Fußball-Bremen-Liga Eine Legende

Muhamed Hodzic ist seit fast 20 Jahren in Bremens höchster Spielklasse aktiv. Erst lange für Tura, dann für den FC Bremerhaven und KSV Vatan Spor, und nun seit zehneinhalb Jahren für die SAV.
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Von Jens Pillnick

Vegesack. „Er ist eine Legende“. Jörg Segerath, der Teammanager des Fußball-Bremen-Ligisten SG Aumund-Vegesack, nimmt dieses große Wort in den Mund, wenn er Muhamed Hodzic beschreibt. Aber Jörg Segerath weiß, wovon er spricht. Einst spielte er gegen „Hodzi“, dann mit ihm zusammen und jetzt erlebt er eben als Teammanager, welche Bedeutung der 37-jährige Offensivmann immer noch für die SAV hat. 19 Bremen-Liga-Jahre, zehneinhalb davon für die SAV, hat Muhamed Hodzic mittlerweile auf dem Buckel.

Für die jüngeren Spieler sei er der „Papa“, den Jörg Segerath als liebenswerten Menschen beschreibt. Man könne sich auf ihn verlassen, privat wie sportlich. Neben dem Platz sei Muhamed Hodzic eine „ruhige Seele“, auf dem Platz könne er aber auch anders sein. Angetrieben vom Spaß am Fußball und vom Ehrgeiz wolle er eben immer gewinnen, sagt Muhamed Hodzic über sich selbst, da sei er leidenschaftlich, zielstrebig und fokussiert. Manchmal auch heißblütig. Allerdings: Wenn er mal laut geworden sei, bereue er es umgehend. Seine fußballerischen Tugenden, das gibt er zu, hätte er gerne auf’s Private projiziert: „Aber da arbeite ich noch heute dran.“ Privat sei er ruhig, mitunter träge.

Wer Muhamed Hodzic nur vom Spielfeld kennt, der nimmt ihn so wahr. Stark im Antritt, leichtfüßig, technisch versiert, ein gutes Gefühl für den Raum, mit großem Spielverständnis ausgestattet, immer das gegnerische Tor im Visier.

Die zweite Nominierung

Das Zusammenspiel der sportlichen und menschlichen Merkmale über einen langen Zeitraum haben Muhamed Hodzic zur Ikone werden lassen, die jedem Fußballinteressierten in Bremen und umzu bekannt ist. Schließlich sind die Spielstätten der Bremen-Liga seit 19 Jahren die Schauplätze, auf denen der 37-Jährige seinem Team zum Sieg verhelfen will. Jetzt, im Herbst seiner Karriere, können ihn hingegen andere per Voting zum Sieg führen. Denn Muhamed Hodzic ist einer von fünf Kandidaten – neben Saimir Dikollari (Brinkumer SV), Vafing Jabateh (Bremer SV), Denis Nukic (FC Oberneuland) und Sven Waldschmidt (TuS Schwachhausen) –, der für die Wahl zum Amateur-Fußballer des Jahres, der beim Turnier am Sonntag, 30. Dezember, in der ÖVB-Arena gekürt wird, nominiert ist. Für Muhamed Hodzic ist es nach 2011 die zweite Nominierung übrigens. Seinerzeit hatte sich Marco Grahl (damals SVGO) durchgesetzt.

Mehr als die Hälfte seine Laufbahn im Herrenbereich, nämlich mittlerweile zehneinhalb Jahre, ist Muhamed Hodzic in Diensten der SG Aumund-Vegesack, allein die Vereinstreue ist in dieser schnelllebigen Zeit schon eine Besonderheit. Nachdem Hodzic, der Stahl- und Betonbauer gelernt hat, und mit seinem Bruder eine Firma im Bereich Tankstellenbau/Tiefbau führt, in den vergangenen Jahren immer wieder für eine weitere und noch eine weitere und noch eine weitere Saison zugesagt hatte, zeichnet sich nun das Karriereende ab. „Ich denke eher nicht“, antwortet er auf die Frage, ob es eine zwölfte Spielzeit bei der SAV geben wird. Mit seinem Bleiben in den vergangenen Jahren hatte Hodzic entscheidend dazu beigetragen, dass die SAV mehrere Umbrüche nacheinander meisterte.

Ungeliebte Co-Trainer-Rolle

Bis vor wenigen Montane hatte es danach ausgesehen, als ob eine Knieverletzung die Karriere beenden würde. Muhamed Hodzic wechselte die Seiten und unterstützte Björn Krämer als Co-Trainer. Eine von ihm ungeliebte Rolle, wie sich schnell herausstellte: „Das war gar nichts für mich. Langweilig, ein bisschen öde.“ Doch Muhamed Hodzic hatte Glück. Die Entzündung im Knie wurde besser und besser. Immer öfter mischte er im Training mit, wenn Not am Mann war. Und war schließlich wieder einsatzfähig. Einen spielenden Co-Trainer wollte Björn Krämer aber nicht, Muhamed Hodzic wurde von seiner Co-Trainer-Aufgabe befreit. „Liebend gerne“, blickt er zurück und gab auf dem Platz richtig Gas. Er erzielte in der Hinrunde der laufenden Saison fünf Tore, darunter das 1:0 (Endstand 2:1) im Eröffnungsspiel gegen den Blumenthaler SV und den 1:0-Siegtreffer im Rückspiel. Sehr zur Freude von Björn Krämer, der einst mit Hodzic die linke Seite bei der SAV beackert hatte und deshalb jetzt von einer besonderen Trainer-Spieler-Konstellation spricht. Und natürlich von den Vorzügen: „Er hat eine extrem hohe Disziplin, lehnt sich nicht zurück und findet den Draht zu allen Spielern. Er ist ein Musterspieler.“

