Erfolgreiche Schwimmkarriere

Jens Haßdenteufel düpiert die Konkurrenz

Bis zu seinem frühen Karriereende war es Jens Haßdenteufel gewohnt, seinen Namen oft in der Zeitung zu lesen. Für den „Wettkampf seines Lebens“ hat er aber ein Erlebnis gewählt, das nicht in der Zeitung stand.
17.03.2021, 11:15
Lesedauer: 5 Min
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Von Martin Prigge
Jens Haßdenteufel düpiert die Konkurrenz

Jens Haßdenteufel kann sich nicht nur im Wasser schnell fortbewegen.

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Wer wie Jens Haßdenteufel auf eine erfolgreiche Schwimmkarriere zurückblicken kann, nennt als besondere Höhepunkte seiner Laufbahn erwartungsgemäß Erfolge auf regionaler, überregionaler oder gar nationaler und internationaler Ebene. Haßdenteufel, ehemaliger Schwimmer der SG Aumund-Vegesack, hat diesbezüglich einiges vorzuweisen.

Mehrfach nahm der heute 44-Jährige an Norddeutschen und Deutschen Meisterschaften teil. 1989, damals noch für den Blumenthaler TV startend, holte er in seinem erfolgreichsten Jahr bei den norddeutschen Jahrgangsmeisterschaften Silber über 200 Meter Freistil. Bis zu seinem frühen Karriereende mit 16 Jahren war es der schnelle Nordbremer gewohnt, seinen Namen regelmäßig in der Zeitung zu lesen. Für unsere Serie zum „Wettkampf meines Lebens“ hat Jens Haßdenteufel ein Erlebnis gewählt, das, wie er selber sagt, nicht in der Zeitung stand.

Es handelt sich nicht um einen seiner zahlreichen Titelkämpfe. Auch nicht um renommierte Schwimmevents im luxemburgischen Echternach – auch die internationalen Schwimmfeste im Vegesacker Bad wären eine Erwähnung wert. Jens Haßdenteufel erinnert sich aber besonders gerne an das Jahr 1994 zurück.

Es ist das letzte Jahr seiner Schwimm-Laufbahn, die er mit drei Jahren beim SV Heidberg begonnen hatte. Als Zehnjähriger nimmt ihn Erfolgstrainer Alfred Buggel beim BTV unter seine Fittiche, und 1993 erfolgt beim großen Vereinsumbruch der gemeinsame Wechsel zur SAV. Haßdenteufel hat zu dieser Zeit schon viele Erfolge gefeiert und sich in der Bremer Schwimmszene einen Namen gemacht.

Als 16-Jähriger, kurz vor dem Beginn seiner beruflichen Ausbildung, die sein Karriereende markiert, steht für Jens Haßdenteufel fest, dass sein Ehrgeiz größer ist als sein Körper. „Ich hatte den Anspruch, mehr zu wollen, aber durch meine Größe wusste ich, dass da unter den Bedingungen nicht mehr viel kommen würde.“ So lehnt er ein Angebot des Schwimminternats von Eintracht Hildesheim ab. Seinen größten Moment feierte er während des Osterfestes vor 27 Jahren in seiner zweiten Heimat England.

„In den 1990ern hat sich in Rotherham immer die Elite zum Easter Meeting getroffen. Da waren englische Rekordhalter dabei und wir haben in Gastfamilien übernachtet“, erzählt Jens Haßdenteufel. Der Schwimmklub aus der Nähe von Sheffield war auch jahrelanger Gast für das internationale Schwimmfest in Vegesack. Das Meeting des Jahres 1994 ist sein denkwürdigster Moment.

„Ich habe zuerst 100 Meter Freistil verhauen, bin Siebter geworden und nicht ins Finale gekommen. Da habe ich mich so sehr über mich selbst geärgert, dass ich mich den ganzen Tag zurückgezogen habe.“ Über 50 Meter Freistil will sich der Vegesacker dann um Wiedergutmachung bemühen, seine Vereinskameraden sprechen ihm Mut zu. Dieses Rennen wird in der Offenen Wertung ausgetragen. Und Jens Haßdenteufel fasst einen Entschluss: „Jetzt werde ich Erster. Ohne Erfolg fahre ich nicht nach Hause.“

Sein Vorhaben ist kein leichtes Unterfangen, bemerkt Haßdenteufel, als er seine Konkurrenz betrachtet. „Die Jungs waren drei Köpfe größer als ich. Da standen sie wie Adonis. Und ich, klein und schmächtig, daneben. Wie sollte das funktionieren?“ Mit sensationellen 24 Sekunden Vorlaufzeit sichert sich Jens Haßdenteufel dann als Sechster den Platz im Finallauf. Trainer Alfred Buggel blickt verständnislos auf seine Stoppuhr. „Er dachte, die wäre kaputt, weil ich so schnell war“, blickt Jens Haßdenteufel lachend auf diesen Moment zurück.

