Serie: Unsere Vereine Mit Kraft und Nostalgie in die Zukunft

Der MTV „Eiche“ Schönebeck von 1897 will im nächsten Jahr sein 125-jähriges Bestehen feiern.
22.04.2021, 15:24
Lesedauer: 5 Min
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Von Klaus Grunewald

Schönebeck. Das Kürzel MTV steht für Männerturnverein. Beim MTV „Eiche" Schönebeck könnte man es als Anachronismus bezeichnen, sind doch von den aktuell 858 Mitgliedern 557 weiblichen Geschlechts. „Die munteren Mädchen und Frauen haben längst die Mehrheit erobert“, sagt der Vereinsvorsitzende Werner Meden. Doch eine Namensänderung ist für die „Eiche“-Mitglieder kein Thema. Aktuell setzt der Schönebecker Verein auf eine Zukunft ohne Corona-Pandemie und mit den Feierlichkeiten zum 125. Jubiläum im November 2022.

Am 7. November 1897 hoben 33 Bürger aus Schönebeck und Friedrichsdorf den Turnverein Schönebeck und Umgebung als Vorläufer des MTV „Eiche“ aus der Taufe. Friedrichsdorf, benannt nach der von Friedrich von der Borch gegründeten Siedlung im Umfeld seines Schönebecker Schlosses, gibt es heute nicht mehr. Nur die Friedrichsdorfer Straße in Grohn erinnert noch an den einstigen Ortsteil. Die Gründungsversammlung des Schönebecker Turnvereins fand in Passes Sommergarten an der Ecke Lesumer Heerstraße/Am Eichenhof statt, später als „Silva“-Gaststätte bekannt, die 1971 abgerissen wurde.

Der mit Barren und Seitpferd ausgestattete Saal von Passes Sommergarten diente den Turnern als Übungsstätte. Allerdings nur bis 1902, dann bot der Wirt der Gaststätte „Neue Weide“ an der Straßengabelung Schafgegend/Ecke Schönebecker Kirchweg seine Schießhalle als Sportstätte an, die schon bald auch von Frauen genutzt wurde.

Dass der MTV schließlich 55 Jahre lang in der Schießhalle trainierte, habe niemand ahnen können, heißt es in den „Eiche“-Annalen. Auch nicht, dass nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und damit einhergehend des deutschen Kaiserreichs politische Eruptionen den noch jungen Verein erschütterten. Am 3. August 1919 beschloss die Hauptversammlung die Umbenennung in „Arbeiter-Turnverein Schönebeck und Umgebung“.

Das neue sozialistische Selbstbewusstsein habe uns erreicht, ist in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des MTV zu lesen. Doch in den 1920er Jahren bestimmten Inflation und Nahrungsmangel den Alltag der Menschen. Der Sportbetrieb schlief ein und wurde erst 1925 wieder zum Leben erweckt. Mit der Gründung eines Nachfolgevereins und einer Bezeichnung, um die man intensiv gerungen hatte. Mit 17:10 Stimmen einigte man sich auf die Bezeichnung Männerturnverein „Eiche“ Schönebeck von 1879. Die Bezeichnung „Eiche“ sollte Kraft, Leistungsbereitschaft und Erfolgszuversicht ausstrahlen.

Nur zehn Jahr später sah es erneut düster aus um den MTV. Hitlers Nazis machten Druck, die „Deutsche Turnerschaft“ löste sich auf, alle Vereine wurde Zwangsmitglieder des politisch gesteuerten „Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“. Zeitzeugen berichteten später von der Einstellung des Sportbetriebs beim MTV zum Kriegsbeginn 1939. Erst fünf Jahre nach Kriegsende regte sich wieder Leben. Die „Norddeutsche Volkszeitung“ berichtete am 26. September 1950 nach einem Treffen von 20 Turnern: „Der Turnbetrieb ist nach mehrjährigem Winterschlaf erwacht und turnt wieder in der „Neuen Weide“.

Drei Jahre später wurde eine Fußballabteilung gegründet, die allerdings nur ein kurzes Zwischenspiel gab. Ausgerechnet 1954, als Deutschland überraschend die Fußballweltmeisterschaft in Bern mit einem 3:2-Finalsieg über Ungarn gewann, wurde die Kickersparte wieder aufgelöst. Wegen „ungehörigen Benehmens einiger Spieler“. Die Geschassten gründeten den FC Victoria Schönebeck, der allerdings schon bald wieder von der Bildfläche verschwand.

„Jeder Sportverein wünscht sich seine Turnhalle, wir mussten lange warten“, erinnert sich Werner Meden. Am 1. März 1969 war es endlich soweit: Der MTV konnte in die neu errichtete Halle der Schule Schönebeck einziehen. Darauf, so Meden, habe ganz Schönebeck gewartet. Keine Übertreibung, denn innerhalb kurzer Zeit stieg die Mitgliederzahl von 209 auf 698. Der damalige Vorsitzende Heinz-Otto Mohrmann realisierte zwölf Jahre später auch den Traum von einem eigenen Vereinsheim: Das ehemalige Schönebecker Feuerwehrgerätehaus neben der Schule wurde zum „Eiche“-Domizil umfunktioniert. Und die Sporthalle ist 2010 saniert und modernisiert sowie unter Kostenbeteiligung des MTV um einen zusätzlichen Geräteraum ergänzt worden.

