der Literaturreihe „Gastgeber Sprache“ im Kinderhaus Emma Texte zum Thema „Kinderseelen“ vorgelesen.
09.03.2020, 17:43
Lesedauer: 5 Min
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Von Martin Prigge

Grohn. Der eigentlich recht neutrale, nüchterne Raum mit den hellen Wänden im Kinderhaus Emma an der Grohner Bergstraße sieht an diesem Tag ungewohnt aus. An den Fenstern hängen selbst gemalte Bilder. Ein Fisch treibt im Ozean, eine Katze durchstreift die Landschaft, ein Krokodil verschwindet im Tunnel. Unter den kleinen Kunstwerken haben sich Kuscheltiere versammelt. Die Autorinnen Heide Bollmann und Christa Thiekötter bereiten gerade ihre Lesung vor. Einen literarischen Nachmittag zum Thema Kinderseelen erlebten die Zuhörer jetzt im Rahmen des Nordbremer Literaturfestivals „Gastgeber Sprache“ – die beiden Autorinnen lasen eigene Texte von Kinderglück und -not vor.

Die gebürtige Worpswederin Heide Bollmann beginnt. Es sind erwachsene Themen, die sie in Worte fasst. Kriege dieser Welt, Spendengeld, das nicht dort ankommt, wo es benötigt wird. „Hinschauen sollen wir“, fordert Bollmann. „Ein Kind braucht Schutz, Geduld, Verständnis, Wärme und Liebe.“ Immer wieder müsse man sich bewusst machen, dass einem ein Kind anvertraut wurde. Die Autorin schildert anhand selbst erlebter Situationen, wie Kinder in verschiedenen Situationen Zurückweisung erfahren.

Ein Beispiel: Ein kleiner Junge macht auf einem Flohmarkt mit dem Mund Fahrgeräusche nach, die das Spielzeugauto von sich gibt, das er umherschiebt. Plötzlich taucht die schreiende Großmutter des Kleinen auf. Er sucht Zuflucht bei Heide Bollmann. Es stellt sich heraus, dass die Großmutter ihn im Gedränge verloren und verzweifelt gesucht hatte. Heide Bollmann erklärt dem verängstigten Jungen die Situation.

Szenenwechsel. Ein kleines Mädchen wird den ganzen Abend lang im Restaurant nicht von seiner Mutter beachtet. Am Ende soll es vom Kellner einen Lutscher bekommen, was die Mutter ablehnt. Heide Bollmann spricht sich dafür aus, dass das Kind doch endlich Beachtung erfahren solle. Es erhält den Lutscher.

Aufmerksam verfolgen die Anwesenden im Kinderhaus Emma die Geschichte über ein weiteres Mädchen, das Kaugummi kaut und Blasen macht. Durch eine platzende Blase, so Heide Bollmann, landet ein Rest an seinem Kinn. Die wutschnaubende Mutter säubert mit Scheuerpulver das Kinn ihrer Tochter. Durch die Rötung erfährt das Mädchen Hänseleien. Eine Nachbarin fragt die Mutter, ob das Kind misshandelt worden sei. Das Kind habe eine blühende Fantasie, sagt die Mutter. In den Zuschauerreihen herrscht nachdenkliche Stille.

Christa Thiekötter hat sich für ihre fiktiven Geschichten von der neuseeländischen Autorin Katherine Mansfield inspirieren lassen. In „Großes Geheimnis“ schildert Thiekötter den Wunsch einer Enkelin an ihre Großmutter, für die Angestellten des wohlhabenden Hauses ein Gartenfest zu veranstalten. Das Mädchen möchte das hart arbeitende Personal würdigen. Unter der Bedingung, dies als „großes Geheimnis“ zu bewahren, laden Großmutter und Enkelin zum Fest ein. Die Angestellten sind erstaunt und äußerst dankbar. Mutter und Tante des Mädchens kehren früher als geplant nach Hause zurück und sind verwundert, gar erzürnt.

Auf die schnelllebige Gesellschaft geht Christa Thiekötter in der Geschichte von Robert ein, „dessen Seele nie das Fliegen lernen durfte“. Seine erfolgsorientierte Mutter gibt den Jungen stets in fremde Hände ab. Auf Veranstaltungen nimmt sie Robert mit, „stellt ihn vor – und ab in einen Berg voll Spielzeug, an dem er keine Freude hat.“ Robert ist blass, weil er nicht in der Sonne spielt, sondern Lachs in Luxushotels bekommt. Hilfeschreie des Kindes begreift die Mutter nicht, Therapiestunden zeigen keine Wirkung. Als alles verloren scheint, erinnert sich Robert an das Haus seines Vaters. Er beschließt, ihn zu besuchen. Als sich die Tür öffnet, kommt ihm warmes Licht entgegen.

