Schießen Großes Rätselraten in Zeiten des Lockdowns

Blumenthaler SV und Vegesacker SV reagieren unterschiedlich auf steigende Corona-Inzidenzwerte
29.03.2021, 11:21
Lesedauer: 6 Min
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Von Karsten Hollmann

Kaum war der Schießsport im Bremer Norden wieder leicht geöffnet, ist er nun teilweise schon wieder geschlossen. Der Vegesacker SV und der Blumenthaler SV reagieren aber höchst unterschiedlich auf die täglich steigenden Corona-Inzidenzwerte. Während der Blumenthaler SV die Reißleine zieht, bleibt die Anlage des Nachbarn zumindest vorerst offen. Der Vegesacker SV lässt seit drei Wochen wieder wenige Aktive auf seine Anlage und möchte dies auch in den kommenden Tagen so beibehalten.

„Die Richtlinien der Verordnungen zur Eindämmung der Pandemie erlaubten ja schon seit November des vergangenen Jahres die Ausführung des sogenannten Individualsports. Dies beinhaltet auch in geschlossen Räumen die Ausübung von kontaktfreiem Sport mit bis zu zwei Personen und das auch bei Anwesenheit eines Trainers oder einer Aufsicht, die durch eine Maske geschützt ist, den Abstand einhält und nicht in die sportliche Ausübung eingreift“, teilt der Pressesprecher des Vegesacker SV, Georg Veltl, mit, der auch als Presse-Referent für den Geestkreis und den Bezirksschützenverband Osterholz fungiert.

Bereits seit einiger Zeit hätten Schützenvereine diese Aspekte aufgegriffen, indem zwei Schützen mit ausreichend Abstand den Schießsport ausüben und dabei, wie es das Waffenrecht fordert, von einer befugten Person mit Abstand beaufsichtigt werden. „Vor drei Wochen hat auch der Vegesacker Schützenverein diese Verfahrensweise aufgegriffen, da zu dem Zeitpunkt die Infektionszahlen relativ weit abgesenkt und die Bezirksmeisterschaften auf Mitte bis Ende April terminiert waren“, informiert Veltl.

Über einen via Internet zugänglichen Terminkalender können in Vegesack parallel zwei Zeitfenster von einer Stunde gebucht werden. Es werden dabei pro Trainingstag zwei solcher Termine vergeben, die durch eine viertelstündige Pause voneinander getrennt sind, damit sich die Schützen nicht begegnen“, lässt Georg Veltl wissen. In der Pause werde gelüftet sowie Stände und eventuell genutzte Ausrüstung desinfiziert.

„Die Aufsicht trägt die ganze Zeit Maske, die Schützen legen erst am Schützenstand die Masken ab. Scheibenwechsel und andere Tätigkeiten erfolgen dann mit Maske und unter Einhaltung des Abstands“, berichtet Veltl. Das Ganze sei deshalb also schon ziemlich weit entfernt vom normalen Training. „Es wird aber von den meisten Schützen dankend als Möglichkeit angenommen, einigermaßen am Ball zu bleiben. Wir haben aber auch Schützen im Verein, die sich durch ihre persönliche Krankheitsgeschichte oder durch ihre Tätigkeit in medizinischen oder Pflegeberufen auch weiterhin völlig aus dem Training heraushalten“, betont der Presse-Referent.

Die aktuelle Rückkehr in den Lockdown bedeute zwar ein Zurückgehen auf den Stand von Anfang März, also auf den Stand vor den beschlossenen Lockerungen. Doch weil diese Regelung bereits vorher Bestand gehabt habe, solle sie trotz deutlich steigender Corona-Fallzahlen weitergeführt werden, weil diese eine zwar kleine, aber sehr sichere Möglichkeit der sportlichen Betätigung ermögliche, so Veltl.