Die Säulen des MTV „Eiche“ Schönebeck sind der Breiten- und der Kindersport. Als Aushängeschild hat sich die Prellabteilung mit ihren Bundesliga-Teams deutschlandweit einen Namen gemacht. Übungsleiterin Inge Mahler sorgt maßgeblich dafür, dass seit vielen Jahren mindestens eine deutsche Meisterschaft gewonnen wird. Aktuell ist die Weibliche Jugend (15 bis 18 Jahre) Titelträgerin. Insgesamt bietet der Männer-Turn-Verein sportliche Betätigung in 19 Sparten an: in der zentralen Sportstätte Schönebeck sowie in den Schulturnhallen Hammersbecker Straße und Lerchenstraße. Die mitgliederstärkste Sparte ist der Kinder- und Jugendsport mit insgesamt 219 Mädchen und Jungen im Alter von zwei bis 18 Jahren.

Seit 2012 unterstützt der MTV „Eiche“ zudem den Sportunterricht in der Schönebecker Grundschule. Zeitweise trainieren acht Übungsleiterinnen und -leiter des Vereins die Schulkinder, die das Kinderturnabzeichen erwerben wollen. „Außerdem beteiligen wir uns an den Bundesjugendspielen der Schule und ermitteln die sportlichen Leistungen für das Jugendsportabzeichen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)“, erläutert Werner Meden.

Und die Bilanz kann sich sehen lassen. Bislang wurden 884 Kinderturnabzeichen und 355 Jugend-Sportabzeichen verliehen. Zur Erfolgsgeschichte gehört schließlich auch die Beteiligung am bundesweiten Wettbewerb „Sterne des Sports“. Als Bremer Landessieger errangen die Schönebecker 2013 im Berliner Finale den vierten Platz und damit einen Stern in Gold.

Im März 2020 aber traf die Corona-Pandemie auch den MTV mit Wucht. Der Sportbetrieb tendiert gegen null, die Mitgliederzahl sank von 999 auf 858. Vor allem, weil die üblichen Neuzugänge ausbleiben. Und den Mitgliederbeitrag wegen der ausgefallenen Trainingseinheiten zu senken, ist aus steuerrechtlichen Gründen nicht möglich, weil damit der Verlust der Gemeinnützigkeit gedroht hätte. Immerhin erhielt MTV-Kassenwart Gerhard Dierßen vom Finanzamt Bremen folgende Auskunft: Wenn ein Vereinsmitglied coronabedingt in eine wirtschaftliche Notlage gerate, sei eine Beitragsminderung ausnahmsweise bis zum 31. Dezember 2021 steuerrechtlich unschädlich. Betroffene Vereinsmitglieder, so Werner Menden, könnten sich unter Telefon 0421/654923 an Gerhard Dierßen wenden.

Bleibt noch zu erwähnen, weshalb das Kürzel MTV trotz weiblicher Mitgliederdominanz nach wie vor Bestand hat. Werner Meden verweist auf eine „Abfuhr“, die er sich anlässlich der Vorbereitungen des 100. Vereinsjubiläums einholte. Auf seine Frage, ob man den Vereinsnamen denn nicht mal modernisieren sollte, sei er vom Vorstand regelrecht abgewiesen worden. Mit den Worten: „Nö, lass man, MTV ist so schön nostalgisch.“

Info

Zur Sache

Vom Kinderturnen bis zum Radfahren

Der MTV „Eiche“ Schönebeck von 1897 ist von 33 Bürgern aus den Ortsteilen Schönebeck und Friedrichsdorf als Turnverein Schönebeck und Umgebung gegründet worden. Die heutige Namensgebung erfolgte mit der Verabschiedung der Vereinssatzung im Jahre 1954 und der anschließenden Eintragung ins Vereinsregister beim Amtsgericht Blumenthal.

Der aktuelle Gesamtvorstand besteht aus dem Vorsitzenden Werner Meden, dem Kassenwart Gerhard Dierßen, dem Oberturnwart Edmund Gliedt, der Schriftführerin Anne-Christin Schütte, der Frauenbeauftragten Silke Koch-Sellmeyer, dem Männerwart Ronald Fitschen, dem Jugend- und Kinderwart Sebastian Schütt, der Pressewartin Neele Tiedje sowie den Beisitzern Volker Schweser und Sina Dentler.

Der MTV „Eiche“ bietet sportliche Betätigung in 19 Sparten an: Kinderturnen, Mädchensport, Fitness und Ballspiele für Jungen, Trampolinturnen für Kinder, Floorball für Kinder und Jugendliche, Prellball, Badminton, Männersport, Korbball für Frauen, Frauengymnastik, Funktionsgymnastik/Skigymnastik, Bewegung und Fitness, Gymnastik mit Yogaelementen, Yoga, Pilates, Aktiv älter werden, Nordic-Walking, Gesellschaftstanz und die Fahrradgruppe. GRU

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