Christa Thiekötter schließt ihre Lesung mit dem Märchen „Wundervoll beschützt“, das von einer Blutbuche handelt, die inmitten einer Betonwüste auf einem Grundstück steht, das verkauft wird. Dagegen wehren sich die Kinder, die in dem Baum geklettert sind, und die Vögel, die auf der Buche gesessen haben. Ein Mann, der aussieht wie ein großer schwarzer Rabe, erwirbt das Grundstück und schickt Arbeiter, um den Baum zu fällen. Doch jeder Ast ist besetzt von Vögeln und Menschen. Die Arme der Arbeiter frieren ein. Dies geschieht auch dem Rabenmann. Er verkauft das Grundstück an eine junge Familie. Zur Freude aller schwingt bald eine rote Kinderschaukel zwischen den Ästen.

Die Zuhörer im Kinderhaus Emma loben die literarischen Eindrücke mit Beifall. Dann entstehen Gespräche über die eigenen Kinder und Kindheiten. Beide Autorinnen schreiben schon seit der Kindheit. „Es ist ein Bestandteil meines Lebens, denn es macht mir große Freude, mit Worten umzugehen“, schwärmt Christa Thiekötter. Heide Bollmann ergänzt lächelnd: „Ich wollte meine Mutter mit dem Schreiben beglücken, weil ich im Rechnen so schlecht war.“

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Die nächsten Lesungen

Eva Hütter liest am Dienstag, 10. März, um 19 Uhr eigene Gedichte und Reime, die aus Beobachtetem und Erlebtem entstanden sind, es handelt sich um eine Wohnzimmerlesung, der Eintritt ist frei. Interessierte werden gebeten, sind unter 04 21 / 65 18 63 anzumelden.

Flucht – Angst – Vertreibung: Mitglieder der Schreibwerkstatt Bremen-Nord (Knut Addicks, Heike Blankenfeld, Rolf Bremer, Bärbel Hoffmann, Fernande Kuhlmann-Kirchmeyer, Ilse Windhoff) lesen am Donnerstag, 12. Märt, um 15.30 Uhr im Bewohnertreff der Grohner Düne, Bydolekstraße 5. Die Lesung dauert bis 19 Uhr. Eintritt frei.

Am Freitag, 13. März, um 18.30 Uhr liest Heide Marie Voigt Texte über Ihre Reise nach China 2019. Renate Neumann, Cello, spielt Zwischenklänge dazu. Die Lesung findet in der Stadtbibliothek Vegesack, Kirchheide 34-42, statt. Ein Hutgeld ist erwünscht.

Bei „Kleines Gelächter unter der Haut“ spüren Martina Burandt und Ursula Pickener dem Thema Kindheit in Lyrik und Kurzprosa nach. Die Lesung wird musikalisch begleitet vom Duo „2Cale“. Ort des Geschehens ist der Waldorfkindergarten Bremen-Nord, Grohner Bergstraße 17. Ein Hutgeld ist erwünscht.

Seit 2014 veröffentlicht das Bremer Literaturkontor in seiner Minilit-Reihe Texte junger Bremer Autoren in kleinen Heften und verteilt sie kostenlos in der Stadt. Am Dienstag, 17. März, ist das Literaturkontor um 19 Uhr mit einem „Minilit-Spezial“ zu Gast im Café Nunatak, Kapitän-Dallmann-Straße 2. Vier Autoren (Helge Hommers, Lui Kohlmann, Laura Müller-Hennig und Janika Rehak) präsentieren an diesem Abend in 15-minütigen Kurzlesungen jeweils einen Text.

Christian Bergmann (Hamlet-Darsteller der Shakespeare Company) präsentiert gemeinsam mit der Autorin Maren Bohm ihren jüngst im Karl Alber Verlag erschienenen Roman "Hermann Hesses wundersame Geschichte". Die Lesung findet am Mittwoch, 18. März, um 19 Uhr in der Buchhandlung Otto & Sohn, Breite Straße 21/22, statt. Der Eintritt ist frei.

Am Donnerstag, 19. März, lesen Rolf Bremer, Heinrich Theilmann und Ilse Windhoff Geschichten aus und über Grohn gestern und heute. Dazu präsentieren Björn Bremer und Raoul Erdmann Fotos von Grohn. Beginn ist um 16.30 Uhr im Alten Grohner Ratskeller an der Friedrich-Humbert-Straße 161. Der Eintritt ist ebenfalls frei.

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