Inklusion auf dem Arbeitsmarkt Unterwegs für Teilhabe

Bundesbehindertenbeauftragter Jürgen Dusel informiert sich in Bremen über Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Er arbeitet an einer Teilhabe-Empfehlung.
21.06.2019, 17:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Kornelia Hattermann

Saftige Erdbeeren, dekorierte Schnittchen mit viel Gemüse und Selbstgezogenem, Vasen mit Wildblüten – der Tisch inmitten der 1000 Quadratmeter mit Hochbeeten der „Gemüsewerft“ auf dem früheren Kellogg-Gelände ist hübsch gedeckt für den Gast aus Berlin. Jürgen Dusel, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, informiert sich in Bremen über Formen der Teilhabe am Arbeitsleben und sammelt Ideen.

„Wir sind noch lange nicht am Ziel“, sagt Dusel, der Deutschland auf einer Skala von eins bis zehn bei vier bis fünf in Sachen Inklusion von behinderten Menschen sieht. „Wir geben ihnen Futter“, erklärte Michael Scheer launig, Geschäftsführer der Gesellschaft für integrative Beschäftigung (GiB), die die Gemüsewerft betreibt.

Die Realität sieht anders aus

Ein Schwerpunkt der Diskussion, an der sich unter anderem auch der Landesbehindertenbeauftragte Joachim Steinbrück und Ulla Laacks von der Inneren Mission beteiligen, sind die Schwierigkeiten, die sich auftun, wenn Menschen weniger als 15 Stunden in der Woche arbeiten können. Daran hängen Förder- und Unterstützungsmaßnahmen. Die Realität, gerade auch für Menschen mit psychischen und seelischen Beeinträchtigungen sieht anders aus, erläutern die Bremer Akteure.

Man rede auch bei geringem Zuverdienst nicht von einer putzigen, kleinen Zielgruppe, sagt Michael Scheer. In acht Jahren habe die GiB etwa 170 Menschen mit durchschnittlich 7,85 Stunden Arbeitszeit in der Woche beschäftigt. Die Zahlen bewiesen, dass die Beschäftigten sonst arbeitslos gewesen wären, so Scheer, für den die 15-Stunden-Vorgabe eine Sollbruchstelle bedeutet.

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Ulla Laacks von der Inneren Mission stößt in die gleiche Kerbe. Sie stellt dem Bundesbehindertenbeauftragen das durch die Aktion Mensch geförderte Projekt „Mit-Arbeit“ vor, mit dem die Innere Mission in einer kleinen Beratungsstelle seit fast drei Jahren Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen auf den Weg in die Arbeit zurückhelfen will. Unter anderem wurde die Idee „Duo-Day“ aus Belgien aufgegriffen, bei dem ein Betroffener einen Beschäftigten für einen Tag bei der Arbeit begleitet. Die Projektkoordinatorin zählt Beispiele dafür auf, wie Betroffene über kleine Schritte eine reguläre Arbeit gefunden haben, auch wenn es nur zwei Stunden in der Woche sind.

Der Bundesbehindertenbeauftragte bestärkt die Akteure vor Ort. Es sei schlimm, wenn man Fünfundzwanzigjährige als erwerbsgemindert einstufen würde und ihnen damit sage, wir brauchen dich nicht. Das widerspreche der gesellschaftlichen Teilhabe, wie sie die UN-Behindertenrechtskonvention fordere, die die Bundesregierung umzusetzen habe.

„Barrierefreiheit hat eine tiefe soziale Dimension“

Jürgen Dusel, der von Geburt an stark sehbehindert ist, fasst die Begriffe Inklusion und Barrierefreiheit generell viel weiter. 13 Millionen Menschen mit Behinderungen lebten in Deutschland, davon neun Millionen schwer Behinderte. Nur vier Prozent seien mit einer Behinderung geboren worden, alle anderen würden die Beeinträchtigung im Laufe des Lebens erwerben, häufig im Alter ab 50 oder 60 Jahren. Sie alle leben in sozialen Strukturen. Deshalb greife die Diskussion um Inklusion in Schulen zu kurz. Behalte ich meinen Arbeitsplatz, kann ich meine Freunde besuchen, ist mein Arzt erreichbar, komme ich ins Kino, in die Kneipe, seien die drängenden Fragen. „Es geht um alle Lebensbereiche“, betont Dusel.

Und: „Barrierefreiheit hat eine tiefe soziale Dimension.“ Deshalb mache man viel Druck, dass bezahlbarer barrierefreier Wohnraum gebaut werde. „Nur der ist sozial.“ Aber auch Kontraste, Hörschleifen, leichte Sprache, digitale Möglichkeiten müssten mit bedacht werden. Inklusion müsse in Ausbildungen von beispielsweise Architekten, Ärzten oder Hebammen eine Rolle spielen.

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Ein ums andere Mal betont Jürgen Dusel, dass es bei Teilhabe um ein Menschenrecht geht. Zwar habe es mit 1,2 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten noch nie so viele wie heute in Deutschland gegeben, noch immer beschäftigten aber 41 000 Betriebe in Deutschland keinen einzigen Menschen mit Behinderungen, obwohl sie es müssten. Das sei ein Viertel aller Arbeitgeber. Für diese Gruppe müsste die Ausgleichsabgabe deutlich erhöht werden, sagt Jürgen Dusel.

Der Behindertenbeauftragte reiste weiter nach Hamburg, wo er sich über die Situation von Obdachlosen mit Behinderungen informierte. Die Ergebnisse und Erfahrungen aus diesen und folgenden Informationsreisen „Alle dabei – gemeinsam unterwegs“ zu weiteren Aspekten will Jürgen Dusel zum Jahresende in eine Teilhabe-Empfehlung bündeln. Eine Aufgabe des Staates, aber er würde sich wünschen, die Idee von Inklusion als große Chance zu sehen.

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