Bremen-Woltmershausen

Tabakquartier: SWB braucht mehr Zeit

Bremen entwickelt Zukunftsvisionen für das Tabakquartier in Woltmershausen. Doch wenn überhaupt, so wird es Jahrzehnte dauern, bis auch das ehemalige Gaswerks-Gelände für die Allgemeinheit nutzbar sein wird.
05.01.2019, 18:04
Lesedauer: 6 Min
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Von Karin Mörtel
Tabakquartier: SWB braucht mehr Zeit

Büros und Werkstätten der heutigen Wesernetz sind auch heute noch in gründerzeitlichen Backsteinbauten untergebracht.

Christina Kuhaupt

Die Stadt sammelt im Tabakquartier in Woltmershausen wie berichtet neue Ideen für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung. Ein urbanes, lebendiges Quartier soll es werden, in dem die Bremer wohnen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen können. Doch nicht in jedem Bereich des heutigen Industriegebietes herrscht bereits Aufbruchstimmung und Tatendrang, wie ihn offenkundig die Bremer Projektentwickler bei Justus Grosse verspüren.

Die hatten vor acht Monaten das Brinkmann-Gelände erworben und schieben derzeit bereits den Umbau der denkmalgeschützten Zigarettenfabrik für Gewerbetreibende an. Auch Wohnen wollen die Projektentwickler auf ihrem Grundstück so schnell wie möglich realisieren. Doch dafür muss die Stadt erst neues Planungsrecht schaffen.

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Nebenan auf dem SWB-Gelände drängt der zweite Groß-Eigentümer im Tabakquartier hingegen keineswegs mit konkreten Zukunftsplänen in den Vordergrund. Welche öffentliche Nutzung auf diesem bislang abgeschotteten Betriebsgelände in naher und auch fernerer Zukunft überhaupt möglich ist, versuchen derzeit die von der Baubehörde beauftragten Stadtplaner des Hamburger Büros Elbberg auszuloten. Bis zum Sommer wollen sie einen Masterplan für das insgesamt 55 Hektar große Areal des neuen Tabakquartiers vorlegen. Allein 20 Hektar davon gehören der SWB, weitere 15 Justus Grosse.

Tabakquartier - Rundgang über swb-Gelände

Das Verwaltungsgebäude mit seinem Turm ist das geheime Wahrzeichen Woltmershausens.

Foto: Christina Kuhaupt

Auf den ersten Skizzen der Planer ist auf dem SWB-Gelände unter anderem ein Bildungs-Campus mit Grundschule und Kita eingezeichnet. Heute stehen an dieser Stelle noch Verwaltungsgebäude der Wesernetz, andere Teile werden als Lagerflächen genutzt. „Keine Denkverbote“ heißt das oberste Gebot bei der Entwicklung des Tabakquartiers, daher ist es nur konsequent, zunächst frei von Sachzwängen Visionen zu entwerfen.

Ziele erst für etwa 2050 definiert

Die Stadtplaner üben sich daher in Gelassenheit, wenn sie auf die Potenziale auf dem SWB-Gelände zu sprechen kommen. Von „unterschiedlichen Zeithorizonten für die weitere Entwicklung“ ist die Rede: Ziele speziell für das aktiv genutzte Betriebsgelände werden also nicht für die kommenden Jahre, sondern erst für etwa das Jahr 2050 definiert.

Das ist ganz im Sinne der Unternehmensgruppe SWB. „Wir wollen die Planungsfantasie keineswegs dämpfen“, sagt Christoph Kolpatzik. Der Syndikus-Anwalt der SWB AG betont aber auch: „Derzeit sehen wir keine Möglichkeit, das Betriebsgelände zu öffnen.“ Allerdings gebe es ein „klar verwertbares Grundstück“ an der Ecke der Straßen Am Gaswerkgraben und Simon-Bolivar-Straße. Etwa zwei Hektar groß ist dieses Baufeld, auf dem heute nur ein paar Haufen Bauschutt zum Abtransport bereitliegen. Sobald die Grundstückspreise stimmten, könne dort ein Bauträger loslegen und im Sinne des Masterplans bauen. „Pläne, weitere Grundstücke zu räumen, gibt es aber nicht“, so Kolpatzik.

