Psychiatrie-Fachtag

Experten schlagen ein Psychiatrie-Budget vor

Die 2013 von der Bürgerschaft beschlossene Psychiatriereform ist bislang nicht umgesetzt worden. Beim zweiten Fachtag Psychiatrie ging es nun um Organisation und Finanzierung des Psychiatrie-Umbaus.
11.07.2021, 10:00
Lesedauer: 2 Min
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Experten schlagen ein Psychiatrie-Budget vor
Von Anne Gerling
Experten schlagen ein Psychiatrie-Budget vor

Martin Zinkler, neuer Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost, stellte beim Fachtrag Psychiatrie seine Ideen zur Psychiatriereform vor.

Christina Kuhaupt

Wie kann es gelingen, psychisch kranke Menschen in ihrem vertrauten Wohnumfeld zu behandeln, anstatt sie in eine Klinik einzuweisen? Vor acht Jahren hat die Bremische Bürgerschaft eine Reform der Bremer Psychiatrie von stationär zu ambulant gefordert, die damalige Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) hat im Januar 2019 ein Strategiepapier für die Reform bis 2022 vorgelegt. Die bisher unternommenen Schritte seien aber noch zu zögerlich und nicht konsequent genug, meinen der Arbeitskreis „Neue Psychiatrie im Bremer Westen“ und der Verein Blaue Karawane, die jetzt zum zweiten „Fachtag Psychiatrie“ ins BLG-Forum in der Überseestadt eingeladen hatten.

Das Interesse war, wie schon beim ersten Fachtag im Oktober, groß: Fast 150 Besucher – Mitarbeiter von Einrichtungen und Krankenkassen, Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Vertreter aus der Politik wie unter anderem die Bremer Grünen-Bundestagsabgeordnete und Psychiatrie-Fachärztin Kirsten Kappert-Gonther – hatten sich viereinhalb Stunden Zeit genommen, um sich über den Umbau des Versorgungssystems auszutauschen.

Die Fachtag-Veranstalter haben vor vier Jahren ein Modellkonzept entwickelt, das den Weg dorthin am Beispiel des Bremer Westens skizziert. Ihnen schwebt ein Zentrum für seelische Gesundheit im Bremer Westen vor, das psychisch Kranken niedrigschwellig passgenaue Hilfen und Unterstützung bietet. Einrichtungen, Träger und die Beiräte in Findorff, Walle und Gröpelingen stehen hinter diesem Konzept, auch Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) signalisierte beim Fachtag Unterstützung: „Wir finden dieses Konzept nicht nur spannend, sondern sehr gut und würden gerne gemeinsam mit den Beteiligten in die Umsetzung kommen.“

Die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, ist aber langwierig: Heimplätze und Klinikbetten müssen abgebaut und vor allem ein Finanzierungsmodell entwickelt werden, das einen unkomplizierten trägerübergreifenden Versorgungsmix für Patienten möglich macht. Im Modellkonzept wird ein Psychiatrie-Budget vorgeschlagen. Auch das 2019 vom Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) entwickelte sogenannte Bravo-Konzept („Bremen ambulant vor Ort“) basiert auf einer Budgetierung, die im Bremer Osten schon läuft. „Das ist aber noch kein Budget, das auf eine Region abgestimmt ist“, so der Bremer Psychiater Klaus Pramann von der Blauen Karawane. Er hofft, bei der Psychiatriereform nun mit dem neuen Chefarzt und Leiter der Psychiatrie im Klinikum Bremen-Ost, Martin Zinkler, an einem Strang ziehen zu können. Nur durch eine breite Beteiligung der Öffentlichkeit lasse sich eine Ghettoisierung vermeiden, ist Pramann außerdem überzeugt: „Wir haben alle Bürgerschaftsabgeordneten angeschrieben und um Unterstützung bei den Haushaltsverhandlungen gebeten. Für die Umsetzung des Konzepts brauchen wir 2022 und 2023 jeweils 200.000 Euro.“

+++Dieser Artikel wurde am Montag um 10.48 Uhr aktualisiert.+++

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