Nach Autodiebstählen in Bremen

VW-Modell wird zur begehrten Beute

Gleich acht Mal sind kürzlich Autos des Modells VW Tiguan in Bremen gestohlen worden. Die Polizei bestätigt, dass diese Wagen aktuell im Fokus von Dieben stehen.
04.02.2020, 21:30
Lesedauer: 4 Min
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VW-Modell wird zur begehrten Beute
Von Carolin Henkenberens

Als Akif Acilar am Freitag vor der Frühschicht das Haus verlässt, ist das Auto noch da. Der VW Tiguan habe nur gut 200 Meter von seiner Tür entfernt, unter einem Carport, gestanden. Seine Frau benutzt dieses Auto, erzählt er. Zum Beispiel, um mit dem kleinen Kind zum Einkaufen oder zum Arzt zu fahren. Acilar fährt mit dem Zweitwagen der Familie zur Arbeit. Nach der Schicht im Stahlwerk Bremen am Nachmittag habe ihn seine Frau gefragt: „Wo ist denn der Wagen?“ Beide realisieren: Das Auto ist weg.

In der Woche vom 25. Januar bis zum 1. Februar sind etwa 15 Autos im Bremer Westen und Norden gestohlen worden, häufig in der Nacht. Das Auffällige: Bei acht von ihnen handelte es sich um das Modell VW Tiguan. Die Diebstähle dieser Modelle ereigneten sich der Polizei zufolge in Walle, Findorff und Gröpelingen. Ist das Zufall oder wurden in den vergangenen Monaten in Bremen vermehrt VW Tiguane gestohlen? „Ja, ein derartiger Trend ist erkennbar“, bestätigt Ina Werner, eine Sprecherin der Polizei Bremen.

Warum ausgerechnet diese Marke und dieses Modell? Die Frage ist nicht eindeutig zu klären. „Die Fahrzeuge dieser Art sind nicht leichter oder schwerer zu entwenden, als andere Modelle diesen Alters“, teilt die Polizeisprecherin mit. Bei den gestohlenen Autos habe es sich um ältere Gebrauchtfahrzeuge gehandelt, die mehrheitlich nicht über die neuesten Sicherungseinrichtungen verfügt hätten. Das bedeutet: Es seien etwa keine Ortungstechnik, Alarmanlagen oder die so genannte „Keyless Go“-Funktion verbaut gewesen. Bei letzterer handelt es sich um ein System, mit dem Autos über ein Funksignal in einem Chip geöffnet werden, sobald sich der Fahrer oder die Fahrerin mit dem Chip in der Hosentasche dem Auto nähert. Zum Öffnen der Tür ist kein Schlüssel nötig, oft auch zum Starten des Motors nicht.

Sein gestohlenes Auto habe ein solches Keyless-System gehabt, berichtet jedoch Akif Acilar. Er habe den Wagen erst vor acht bis neun Monaten gekauft.

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Dem Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) zufolge sind Keyless-Schließsysteme anfällig für Missbrauch. In einem Test mit 300 Fahrzeugmodellen konnte der ADAC in fast allen Fällen die Fahrzeuge illegal öffnen und wegfahren. Das funktioniert laut ADAC so: Mit eigens zu diesem Zweck gebauten Geräten sei es möglich, die Reichweite der Sender zu verlängern. „Das geht auch dann, wenn der Schlüssel im Haus liegt oder der Besitzer mit Schlüssel in der Hosen- oder Jackentasche einen Biergarten besucht“, heißt es auf der Website des ADAC. So lässt sich das Auto auch öffnen, ohne dass man im Besitz des Chips ist.

„Ich würde empfehlen, sich beim Händler oder Hersteller zu informieren, wie man sich elektronisch schützen kann“, sagt Nils Linge, Sprecher des ADAC Weser-Ems. Ein Sprecher von Volkswagen teilt mit, dass die neueren Modelle gegen eine Funkstreckenverlängerung geschützt seien, bei älteren könne man die Keyless-Funktion entweder zeitweise oder dauerhaft deaktivieren lassen.

Ob die aktuelle Diebstahlserie etwas mit einem Missbrauch des Keyless-System zu tun hat, ist derweil völlig unklar. Laut Polizei verfügten die meisten der geklauten Autos nicht über diese Funktion. An einem intakten Fahrzeug scheinen die Diebe ohnehin nicht interessiert. „Die Fahrzeuge dürften nach derzeitiger kriminalistischer Bewertung zerlegt und als Teileverkauf dienen“, teilt die Polizei weiter mit.

Offenbar handelt es sich auch nicht um Einzeltäter, sondern um organisierte Banden. Das Vorgehen lässt der Polizei zufolge auf eine „arbeitsteilige Begehung“ schließen. Sprecherin Werner erklärt: „Der eigentliche Diebstahl, die Fahrzeugzerlegung in Einzelteile und die Veräußerungstat ist organisiert.“

Gab es solche Wellen von Diebstählen bestimmter Fahrzeugmodelle schon öfter in Bremen? „Diese Häufung, die Anzahl der Diebstähle in dem kurzem Zeitraum ist außergewöhnlich und bis dato erstmalig festzustellen“, teilt Ina Werner von der Polizei Bremen dazu mit. ADAC-Sprecher Nils Linge schätzt, dass die Fokussierung der Diebe auf ein bestimmtes Fahrzeugmodell sich darin begründet, dass sie diese Teile besonders gut verkaufen können oder weil sie das technische Wissen erlangt haben, wie sich diese Modelle öffnen lassen.

Für zusätzlichen Schutz vor einem Diebstahl hilft Linge zufolge zum Beispiel eine Lenkradkralle. Diese wird entweder zwischen Lenkrad und Pedal oder Armaturenbrett geklemmt und erschwert das Wegfahren. Das Abschrauben der Kralle kostet den Kriminellen Zeit, erklärt Linge. Ganz verhindern ließen sich Diebstähle jedoch wohl nicht.

In der Polizeilichen Kriminalstatistik für Bremen für das Jahr 2018 sind 214 schwere Diebstähle von Kraftwagen verzeichnet, 40 davon waren Versuche. Aufgeklärt werden konnten 28 Fälle, was dem Bericht zufolge einer Quote von 13,1 Prozent entspricht. Zeugenhinweise für die aktuellen Taten in der Bayernstraße, Kissinger Straße, Worpsweder Straße, Gustav-Heinemann-Straße, Falkenberger Straße, Sperberstraße, im Halmerweg, in der Stuhmer Straße und der Stralsunder Straße nimmt die Polizei telefonisch unter 362 38 88 entgegen.

Der bestohlene Akif Acilar hatte den Wagen seiner Frau zum zehnten Jahrestag geschenkt, sagt er. Dass das Auto nun weg ist, tue ihm weh. „Das ist einfach traurig und schade.“ Er fragt sich: „Dass man kein schlechtes Gewissen bekommt als Dieb, wenn man im Auto einen Kindersitz sieht.“ Er hoffe nun, dass sich alles mit der Versicherung regelt.

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