Hochwasserschutz für das Alte Packhaus

Panzerglas statt Beton oder Stahl

Das Alte Packhaus in Bremen Vegesack muss wegen steigender Pegelstände besser vor Hochwasser geschützt werden. Statt undurchsichtiger Stahl- oder Betonwände wird eine Panzerglaswand in Erwägung gezogen.
27.04.2021, 08:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Imke Molkewehrum

Das „Alte Packhaus“ in Vegesack steht unter öffentlichem Hochwasserschutz. Hierfür ist der Bremische Deichverband am rechten Weserufer zuständig. Außerdem steht das aus dem 18. Jahrhundert stammende Gebäude unter Denkmalschutz. Und dafür ist das Landesamt für Denkmalpflege Bremen verantwortlich. Damit das Antlitz des historischen Packhauses nicht hinter Beton- oder Stahlwänden verschwindet, wird als Alternative eine Panzerglaswand in Erwägung gezogen. Georg Skalecki, Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege, und Wilfried Döscher, Geschäftsführer des Deichverbandes plädieren für diese Lösung. „Das muss aber eine Ausnahme bleiben, weil Beton- oder Metallwände Stöße von Bäumen besser aushalten können“, betont Döscher.

„Es ist wohl noch nichts entschieden ist, aber ich begrüße die Maßnahme“, betont der Kunsthistoriker Georg Skalecki und ergänzt: „Natürlich ist diese Lösung kostenaufwendiger und komplizierter, aber in diesem historischen Kontext muss das sein. Hochwasserschutz ist nötig, aber mit einer massiven Wand wäre das Gebäude weder von außen noch von innen wahrzunehmen. Panzerglas ist daher ein guter Kompromiss.“

Auch Katja Pourshirazi, Leiterin des Overbeck-Museums, das sich ebenfalls im „Alten Packhaus“ befindet, bevorzugt diese Variante. „Ich habe noch keine Entwürfe gesehen, aber wir haben schon die Sorge, dass wir hier zugemauert werden und kein Tageslicht mehr haben. Wir möchten natürlich gern den Durchblick behalten“, betont die Kunsthistorikerin und ergänzt: „Bisher war das Hochwasser zum Glück noch nie so, dass ich Sorge gehabt hätte.“

Bremenweit gilt Vegesack als besonders schutzbedürftig. Seit 2009 optimiert der „Bremische Deichverband am rechten Weserufer“ aber nicht nur hier die Deiche, Spundwände oder Mauern – gemäß den Vorgaben des „Generalplans Küstenschutz“. Sukzessive werden allerorten die Schutzanlagen verbessert: vom Werderland bis zur Landesgrenze in Rekum.

„2009 sind wir mit dem Generalplan in Rekum gestartet, aber jetzt können wir in Rekum wieder loslegen“, sagt Döscher. Deichschutz ist gewissermaßen eine Endlos-Schleife, denn die Pegelstände steigen fast stetig. Im Fokus der Deichschützer stehen in naher Zukunft drei Kilometer am Bunker Valentin in Rekum. „Da steht schon ein voluminöser Deich, aber der reicht für die nächste Runde nicht aus, weil wir künftig mit anderen Werten rechnen müssen.“

Die steigenden Pegel manifestieren sich auch an den Schließfrequenzen des Lesum-Sperrwerks. Hier hat das Tidehochwasser bei auflaufend Wasser aus der 60 Kilometer entfernten Nordsee im Jahr 1973 im Mittel bei 2,10 Metern gelegen. "Bis heute ist es auf 2,40 Meter gestiegen. "Schuld sind der Klimawandel und die Weserausbauten", so Döscher. Bei Hochwasser, das die Marke 2,70 Meter voraussichtlich übersteige, werde das Lesum-Sperrwerk vorsorglich geschlossen. Aktuell erwarten die Experten jährlich 100 bis 150 Schließungen.

Ein Ingenieur rechnet anhand der Pegel in Borkum, Fedderwardersiel und Bremerhaven die zu erwartenden Pegelstände aus und informiert gegebenenfalls einen Techniker. Sollte sich die Flutwelle jenseits der Präsenzzeiten zwischen 6 und 22 Uhr ankündigen, fahre der Mitarbeiter extra zum Sperrwerk. „Binnen 15 Minuten ist das Sperrwerk zu, aber das kostet Geld“, betont Döscher.

Gebaut wurde das Lesum-Sperrwerk nach der Sturmflut im Jahr 1962. Damals habe Bremen das Wesersperrwerk „als Querriegel“ errichtet, um das Land vor Überflutungen zu schützen, sagt der Experte. Aber das Wasser habe sich andere Wege gesucht. Um steigende Scheitelwasserstände in Ochtum und Lesum zu vermeiden, seien auch hier Sperrwerke errichtet worden. „Man hat alle drei Flüsse abgedämmt.“ Wegen der nunmehr reduzierten Ausweichflächen sei in der Folge allerdings der Scheitelstand der Weser um 70 Zentimeter gestiegen, und die Deichstrecken mussten erhöht werden.

„Viele Bürger wissen gar nicht, wie aufwendig der Hochwasserschutz ist“, sagt Wilfried Döscher. „Aber die Natur reagiert sehr empfindlich. Ein leiser Windhauch kann gravierende Folgen haben. Vor allem wegen der höheren Wasserstände und des kontinuierlichen Ausbaus der Weser.“

Info

Zur Sache

Das Alte Packhaus in Vegesack fungierte während seiner etwa 250-jährigen Geschichte als Lager, Bäckerei, Brauerei, Kneipe und Fabrik. Matrosen, die in Deutschlands erstem künstlichen Hafen von Bord gingen, deckten sich hier mit Schiffszwieback, Reiswein, Takelage oder Wellpappe ein. 1970 wäre das Gebäude im Zuge der Stadtsanierung zugunsten einer Hochhaussiedlung beinahe abgerissen worden. Einige Vegesacker verhinderten das. Seit 1990 beherbergt das Alte Packhaus das Kultur- und Veranstaltungszentrum Kito, das seinen wiederum Namen einer Verpackungsfirma verdankt, die Mitte der 20er-Jahre im Packhaus residierte und Pappkartons produzierte. Ihr Name: „Kistentod AG“. Der Volksmund verkürzte das Wort zu Kito.

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