Dieser Musterspieler bezeichnet sich selbst noch als Straßenfußballer. „Ich habe mir das Fußballspielen selber beigebracht. Wir haben auf der Straße gespielt, bis die Straßenlampen angingen. Dann ging es ab nach Hause“, erinnert sich Muhamed Hodzic. Da er aber nicht nur auf der Straße Fußball spielte, sondern auch noch in der Wohnung unentwegt den Ball gegen die Wand donnerte, wurde er beim AGSV Bremen zum Vereinsfußball angemeldet. Ein Jahr später ging es mit dem Trainer dann zu Tura Bremen, wo er alle Jugendmannschaften durchlief und im Herrenbereich nahtlos den Sprung in die damalige Verbandsliga schaffte. Bis 2004 spielte Muhamed Hodzic, der drei Schwestern und einen Bruder hat, bei Tura. Dann wollte er mal in einer „richtig guten Mannschaft kicken“ und schloss sich Oberliga-Absteiger FC Bremerhaven um Torjäger Stefan Kriesen, Allrounder Tarek Chaaban und Trainer Norbert Riedel an.

Das sportliche Glück mit dem Sieg im Lotto-Pokal dauerte eine Saison, dann setzte der Trainer laut Muhamed Hodzic auf andere: „Ich habe die Ellenbogen nicht eingesetzt, war nicht dreckig genug.“ Nach einem weiteren halben Jahr kehrte er zurück zu Tura („Da kannte ich mich aus, es war das gewohnte Umfeld“), das er ein Jahr später verließ und sich dem Lokalrivalen KSV Vatan Spor anschloss. Nach einer überraschenden Trennung von Trainer Issam Jaaibi in der Winterpause der Saison 2007/08 verging Muhamed Hodzic die Lust am Fußballspielen. Doch sein damaliger Nachbar und SAV-Spieler Tekin Sazlog ließ nicht locker und fragte jeder Tag, ob er mit zum Training kommen wolle. Schließlich ließ sich Hodzic überreden und fand nach Tura seine zweite fußballerische Heimat.

Die Heimat seiner Vorfahren ist Bosnien. Vater Ismet war vor rund 50 Jahren in Deutschland als Gastarbeiter eingewandert und hatte auf einer Werft in Nordenham eine Anstellung. Heute ist er Vorsitzender der bosnischen Gemeinde in Bremen, die er einst gegründet hatte. „Ein fantastischer Mann“, sagt Muhamed Hodzic über seinen Vater, dem er seine „gute Kinderstube“ zu verdanken habe. Seinem schnell gut deutsch sprechenden Vater sei das Beisammensein der „Jugo-Muslime“ ebenso wichtig gewesen wie die Integration. Von ihm habe er den „toleranten Islam“, wie er im Balkan üblich sei, kennengelernt, ihm sei aber nie etwas aufgezwungen worden.

Der Hoffenheim-Patzer

Später war Fußball-Fan Imam Ismet Hodzic ständiger Beobachter der Spiele seines Sohnes. Doch die Besuche wurden schlagartig weniger, erzählt Muhamed Hodzic. Dass Sohn Muhamed den Treffer zum 0:1 (Endstand 0:9) in der DFB-Pokalpartie gegen den Erstligisten Hoffenheim im Sommer 2013 mit einem Patzer kurz nach der Pause eingeleitet hatte, habe Vater Ismet nicht gefallen. Dem würde es aber ganz sicher gefallen, wenn sein Sohn zu Bremens Amateurfußballer des Jahres gekürt werden würde. Und dann hätte Imam Ismet Hodzic ja noch in der Rückrunde Gelegenheit, die wohl letzten Bremen-Liga-Spiele seines Sohnes zu verfolgen.

Darauf, dass „Hodzi“ die Wahl gewinnt, setzt Ehefrau Stefanie, die im Oktober eine Tochter zur Welt brachte. „Sie sagt, wenn ich die Wahl gewinne, könnte ich ja endlich aufhören“, berichtet Muhamed Hodzic, der mit seiner Familie kürzlich aus Gröpelingen nach Stuhr gezogen ist. Eine Einschätzung, die der Kicker nicht teilt: „Gerade dann, wenn ich gewinne, kann ich doch nicht aufhören.“ Dass er immer noch Fußball spielt, sorgt für die eine oder andere Diskussion. „Wenn Stefanie das anspricht, versuche ich, die Kurve zu kriegen“, verrät Muhamed Hodzic und weiß schon jetzt: „Das Fußballspielen wird mir fehlen – und auch das Gequatsche in der Kabine.“

Es darf also weiter gerätselt werden, wann die Karriere von einem der letzten Bremer Straßenfußballer, einer noch spielenden Bremen-Liga-Legende, endet. Und viele werden das denken und hoffen, was in den vergangenen Jahren Programm war: Eine Saison geht doch noch.

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