Vortrag von Björn Tings

Für den Satelliten unsichtbar

Björn Tings vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt erklärt in einem Vortrag, warum die Bremer Stadtmusikanten auf Satelliten-Bildern nicht zu sehen sind.
27.06.2019, 18:12
Lesedauer: 3 Min
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Von Georg Jauken

Vegesack. Nichts, nada, niente. Die Antwort auf die Frage, was Grimms Märchen mit dem Satellitenradar (SAR) zu tun haben, könnte eindeutiger kaum sein. Es sei denn, jemand macht sich die Mühe, die unterlebensgroße Bronzeplastik der Bremer Stadtmusikanten von Gerhard Marcks neben dem Bremer Rathaus auf einem Satellitenfoto zu suchen und findet sie nicht.

In diesem Fall kann ein Erdbeobachtungsexperte weiterhelfen, einer wie Björn Tings, der sich seit 2013 als Wissenschaftler im Institut für Methodik der Fernerkundung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit der SAR-Signalverarbeitung beschäftigt. So geschehen jetzt auf dem Schulschiff Deutschland im Rahmen der von Cynthia Bolen-Nieland organisierten Veranstaltungsreihe über die Bremer Stadtmusikanten im Licht von Kultur, Wissenschaft und Weltfrieden.

Aus seinem Institut hat Tings Satellitenbilder mitgebracht, auf denen das Schulschiff bestens zu erkennen ist, ebenso der Dom, das Rathaus und die Wilhelm-Kaisen-Brücke, aber eben nicht die Stadtmusikanten. Der Experte für Auswertung von Satellitenbildern scheut sich nicht einmal, Bilddaten von Google-Earth zu Hilfe zu nehmen, aber auch darauf ist Marcks' Bronzeplastik nicht zu erkennen. Um seinen 20 Zuhörern auf dem Schulschiff zu erklären, woran das liegt, holt er weit aus.

So erklärt Björn Tings erst einmal, dass der Begriff Satellit alle Objekte umfasst, die um einen Planeten kreisen, spricht vom Mond und vom ersten künstlichen Satelliten Sputnik, den die Sowjetunion im Jahr 1957 auf eine Umlaufbahn um die Erde schickte. Die von Tings mitgebrachten Bilder stammen von Radarsatelliten jüngeren Datums, die die Erde Tag und Nacht aus Entfernungen von nur wenigen Hundert Kilometern beobachten. Einmal am Tag überqueren sie Neustrelitz und funken die gesammelten Daten an die dortige Bodenstation des DLR.

Ein solcher Satellit, erklärt Tings, sendet gebündelte elektromagnetische Wellen aus, fängt die von den Objekten im Suchbereich reflektierten Signale wieder auf und wertet sie nach verschiedenen Kriterien aus. Das Problem: Der Satellit bewegt sich. Während er beständig um die Erde kreist, verändert sich der Abstand zwischen Sender und Empfänger und das ausgesandte Signal erreicht Gebäude, Schiffe und sonstige Objekte auf der Erdoberfläche zeitlich gestaucht oder gedehnt. Das Signal wird dadurch in verschiedenen Frequenzen zurückgestrahlt. Auf dem Satellitenbild von der Bremer Innenstadt ist die Folge dieses Effekts deutlich zu sehen. Das Rathaus reflektiert die ausgesandten Wellen derart hell und verzerrt zurück, dass es die vergleichsweise kleinen Stadtmusikanten offenbar überstrahlt.

Die Frequenzverschiebungen infolge der Bewegung des Senders verdoppeln sich schließlich sogar, wenn die bereits verzerrt empfangenen Signale von beweglichen Objekten reflektiert werden. Gut erkennbar ist das auf den Aufnahmen vom Schiffsverkehr auf Weser und Nordsee, besonders deutlich jedoch auf den Aufnahmen von einem Windpark vor der Insel Borkum. Auf dem Satellitenbild erscheinen die einzelnen Windkraftanlagen als Häufung heller Punkte, teils mit deutlichem Abstand zum eigentlichen Standort der Anlage.

Im Forschungsalltag wird die Radarsatellitentechnik genutzt, um damit Tidenhub, Veränderungen im Wattenmeer, Schiffsbewegungen, Wellenmuster, Eisbewegungen oder auch das Windaufkommen – zum Beispiel im Windschatten von Offshore-Windparks – zu untersuchen, berichtet Tings. Schließlich wendet er sich wieder den Bremer Stadtmusikanten zu. Sie waren – wenig überraschend – die ganze Zeit da. Tings muss die Satellitenaufnahme von der Innenstadt nur etwas drehen und schon lässt sich zumindest der Schatten der Stadtmusikanten neben dem strahlenden und verzerrten Rathaus deutlich erkennen.

Veranstalterin Cynthia Bolen-Nieland spricht im Anschluss von einem spannenden Abend. Die Suche nach den Stadtmusikanten via Satellit habe unter anderem junge Wissenschaftler aus Bremen nach Bremen-Nord gelockt. Auch freut sie sich, dass Björn Tings auf seinen Satellitenbildern einen zum Märchen passenden Wald im Bremer Norden, die erwähnte Mühle in Rekum sowie die Burg Blomendal als möglichen Ort ausgemacht hat, in dem die Stadtmusikanten mit ihrem lauten Gesang einige Räuber vertrieben haben könnten. Daran, dass die Stadtmusikanten aus Grimms Märchen nie in Bremen ankamen, hatte gleich zu Beginn allerdings schon Dieter Brand-Kruth erinnert.

Er hat die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten umfassend erforscht und verortet die Stadtmusikanten mit Hinweis auf die Quellenangabe in Grimms 200 Jahre altem Märchenbuch im Paderborner Land. Bremen sei in dem Märchen vielmehr ein Sehnsuchtsort, ein Sinnbild für Freiheit, bekannt für die Auswanderer, die von dort nach Übersee gelangten, sowie für die echten Stadtmusikanten und ihren Gesang von eher bescheidender Qualität.

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