Unifestival "Open Campus" Tiefsee zum Anfassen

Jana Stone drängelt sich mit einem Rollwagen durch die Menge des Unifestivals Open Campus. Sie hat Nachschub geholt. Der Andrang am Stand von Marum, dem Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, ist groß.
12.07.2015, 00:00
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Tiefsee zum Anfassen
Von Jörn Hüttmann

Jana Stone drängelt sich mit einem Rollwagen durch die Menge des Unifestivals Open Campus. Sie hat Nachschub geholt. Der Andrang am Stand von Marum, dem Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, ist groß. Vorsichtig wuchtet sie einen großen, schweren Stapel Bücher auf einen kleinen Tisch: Tiefsee steht darauf, drin gibt es Infos und Fotos zu den Böden der Ozeane. Beides bringt Jana Stones Augen zum Leuchten, und endlich kann sie ihre Leidenschaft mit vielen neuen Leuten teilen.

Das spitze Zelt von Marum ist nur eines unter vielen. In insgesamt 40 Pagoden präsentiert sich die Universität bei der zweiten Auflage des Festivals Open Campus in ihrer ganzen Breite. Es sind zwölf Fachbereiche vertreten: von Physik über Geowissenschaften bis zur Gesundheitswissenschaft. Dazu auch die Tischlerwerkstatt mit ihren Azubis, Verwaltung und angeschlossene Institute wie das Marum. „Wir wollen den Leuten zeigen, was wir mit ihren Steuergeldern machen“, sagt Uni-Sprecher Eberhard Scholz. Ein Fest für alle: Mitarbeiter, Anwohner, Studenten und die, die es vielleicht mal werden wollen.

Im hinteren Drittel, in Richtung Glashalle der Universität, steht das Zelt von Marum. Darin ein runder Tisch, auf dem die Welt von Jana Stone nachgebildet ist. Auf den ersten Blick sieht alles nach einem Miniaturnachbau einer Science-Fiction-Serie aus. „Zwischen dem Weltraum und der Tiefsee gibt es durchaus Parallelen. Meerestechnik kommt auch in der Raumfahrt zum Einsatz“, sagt Jana Stone. Tatsächlich sind es typische Tiefseearten, mit denen es die Forscher vom Marum zu tun haben, erklärt Stone Claudia Meschede und Arne Geffken. „Da hinten haben wir die schwarzen Raucher“, sagt Stone. Sie sehen aus wie kleine Schornsteine, die in mehreren Tausend Meter Tiefe Ruß aus der Erde spucken. „Sind das Vulkane?“, fragt Claudia Meschede. Nein, nicht ganz, erklärt Stone. „Die Raucher entstehen dort, wo das heiße Magma des Erdkerns besonders nah an das Wasser heran kommt.“ In Gesteinsritzen erhitze sich das Wasser auf über 400 Grad. Das heiße Wasser steige nach oben und löse dabei lockere Brocken. „So entstehen die dunklen Säulen.“ Stone redet immer schneller. Sie hat viel zu erzählen. Und es wirkt.

Meschede und Geffken hören gebannt zu. Die beiden sind Lehrer. Er Bio und Sport. Sie Spanisch und Erdkunde. Sie haben ihre Zeit an der Universität lange hinter sich. Aber die kleine Vorlesung von Jana Stone hält sie gefesselt. „Schon faszinierend, wie sich fern ab von Sonnenlicht Leben entwickeln kann“, sagt Arne Geffken. Als Biologielehrer hat er das natürlich schon einmal gehört. „Aber eine Auffrischung ist immer gut, und dafür sind wir ja hierher gekommen.“

Von links schleichen sich Zora Machura und Alina Windt an Jana Stone heran. Den beiden Sechstklässlerinnen vom Alten Gymnasium geht es auch um die schwarzen Raucher. Erst in den 70er-Jahren seien die entdeckt worden, erzählt Stone. Überhaupt entdecke man auf dem Meeresboden immer wieder neue Dinge. „Die Hinterseite des Mondes ist besser erforscht als die Tiefsee“, erklärt Stone.

Die 33-Jährige beugt sich mit den Schülerinnen über eines der vier Tablets, die rund um die Unterwasserlandschaft montiert sind. Sie gucken Videos von den schwarzen Rauchern. „Die hat unser Unterwasserroboter Quest aufgenommen“, sagt Stone. „Das ist mein Lieblingsgerät.“ Sie kommt ins Schwärmen. Die Fotos von Quest seien super, die Videos in HD-Qualität, und das unbemannte Unterwassergefährt könne bis zu 4000 Meter tief hinabtauchen. Und dann seien da noch die zwei Greifarme. „Da“, Stone zeigt auf den rechten Bildschirmrand, wo gerade ein roter Metallarm in einem der schwarzen Raucher verschwunden ist. „Mit dem haben wir auch die Temperatur des Wassers gemessen.“ Die beiden Schülerinnen sind begeistert. Ob sie sich vorstellen können, später in Richtung Meeresforschung zu gehen? „Auf jeden Fall, das ist spannend“, sagt Alina. Jana Stone strahlt. Alina setzt zur nächsten Frage an. Aber Stone hat keine Zeit mehr.

Gut 50 Meter weiter sind mit Sprühkreide Felder auf den Rasen gemalt. Es sind die Sammelpunkte für die 26 verschiedenen Führungen, die beim Open Campus angeboten werden. In Stones Feld warten schon 15 Menschen, die die Unterseetechnik nicht nur im Miniaturnachbau, sondern in echt sehen wollen. Stone führt sie in das Heiligste des Marums, die Werkhalle. Dort steht das Meeresboden-Bohrgerät 200 – kurz Mebo. Ein blaues Containergerüst voller Technik, das auf dem Grund bis zu 200 Meter tief bohren kann, um Bodenproben zu entnehmen.

Schatzkammer der Wissenschaft

„Im Durchschnitt erzählen zwei Zentimeter Boden die Gesichte von 1000 Jahren Klima“, sagt Stone. Wahre Schätze der Wissenschaft also. Und Bremen ist die größte Schatzkammer weltweit. „Im Kühllager hinter der Werkhalle lagern 150 Kilometer solcher Proben bei vier bis fünf Grad“, sagt Stone. Nur in Texas und Japan gebe es ähnliche Lager. „Immer wieder spannend“, sagt Detlef Harfst. Er ist Hobby-Mineraloge, kennt sich aus und war auch schon in der Kühlkammer. Aber der Moment vor den Regalen, die bis unter die Decke der Halle reichen, sei den Besuch beim Open Campus in jedem Fall wert.

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