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Das macht nicht nur die zeitnahe Umsetzung des bislang angedachten Bildungscampus schwierig, sondern auch die Realisierung einer weiteren zentralen Idee des Tabakquartiers: Ein „Gleispark“ ist im Gespräch, der entlang der Bahnlinie Bremen-Oldenburg als neue grüne Lunge der Stadt die Wallanlagen mit dem Landschaftspark Ochtum verbinden soll. Er ist von Freiraumplaner Moritz Möllers als Herzstück des Tabakquartiers angedacht, um die Barrierewirkung der Bahnlinie aufzuheben, Woltmershausen damit auch gedanklich näher an die Innenstadt zu rücken sowie die neue Grünfläche für Sport und Freizeit der künftigen Bewohner nutzbar zu machen.

Der Vorschlag kam während der zurückliegenden Planungswerkstatt bei den Bürgern und Gewerbetreibenden, die sich am Planungsprozess beteiligen wollen, sehr gut an. Auch das markante Verwaltungsgebäude mit Uhrenturm der SWB ist in den ersten Ideenskizzen für den Grünzug eingebettet. Doch heute steht es noch ebenfalls im gesicherten Bereich, der sich vorerst auch nicht ändern wird. „Wenn wir uns auf dem Gelände verändern sollten, muss jede Maßnahme sich betriebswirtschaftlich darstellen und rechtfertigen lassen“, sagt Kolpatzik.

Tabakquartier - Rundgang über swb-Gelände

Nostalgie auf dem SWB-Gelände: Dort leuchten die letzten Gaslaternen der Stadt – in Erinnerung an das ehemalige Gaswerk an dieser Stelle.

Foto: Christina Kuhaupt

Öffentlicher Durchgangsverkehr auf dem Gelände derzeit undenkbar

Insbesondere öffentlicher Durchgangsverkehr auf dem Betriebsgelände ist für das Unternehmen derzeit undenkbar. Was die langfristige Entwicklung des Betriebsgeländes angeht, „hängt das auch ganz davon ab, was auf der Erlösseite zu erwarten ist“, so die Einschätzung des Liegenschaftsverantwortlichen bei der SWB. Immerhin seien die Grundstückspreise heute noch sehr niedrig.

Daher bliebe es abzuwarten, „ob das Tabakquartier einen stadtweit so starken Schub erfährt, wie die Stadt sich das erhofft“, sagt Kolpatzik. Außerdem sei heute noch nicht absehbar, ob die Konzernentwicklung den Stadtplanern vielleicht doch noch in die Hände spielen könnte. Ein denkbares Szenario könnte beispielsweise eine Konzentration der Netzwirtschaft der Unternehmen EWE und SWB an einem anderen Standort sein. „Aber das ist nicht in Sicht“, betont Kolpatzik.

Solange das der Fall ist, muss die Stadt wohl auch ihre Wünsche zurückstellen, was die öffentliche Nutzung oder Teilnutzung der imposanten Kohlehalle angeht, die mit einer Länge von 140 Metern und 42 Metern Breite aufwarten kann. Heute wird sie als modernes Hochlager für den Netzausbau genutzt.

Tabakquartier - Rundgang über swb-Gelände

Das markante Verwaltungsgebäude mit seinem Zier-Turm ist das geheime Wahrzeichen Woltmershausens.

Foto: Christina Kuhaupt

In aktiven Zeiten der Koksgasproduktion fuhren dort ganze Güterzüge über ein Extragleis auf einem Bahndamm ein und kippten die Kohle direkt in Auffangbehälter. Ein steingewaltiger und dennoch anmutiger Bau aus der Gründerzeit, den die Landesdenkmalpflege gemeinsam mit dem markanten Verwaltungsbau demnächst unter Denkmalschutz stellen möchte.

