Was Nordbremer für 2021 hoffen

„Ich will alle in die Arme schließen“

Zum Jahreswechsel lassen viele Menschen die zurückliegenden Monate Revue passieren. 2020 wird den wenigsten in guter Erinnerung bleiben. Aber es war nicht alles schlecht. Einige Statements.
31.12.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Imke Molkewehrum

Bremen-Nord. Das strapaziöse Jahr 2020 ist fast vorbei. „Endlich!“, denken die meisten Menschen und blicken dem neuen Jahr 2021 hoffnungsvoll entgegen. Den Begriff „Corona“ kann wohl niemand mehr hören, in den zurückliegenden Monaten gab es aber auch positive Momente. Einige Statements aus Bremen-Nord und Umgebung.

Andreas Bettray, Geschäftsführer der Fähren Bremen-Stedingen: „Die menschlichen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie“ haben Andreas Bettray besonders betroffen gemacht. „Erschreckend ist, dass die Pandemie bevölkerungsübergreifend bis in den letzten Winkel der Welt gewütet hat und immer noch wütet.“ Umso erleichterter sei er gewesen, dass der Menschheit im kommenden Jahr Impfstoffe zur Verfügung stehen – und das hoffentlich weltweit. Seiner Belegschaft ist Bettray dankbar dafür, „dass alle an einem Strang gezogen haben und der Krise gemeinsam und zuversichtlich entgegengetreten sind“. Für 2021 erhofft sich Andreas Bettray, dass die Notlage bewältigt wird, „die Menschen aber nicht zur Tagesordnung zurückkehren, sondern ihre Lehren ziehen aus den vielfältigen Betroffenheiten, die uns die Corona-Pandemie aufgezeigt hat“.

Silvia Neumeyer, Bürgerschaftsabgeordnete: Die CDU-Politikerin war im März direkt betroffen. Noch unter dem Eindruck der furchterregenden Bilder aus Italien musste sich die CDU-Politikerin mit ihrer eigenen Erkrankung auseinandersetzen. „Der Verdacht war schnell da, weil ich mich in einem Bus mit vielen Betroffenen befunden hatte“, erzählt sie. „Das alles bleibt in meinem Hinterkopf und ich habe großen Respekt vor dem Virus“, sagt die Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft und ergänzt: „Der Impfstoff ist deshalb ganz wunderbar.“ Bemerkenswert findet die Nordbremerin die enorme Hilfsbereitschaft von Verwandten, Freunden und Nachbarn während der Isolation. „Die haben für mich eingekauft – sogar Blumen, die ich auf meiner Dachterrasse einpflanzen konnte.“ Dafür sei sie immer noch sehr dankbar. Inzwischen genesen, ist Silvia Neumeyer auch froh über die zwangsläufige Entschleunigung während der Pandemie. „Ich habe unter anderem die eigene Heimat bei Radtouren neu kennengelernt. Man ist demütiger und kann seine Lebensinhalte neu definieren und viele Dinge weiß man jetzt besser zu schätzen: die Natur, die Feiern und sogar das Einkaufen.“ Für das Jahr 2021 setzt Silvia Neumeyer auf den Impfstoff. „Ich bin gern unter Menschen und will sie alle wieder in die Arme schließen.“

Katja Pourshirazi, Leiterin des Overbeck-Museums in Vegesack: „Neben den furchtbaren Bildern, die wir alle gesehen haben, war und ist für mich die soziale Distanz sehr belastend“, betont die Kunsthistorikerin. „Wir vermissen alle unser Museum und die anderen Menschen. Die menschliche Nähe lässt sich nicht durch Zoom ersetzen“, findet die Nordbremerin. Erschreckt habe sie zudem, „wie falsch die Bedrohung eingeschätzt wurde und wie schnell die Wirklichkeit uns überholt hat“. Katja Pourshirazi hat aber auch Gutes in der Krise entdeckt: „Positiv ist tatsächlich, dass plötzlich vieles ging, das vorher undenkbar war. Die Flexibilität ist gewachsen. Es gab Treffen im Netz statt persönlicher Zusammenkünfte. Es wurden sogar ganze Ausstellungen abgesagt. Das hat auch bei mir innerlich zu einer größeren Flexibilität geführt“, sagt Pourshirazi. Insgesamt sei das Overbeck-Museum in 2020 mehr als vier Monate geschlossen gewesen. „Das war vorher unvorstellbar.“