Nun also Tunnelblick für den Endlauf. Der kleine Bremer überlegt erneut, wie er die groß gewachsene Konkurrenz überlisten kann. „Ich war für Bahn sechs gemeldet, und das Schwimmbad hatte keine Überlaufrinne, deshalb kamen die Wellen zurück. Ich musste also dafür sorgen, dass ich unter der Welle der anderen Schwimmer die Wende durchführe“, berichtet Haßdenteufel. Der Vegesacker erinnert sich an die Stimmung in der Schwimmhalle: „Es war richtig laut, alle auf der Tribüne waren am Schreien wie im Fußballstadion – eine Mega-Atmosphäre! Ich habe mich dann gefragt, wie ich die Gegner mürbe machen kann.“

Während heutzutage die sogenannte „Ein-Start-Regel“ dafür sorgt, dass Fehlstarts geahndet werden, durfte man sich früher bis zu drei Fehlstarts erlauben. „Ich bin also voll auf Taktik gegangen und habe nach dem ersten Fehlstart auch den zweiten absichtlich ausgereizt. Die anderen waren mittlerweile alle von mir genervt, aber die waren ja schwimmerisch besser, also musste ich sie dahinbekommen. Ich wusste, was ich wollte – und das war beim dritten Startversuch richtig gut.“

Jens Haßdenteufel springt als einer der Ersten ins Wasser. „Das war genau das, was ich beabsichtigt hatte. Die Gegner hatten Angst, im entscheidenden Moment einen Frühstart zu machen. Ich bin richtig gut weggekommen, aber das Bad war sehr schaumig und ich konnte die Gegner nicht mehr sehen. Dann bin ich wie geplant unter der Welle durch und habe nach 50 Metern angeschlagen.“

Dann war Stille... Jens Haßdenteufel sieht in diesem Moment gerade noch drei seiner Gegner nach ihm anschlagen. Dann bricht ein Tumult auf den Vegesacker Rängen aus. Trainer Alfred Buggel traut erneut der Anzeige seiner Stoppuhr nicht: 23,8 Sekunden. „Ein Wahnsinn!“, sagt Jens Haßdenteufel. Mit der Leistung holt er sich den dritten Platz in der Offenen Klasse. „Die Schwimmer sind dann zu mir gekommen und haben mich im Wasser abgeklatscht. Selbst meine Gastfamilie ist aufgestanden und hat applaudiert. Die waren beeindruckt von dem, was ich da gemacht habe.“ Auch der Hallensprecher sorgt für Stimmung, übersetzt den Nachnamen Haßdenteufel ins Englische: „Hate the devil“.

Dieser Zusammenhalt – zuerst ein aufmunternder Zuspruch nach verkorkstem Rennen und am Ende überschwänglicher Jubel angesichts einer rasanten Leistung – macht für Jens Haßdenteufel diese Erinnerung zu seinem ganz besonderen „Wettkampf des Lebens“, auch wenn er seine Taktik nicht wiederholen würde. „Wenn jeder so taktisch arbeiten würde, wäre die Wettkampfdauer viel länger. Deshalb ist das eigentlich unsportlich, aber ich wusste mir damals einfach nicht besser zu helfen. Als 16-Jähriger darf man auch mal ein bisschen frech sein.“

Wegen der „Ein-Start-Regel“ werden seine Kinder den größten Moment ihres Vaters so nicht wiederholen können, doch Jens Haßdenteufel freut sich bereits auf die Wiederaufnahme des Wettkampfbetriebs, wenn er seinem Element wieder richtig nah sein und volle Schwimmhallen mit spannenden Rennen erleben kann – genau wie 1994 in England bei dem „Wettkampf seines Lebens“.

Info

Zur Person

Jens Haßdenteufel (44)

der als Elektroniker bei ArcelorMittal in der Instandhaltung tätig ist, ist dem Schwimmsport bis heute verbunden. Nach gemeinsamem Vereinsleben kommen sich Jens und Simone Haßdenteufel, die ebenfalls bei der SAV schwimmt, näher und werden 2002 ein Paar. 2009 heiraten sie, und die 2010 geborene Tochter Laura setzt die erfolgreiche Schwimmkarriere ihres Vaters in der SAV fort. „Laura blüht gerade richtig auf und nimmt das Feedback der anderen Schwimmer an. Das ist genau das, was ich auch so geschätzt habe. Die Mitschwimmer tragen dich auf einer Welle und es hilft so viel, ihre Tipps aufzusaugen“, sagt Jens Haßdenteufel. Sohn Lukas (8) hat ebenfalls mit der Schwimmausbildung begonnen, die derzeit wegen Corona pausiert.

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