Beim Blumenthaler SV durften in den beiden vergangenen Wochen die Speed-, Steel- und Bogenschützen wieder mit bis zu fünf Personen aus zwei Haushalten ihrem Sport im Freien nachgehen. Für den Innenbereich erteilten die Blumenthaler aber trotz der Anfang März beschlossenen Lockerungen keine Trainingserlaubnis. „Man darf sein Gewehr nur in den Gewehrschrank stellen oder es herausholen. Darüber hinaus ist kein Aufenthalt im Verein gestattet“, erklärt Blumenthals Sportleiter und Pistolen-Referent Michael Nonnewitz. Er räumt aber ein, dass es rein theoretisch denkbar sei, dass ein Schütze seinen Sport alleine auf der Anlage ausüben könne.

„Ich möchte aber nicht, dass einer alleine auf dem Stand schießt. Denn wer hilft ihm, wenn etwas passiert, er sich etwa selbst in den Fuß oder ins Bein schießt?“, fragt sich der 61-Jährige. Ab zwei Schützen sei sogar eine Aufsicht vorgeschrieben. „Ich halte aber nicht meinen Kopf dafür hin, wenn sich dabei jemand mit Corona infiziert“, gibt Michael Nonnewitz zu bedenken.

Um nicht zu viele wechselnde Personen auf dem Stand zu beherbergen, sei es deshalb nur sinnvoll, ein und derselben Person die Aufsicht zu überlassen. „Aber wir werden niemanden finden, der sich von morgens bis abends als Aufsicht zur Verfügung stellt“, sagt Nonnewitz. Er sehe deshalb generell nur die Möglichkeit, Schützen auf den Schießstand zu lassen, wenn diese einen negativen Corona-Test vorweisen können.

Weil der Corona-Sieben-Tage-Inzidenzwert in Niedersachsen bereits seit mehr als drei Tagen bei über 100 liegt, teilte Nonnewitz seinen Klubkollegen am Sonntag mit, dass auch der Schießsport im Freien ab sofort wieder zu unterlassen sei. Zwar handelt es sich beim Blumenthaler SV eigentlich um einen Bremer Verein. Doch weil die Anlage am Rosenbusch in Beckedorf, folglich im Landkreis Osterholz liegt, gelten die Inzidenzwerte für Niedersachsen.

Weil sich Bremen bereits seit Mittwoch im Hinblick auf den Sieben-Tage-Inzidenzwert bei über 100 befindet, macht es letztlich in diesem Fall auch keinen Unterschied, welches Bundesland zuständig ist. Sowohl der Blumenthaler SV als auch der Vegesacker SV gehören im Übrigen dem Schützenverband Osterholz, also auch einem niedersächsischen Verband an. Die Inzidenz im Landkreis Osterholz liegt noch deutlich unter 100. „Der Landkreis hat mir aber mitgeteilt, dass für uns der Wert für Niedersachsen gilt“, so Nonnewitz.

Er ist vom ewigen Auf und Ab in Bezug auf Lockerungen und Schließungen im Schießsport total genervt. „Du weißt einfach nicht mehr, was wann gelten soll. Es herrscht ein totales Durcheinander“, beschwert sich der Sportleiter. Er glaubt jedenfalls zu wissen, dass auch der Individualsport unter freiem Himmel bei einer Inzidenz von mehr als 100 zu unterbleiben hat. Michael Nonnewitz macht sich langsam große Sorgen um den Schießsport. „Es werden irgendwann etliche Leute aus den Vereinen austreten. Viele haben sich bereits umorientiert“, teilt Nonnewitz mit. Es werde sehr schwierig sein, diese wieder für den Schießsport zurückzugewinnen.

„Vor der Corona-Pandemie hatte ich einige Leute, die sich für den Schießsport interessierten und unserem Verein beitreten wollten. Die haben sich aber wegen der Pandemie alle nicht wieder gemeldet“, bedauert Nonnewitz. Er fände es zudem schade, dass derzeit keine Versammlungen im Verein abgehalten werden könnten. „Da wir auch viele ältere Mitglieder im Verein im Alter von 70 Jahren und aufwärts haben, können wir unsere Jahreshauptversammlung nicht online veranstalten“, äußert sich Nonnewitz. Unabhängig davon sei aber auch das Sich-in-die-Augen-Schauen bei solchen Veranstaltungen extrem wichtig. Der Pistolenschütze sieht selbst für die für den Sommer geplanten Meisterschaften schwarz: „Ich glaube nicht daran, dass wir bis dahin genügend Leute geimpft haben.“ Aus seiner Sicht könne man deshalb bereits das komplette Sportjahr 2021 ebenso wie das vorangegangene Jahr weitestgehend abhaken.