SWB will Marktresonanz abwarten

„Es ist nicht auszuschließen, dass auch in zehn oder 20 Jahren keinerlei durchgreifende Veränderungen an der Standortstruktur und Belegung stattgefunden haben. Diesbezüglich gibt es weder konkrete Überlegungen noch eine strategische Richtungsentscheidung, die insoweit von Relevanz wäre“, unterstreicht Kolpatzik. Zunächst will die SWB offenbar die Marktresonanz abwarten, bis andere Teilprojekte wie bei Justus Grosse im Tabakquartier abgeschlossen sind.

Als Entwicklungshemmnis könnten sich auf dem SWB-Gelände zudem auch die vorhandenen Altlasten erweisen. Bei der Gasproduktion sind extrem umweltschädliche Abfallprodukte entstanden, die zum Teil bis heute im Boden liegen. Der verantwortungsbewusste Umgang damit ist ein zentrales Thema bei den Verantwortlichen in der Umwelt- und Baubehörde.

Tabakquartier - Rundgang über swb-Gelände

Die Bremer Landesdenkmalpfleger wollen die imposante Kohlehalle aus der Gründerzeit unter Denkmalschutz stellen.

Foto: Christina Kuhaupt

In den 1980er- und 1990er-Jahren wurden laut SWB bereits flächige Sanierungsmaßnahmen durchgeführt. Die Untersuchungsergebnisse zu dem, was darüber hinaus noch übrig geblieben ist, sollen Mitte März auf einer zweiten öffentlichen Planungswerkstatt auf dem SWB-Gelände vorgestellt werden. „Das, was uns bisher bekannt ist, macht jedenfalls keine Nutzungsoption zunichte“, sagt Baubehördensprecher Jens Tittmann auf Nachfrage.

Das Unternehmen SWB wolle sich durchaus seiner Verantwortung stellen, nach seinen Möglichkeiten an der Weiterentwicklung des Tabakquartiers mitzuarbeiten, versichert indes Kolpatzik. Immerhin habe die SWB bereits mit der Stadt eine Projektvereinbarung unterzeichnet und beteilige sich „mit einem nennenswerten Betrag“ an den Projektentwicklungskosten. Insgesamt registriere das Unternehmen die Wünsche für eine Öffnung des Betriebsgeländes durchaus. „Die Antworten darauf müssen sich jedoch unternehmerisch ergeben“, teilt Kolpatzik mit.

Info

Zur Sache

Kohleschuppen und Verwaltungsgebäude demnächst unter Denkmalschutz

Die vorhandene Bausubstanz im Tabakquartier sei einen großen Schatz, betonte erst kürzlich Senatsbaudirektorin Iris Reuther während der zurückliegenden Projektwerkstatt zum Masterplan. Zwei der noch erhaltenen historischen Backsteingebäude auf dem SWB-Gelände will die Landesdenkmalpflege demnächst genau deshalb unter Schutz stellen. Dazu gehört die imposante Kohlehalle, in der früher das Rohmaterial für die Gasproduktion lagerte. Außerdem haben die Denkmalpfleger das mit seinem spitzen Turm beinahe sakral anmutende Verwaltungsgebäude neben den Bahnschienen im Blick. Es ist so etwas wie das geheime Wahrzeichen des Stadtteils Woltmershausen.

Beide Gebäude entstanden zur Jahrhundertwende als die stadteigene Gasproduktion 1901 vom Hauptbahnhof nach vierjähriger Bauzeit nach Woltmershausen verlegt wurde. „In drei Batterien je zehn Öfen werden pro Tag aus Steinkohle 70 000 Kubikmeter Gas produziert“, heißt es dazu von der SWB.

Nur der Dom überragt den hohen Gasbehälter, der erst 1954 nach den Kriegszerstörungen errichtet und mit 83 Metern Höhe sowie mehr als 100 000 Kubikmeter Speichervolumen einige Zeit das zweithöchste Gebäude der Stadt war. Das Gaswerk wird 1964 in großen Teilen abgerissen. Die Stadtwerke Bremen AG beziehen danach Kokereigas aus dem Ruhrgebiet und stellt die Gasversorgung zwischen 1968 und 1972 auf Erdgas um. Heute befindet sich auf dem SWB-Gelände das „Betriebswerk Woltmershausen“.

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