Gastkommentar über die Libeskind-Türme Star-Architektur ist von gestern

Eine bemerkenswert sorglose Modernisierungs-Euphorie ohne historischen Rückhalt scheint in dem Hochhausentwurf von Daniel Libeskind zu stecken, meint unser Gastautor Martin Pampus.
04.06.2019, 15:07
Lesedauer: 2 Min
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Von Martin Pampus

Bremen ist eine attraktive Stadt, das belegen nicht zuletzt die steigenden Besucherzahlen. Großen Anteil daran hat das besondere historische Bild der Stadt. Dieses Bild verdanken wir einer städtebaulichen Struktur, einer Maßstäblichkeit der Baumassen, den Wegebeziehungen und einer Funktionsdurchmischung, die mit Einschränkungen im Wesentlichen sogar den letzten Krieg überstanden haben.

Diese Charakteristika der Stadtgestalt müssen erhalten werden, sie haben sich offensichtlich bewährt. Dazu gehört auch die maßvolle bauliche Höhenentwicklung innerhalb der Wallanlagen. Der Einzugsbereich einer Weltkulturerbe-Stätte sollte allein Grund genug dafür sein. Hochhäuser gehören demnach an ausgewiesene Stellen außerhalb der Wallanlagen.

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Es ist nicht ratsam, ein in einem Augenblick der immobilienwirtschaftlichen Hochkonjunktur als spannenden oder interessanten Hochhausentwurf qualifiziertes Projekt mit der Zerstörung eines Jahrhunderte alten Stadtbildes zu bezahlen. Dieser Preis ist viel zu hoch für ein Versprechen, dessen Konsequenzen offenbar bei Weitem nicht vollständig überdacht worden sind, (Verschattung, Veränderung des Mikroklimas, Veränderung von Verkehrsströmen etc.). Probleme, die diese Bauform mit sich bringen kann, können wir seit Jahren am Sockelbereich des Siemens-Hochhauses beobachten.

Eine bemerkenswert sorglose Modernisierungs-Euphorie ohne historischen Rückhalt scheint in dem Hochhausentwurf zu stecken. Viele unserer historischen Stadtbilder, deren identitätsstiftende Kraft wir so schätzen, haben solchen Versuchungen widerstanden und profitieren heute davon. Es geht nicht darum, den großen Wurf für die Innenstadt zu verhindern. Es geht darum, mit einem Hochhaus-Rahmenplan, der in Städten wie Frankfurt oder München das Bauen hoher Häuser in geregelte Bahnen lenkt, die städtebauliche Entwicklung verantwortungsvoll in die Zukunft zu steuern.

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In einem konkurrierenden städtebaulichen Entwurfsverfahren hat eine unabhängige Jury den besten Entwurf mit dem größten Entwicklungspotenzial ausgewählt und zur Weiterbearbeitung empfohlen. Dieser Rahmen darf nicht gesprengt werden. Star-Architektur ist von gestern und darf keine Legitimation zur Versenkung eines intakten Stadtbildes sein. Städtebauliche Grundsatzentscheidungen sind kaum rückgängig zu machen. Eine entstellte Stadtansicht der Bremer Altstadt ist nicht mehr reparierbar. Und: ist der Damm einmal gebrochen werden wohl weitere Gebäude folgen. Dann haben wir bald die entstellte Skyline von London auch hier in Bremen.

Info

Zur Person

Unser Gastautor Martin Pampus ist freischaffender Architekt und Vorsitzender des Bundes Deutscher Architekten im Lande Bremen.

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