Zu den Sportlerinnen des Vegesacker SV, die ihr Training nach der mehrmonatigen Zwangspause wieder aufgenommen haben, zählt Milana Litau. „Seit drei Wochen ist in Bremen das Bogenschießen, zu zweit mit Terminvergabe, erlaubt. Noch können zwar nicht alle Jugendschützen zusammenschießen. Aber es ist immerhin ein Anfang“, sagt die Zwölfjährige. Sie habe sich auf jeden Fall sehr gefreut, dass sie unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln wieder mit ihrem Trainer Günter Dreher-Esders loslegen konnte. „So durfte ich endlich meinen neuen Bogen ausprobieren“, ergänzt Milana Litau.

Info

Zur Sache

Nachdem bereits Bezirkssportleiter Gerd Cordes die Bezirksmeisterschaften Gewehr für den Bezirksschützenverband Osterholz abgesagt hatte, zog nun der Pistolen-Referent des Verbandes, Wolfgang Kallen, nach. „Ich habe lange überlegt und abgewogen, wie eine Bezirksmeisterschaft Pistole durchgeführt werden kann. Nach den Beschlüssen, den Lockdown bis zum 18. April zu verlängern, glaube ich aber nicht, dass die Meisterschaft durchzuführen ist. Außerdem sind leider wieder steigende Infektionszahlen zu verzeichnen“, sagt Kallen. Er erwarte auch nicht, dass die Inzidenz-Zahlen so schnell unter 50 fallen werden.

„Da die Schießstände für den normalen Betrieb nicht geöffnet sind und auch keine Öffnung zu erwarten ist, halte ich eine ordnungsgemäße Durchführung der Meisterschaft in der Gesamtbetrachtung für nicht durchführbar und machbar“, begründet Wolfgang Kallen die Absage, der für den Zeitraum 10. bis 24. April geplanten Bezirksmeisterschaften. Er wolle die Gesundheit der Sportler nicht aufs Spiel setzen.

„Wir wollen aber eine eventuelle Durchführung der Landesmeisterschaften nicht im Wege stehen“, kündigt Kallen bereits an. Deshalb sollen ihm die Starter mitteilen, ob sie an einer etwaigen Landesmeisterschaft teilnehmen möchten. „Ich werde dann entsprechend Gerd Cordes die Startkarten für eine Meldung zusenden“, versichert der Referent.

Die Planungen von Wolfgang Kallen, der sich angesichts der fallenden Corona-Zahlen im Februar an die Arbeit gemacht hatte, sind somit schon wieder hinfällig. Da sich nicht so viele Schützen wie sonst angemeldet hatten, konnte Kallen Startpläne für die einzelnen Disziplinen aufstellen, die sich zwar fast über den ganzen Tag hingezogen hätten, die es aber auch erlaubten, mit ausreichendem Abstand zwischen den Schützen und mit ausreichend Pausen zwischen den einzelnen Starts die Wettbewerbe unter Einhaltung der Richtlinien durchzuführen.

Die neuere Entwicklung der Infektionszahlen warfen dann aber sämtliche Pläne über den Haufen. Der Geschäftsführer des Nordwestdeutschen Schützenbundes (NWDSB), Andreas Viebrock, teilt mit, dass man versuchen wolle, eine sportliche Qualifikation für die Deutschen Meisterschaften zu ermöglichen, soweit die Umstände dies zuließen. Die DM ist für Ende August angesetzt. Entsprechende Qualifikationslimits müssen noch mit dem Deutschen Schützenbund vereinbart werden.

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