Harm Mattfeldt, Leiter des Hegerings 3: „Für mich war es tatsächlich ein positives Jahr, weil ich Jäger bin“, sagt Harm Mattfeldt aus Neuenkirchen. Der 40-jährige Landwirt konnte sein Wildfleisch während des Lockdowns wesentlich besser vermarkten. „Die Leute haben viel mehr gegrillt und gekocht und mir das Fleisch aus den Händen gerissen“, erzählt er. Die Restaurants seien als Abnehmer zwar weggebrochen, aber der Umsatz sei durch private Kunden trotzdem gestiegen. Natürlich hofft auch Harm Mattfeldt auf ein baldiges Ende der Pandemie, er wünscht sich aber, dass die Direktvermarktung des Wildfleisches weiterhin gut läuft, schließlich hätten die Kunden gemerkt, wie schmackhaft das frische Fleisch sei. „Und die Jäger müssen es ja ohnehin vermarkten.“ Die Pandemie habe sich im übrigen auch direkt auf die Natur ausgewirkt. „In den Wäldern war es viel unruhiger als sonst, weil viel mehr Menschen spazieren gegangen sind oder Pilze gesucht haben. Die Parkplätze waren überall voll“, so Mattfeldt. Das Wild sei deshalb erst nach Einbruch der Dunkelheit rausgekommen, „aber im Endeffekt ist es ja gut, wenn die Leute die Natur wertschätzen“. Im privaten Umfeld hat Harm Mattfeldt seine Freunde vermisst. „Die Geselligkeit fehlt“, sagt er. Die Jäger dürfen beispielsweise nicht gemeinsam auf Niederwildjagd – also auf Hasen, Fasane, Enten und Gänse – gehen. „Das ist seit Oktober verboten.“ Abstandhalten sei aber auch bei der gemeinsamen Jagd auf Hochwild, also Wildschweine, Damwild und Hirsche, zwingend. Jeder sitzt auf seinem Hochsitz und die Treiber sind auch im Abstand unterwegs. Mattfeldt: „Das ist schon schwieriger als sonst.“

Florian Giese, Pastor der evangelisch-lutherischen Söderblomkirche in Marßel: „Mich hat die lähmende Stille beim Lockdown im Frühling betroffen gemacht“, sagt Florian Giese. „Das war so irreal wie in einem Hollywood-Film und hat mich sehr erschreckt.“ Bedrückend sei auch gewesen, dass sich Menschen nicht von sterbenden Angehörigen verabschieden konnten. Manche hätten ihre Verwandten am Krankenwagen verabschiedet und nie wieder gesehen. „Ich bin im Frühling bewusst zum Supermarkt gegangen, um Menschen zu treffen und Seelsorge zu betreiben. Das ist ja nur einmal über die Straße und die Leute haben das gerne angenommen“, erzählt der Theologe. Im Marßeler Feld sei Einsamkeit ein zentrales Thema, da viele allein leben. „Darum sind Kontakte zu Freunden und zur Gemeinde umso bedeutsamer.“ Den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Solidarität findet der Pastor daher besonders bemerkenswert. Maskenpflicht, Abstand und Hygiene seien aktuell erforderlich „und die Leute halten sich zum Wohle der anderen bereitwillig daran – auch in den 30-minütigen Gottesdiensten. Diese mündige Gesellschaft hat mich im Jahr 2020 beeindruckt.“ Für das Jahr 2021 wünscht sich Florian Giese aber mehr Freiheiten für die Wirtschaft. „Wir müssen uns in der Pandemie einleben, aber so geht es nicht ewig gut.“

Werner Pohlmann, Geschäftsführer des Modehauses Leffers in Vegesack: „Corona hat leider die ganze Welt durcheinander gebracht. Und uns hat der Virus das Geschäftsleben ruiniert – vor allem im März und April und nun wieder seit Mitte Dezember. Es ist die schlimmste Erfahrung, die ich in meinem 43-jährigen Berufsleben gemacht habe“, sagt Werner Pohlmann. Was der Handel derzeit durchlebe, habe es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben. „Im Moment funktioniert gar nichts. Die Lieferantenkette ist unterbrochen, die Herbstware ist noch im Haus und das Weihnachtsgeschäft fehlt. Aber wir nehmen die Herausforderung an und kommen da durch. Wir stehen gerade mit vier Mitarbeitern hier im Laden, sortieren Waren und bereiten uns auf die Wiedereröffnung vor.“ Positiv bewertet er in der Krise den „menschlichen Zusammenhalt“ seines Teams. „Wir sind in den vergangenen elf Monaten näher aneinandergerückt.“ Über die Kurzarbeit sei es auch gelungen, das Personal zu halten. Werner Pohlmann setzt auf die Impfung. „Ich hoffe, dass dank der Impfungen spätestens ab Mai eine gewisse Normalität eintritt, Geschäfte, Kinos, Restaurants und soziale Kontakte wieder aufleben.“

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