Gegen menschliche Krisenbewältigung

Krisenbewältigung im Theater

Die derzeitige Lage kann auch robuste Naturen verunsichern. Umso größer ist die Absturzgefahr für Menschen, die wenig Halt in sich selbst finden. Die Wilde Bühne spielt gegen menschliche Krisensituationen an.
02.11.2020, 05:00
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Von Anke Velten
Krisenbewältigung im Theater

Die Krisenbewältigung ist seit jeher das Thema der Wilden Bühne. Die Theaterleiter Manuela Uhlemann-Lantow (von links), Jana Köckeritz und Pablo Keller können bestätigen: Ihre Arbeit ist aktuell wichtiger denn je.

Roland Scheitz

Utbremen. Die derzeitige Lage kann auch robuste Naturen verunsichern. Umso größer ist die Absturzgefahr für Menschen, die wenig Halt in sich selbst finden. Seit 17 Jahren spielt die Wilde Bühne gegen menschliche Krisensituationen an. Die Pandemie hat auch diesem Theater den Stillstand erzwungen. Ironie des Schicksals: Genau jetzt wird besonders deutlich, was die Theatermacher schon immer wussten. Ihre Arbeit rettet Leben und gibt Perspektiven. Das gilt für die Akteure selbst, und wohl auch für manche ihrer Zuschauer. Klingt dramatisch, ist es aber auch. Und diese Krise bietet ihnen wieder Stoff für ein neues Projekt.

Der Schock und die Erschöpfung sind ihnen anzusehen. Das Leitungstrio Jana Köckeritz, Michaela Uhlemann-Lantow und Pablo Keller im Büro, umgeben von Plakaten der Stücke, die auf unbestimmte Zeit nicht mehr gespielt werden dürfen. Es sind Stücke mit gesellschaftlichen Themen, die sicherlich nicht nur, aber vor allem junge Menschen bewegen. Es geht darin um Drogen, um Essstörungen, Fanatismus, Mobbing, Spiel- oder Mediensucht. Im Grunde geht es aber immer um die Frage, warum Menschen sich selbst oder anderen Gewalt antun: Der alkoholkranke Vincent van Gogh, Lisa, die sich den Leistungsdruck vom Körper hungert, oder Paul, der scheinbar ohne jede Vorwarnung in „siebzehneinhalb Minuten kalte Wut“ ausbricht. Es sind Menschen, die in Krisensituationen die Grenze überschreiten, an der sie ihrem Leben eine andere Wendung hätten geben können: Und diese Grenzen kennen die Ensemblemitglieder allzu gut. Denn die Wilde Bühne ist keine Theatertruppe wie alle anderen. „Unerfunden. Richtig wahr“ lautet einer der Slogans des Theaters, das seit neun Jahren seinen Sitz im Volkshaus an der Hans-Böckler-Straße hat. Die Co-Autoren und Darsteller sind ehemalige Drogenabhängige. Die Pandemie ist eine dieser Krisensituationen.

„Wir haben eine große Erschütterung erlebt”, sagt Jana Köckeritz. Wie bei jedem anderen freien Theater brachen auch hier von einem Tag auf die anderen sämtliche Einnahmequellen weg: Eintrittsgelder, Spenden, Projektmittel. Doch der Spielstopp hatte noch gefährlichere Folgen. Von einem „massiven Bedeutungsverlust” und einem „Wegbrechen der Kraftquelle” spricht Michaela Uhlemann-Lantow. Die größte Angst der Spielerinnen und Spieler sei es gewesen, dass die Bühne diese Zeit nicht überleben würde, erzählt Pablo Keller. „Wir mussten immer wieder stabilisieren, Zuversicht verbreiten, Perspektiven entwickeln.“ Nicht immer reichte das. Viele hatten nicht die Kraft, sich gegen der Leere zu behaupten. Die Theaterleiter berichten von Rückfällen in die Abhängigkeit, Klinikaufenthalten. „Wer in unsicheren, prekären Verhältnissen lebt, bewegt sich näher am Abgrund”, sagt Keller. „Auch manche, die uns stabil schienen, verloren den Halt.”

Im September dann die Hoffnung auf die Rückkehr zur Normalität. Die ersten Auftritte vor Schulklassen in Bremen und dem Umland, die ersten Diskussionen mit den Schülerinnen und Schülern. „Krass“ sei das gewesen, berichtet Uhlemann-Lantow. Die gesellschaftlichen Nebenwirkungen der Pandemie: „Die Jugendlichen erzählten uns von Existenzängsten und häuslicher Gewalt, von Online-Zocken und Trinkspielen. Ihr Bedürfnis, über ihre Erfahrungen zu reden, war groß.“ Zum Umgang mit dieser neuen Krise hat das Ensemble das Projekt „Und plötzlich stand die Welt still“ erarbeitet, das kürzlich dem Bremer Medienkompetenzpreis „Das Ruder“ erhielt. Fast zeitgleich traf im September die Nachricht im Volkshaus ein, dass die Wilde Bühne mit dem ersten Platz beim Bundeswettbewerb „Wirkungsvolle Suchtprävention vor Ort“ ausgezeichnet wurde. All diese seien Lichtblicke, die dem Ensemble bestätigten: „Unsere Arbeit wird wahrgenommen und wertgeschätzt“, sagt Keller. Zurzeit werden im Volkshaus die „Wilden Wochen“ vorbereitet: Ein Festival in zwei Teilen mit Aufführungen, Vorträgen und Diskussionen, für Januar und Oktober 2021 geplant ist. Die Theaterpädagoginnen Köckeritz und Uhlemann-Lantow gründeten die Wilde Bühne im Jahr 2003. Bislang konnte man stolz darauf sein, dass die Rückfallquote unter den Darstellern gering war. Viele Ehemalige schafften es, privat und beruflich Fuß zu fassen, absolvierten erfolgreich Ausbildung oder Hochschulstudium, berichtet Köckeritz. In normalen Zeiten wird die Wilde Bühne für Auftritte und Workshops in Schulen und Jugendeinrichtungen engagiert. Die Gesprächsrunden mit den Darstellern, die offen und aufrichtig von ihren Erfahrungen berichten können berühren und erreichen die Jugendlichen direkt, weiß Köckeritz. Im kommenden Jahr soll der präventive Effekt auf die Darsteller und ihr Publikum wissenschaftlicht belegt werden. Dazu wurde eine Kooperation mit dem Studiengang „Public Health“ der Universität Bremen eingegangen.

Seit 17 Jahren wartet die Wilde Bühne darauf, dass ihre Bedeutung in der Stadt gesehen, verlässlich und angemessen gefördert wird, und setzt derzeit auf das Engagement von Fürsprecherinnen wie Bildungssenatorin Claudia Bogedan und Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz, sagen die drei Theatermacher: „Wir wünschen uns eine ressortübergreifende Basisfinanzierung, damit unsere Arbeit weitergehen kann.“

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