Smartphone-App Warum Tiktok so beliebt ist

Tiktok hat eine Milliarde Nutzer, vor allem jüngere Menschen sind regelrecht süchtig nach der App. Was macht sie so erfolgreich?
02.10.2021, 07:00
Lesedauer: 5 Min
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Warum Tiktok so beliebt ist
Von Marc Hagedorn

Alina Heinze öffnet ihre Tiktok-App. Das macht sie jeden Tag ein paar Mal, das erste Mal gleich am frühen Morgen nach dem Aufstehen. Jetzt ist es früher Abend, und die 18-jährige Gymnasiastin soll dem WESER-KURIER vorführen, wie das so geht, Tiktok gucken, und sie soll erzählen, was an Tiktok so toll ist.

Auf dem Bildschirm ihres Smartphones erscheint das erste Video. Ein Mädchen, das im Fitnessstudio Gewichte stemmt. Alina wischt das Video nach wenigen Sekunden weg. „Langweilig“, sagt sie. Nächster Beitrag: Ein Mädchen versucht, mit Hilfe ihres Fußes einen Pullover auszuziehen. Das Mädchen stürzt und muss über sich selbst lachen. „Das ist witzig“, sagt Alina. Es folgt Werbung für eine Supermarktkette. Alina wischt den Einspieler zur Seite. Werbung schaut sie sich nicht an.

Alina ist eine von einer Milliarde weltweit. So viele Menschen nutzen seit dieser Woche wenigstens ein Mal im Monat Tiktok, die meisten User in Deutschland sind zwischen 13 und 24 Jahre alt. Sie öffnen die Tiktok-App, um sich kurze Videos anzuschauen. Oder um Videos von sich selbst zu produzieren und bei Tiktok hochzuladen. Alina nutzt Tiktok, um sich die Videos fremder Leute anzuschauen. Filmchen von sich selbst möchte sie nicht ins Netz stellen. Das ist ihr zu persönlich. Millionen andere Nutzer haben damit kein Problem.

So wie der junge Mann, der jetzt auf Alinas Display erscheint. Er erzählt in die Kamera, dass er von seinem Zimmerfenster aus am Vortag gesehen habe, wie eine Frau in einem Gebüsch verschwunden sei. Jetzt will er sich auf die Suche machen. „Unnötig“, sagt Alina, „viel zu lang.“ Nach wenigen Sekunden wischt sie das Video weg. Da findet sie den nächsten Beitrag schon interessanter. Ein Mädchen im bauchfreien Top tanzt zu Hip-Hop-Beats.

Mit Tanz und Musik hat bei Tiktok alles angefangen. Musical.ly hieß die App damals noch. Auf sehr bequeme Art und Weise konnten Nutzer dort Videos erstellen, bearbeiten und mit anderen Nutzern teilen. 2017 übernahm das chinesische Unternehmen ByteDance den Betrieb für angeblich eine Millar­de US-Dollar. Seit 2018 heißt die App Tiktok.

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Zig Millionen Creator, so heißen die Produzenten der Videos bei Tiktok, haben seitdem Beiträge ins Netz gestellt. Videos, in denen sie tanzen, zu Musiktexten die Lippen bewegen oder Tricks mit dem Fußball vorführen, nie länger als eine Minute. Die Clips sind lustig und flach, professionell und dilettantisch, lehrreich und sinnfrei, zunehmend auch politisch, ein Trend, der mit der Black-Lives-Matter-Bewegung startete. In Deutschland nutzte aktuell zur Bundestagswahl vor allem die FDP Tiktok sehr geschickt, um junge Wähler anzusprechen. Sehr beliebt sind auch Erklärstücke und Tutorials, etwa Anleitungen zum Basteln, Tanzen oder Kochen.

Professor Karsten Wolf beschäftigt sich beruflich mit Tiktok. Der Erziehungswissenschaftler arbeitet am Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung an der Uni Bremen. „Tiktok ist so erfolgreich, weil es ein reichhaltiges Angebot macht, weil es kurze Videos zeigt, die schnell zum Punkt kommen“, sagt Wolf. Ein Algorithmus sorgt dafür, dass vornehmlich Videos eingespielt werden, die den Vorlieben des Nutzers angepasst sind. Wer es besonders gut versteht, die Nutzer mit seinen Videos zu unterhalten, ihnen Likes abzugewinnen, Abonnements oder Kommentare, kann ein Star werden.

Alina interessieren die Großen in der Tiktok-Szene eher weniger. Natürlich kennt sie Charli D’Amelio, die weltweit erfolgreichste Tiktokerin mit über 125 Millionen Followern. Alina kennt auch Younes Zarou, den mit fast 40 Millionen Followern erfolgreichsten deutschen Tiktoker. Hollywood-Berühmtheiten wie Will Smith oder Dwayne „The Rock“ Johnson haben bei Tiktok ebenfalls Millionen Fans.

Reichweite ist die Währung bei Tiktok. Plattenfirmen zahlen Geld dafür, damit Tiktoker zu den Songs ihrer Künstler tanzen. Modelabel zahlen Geld dafür, damit Tiktoker in den Videos Klamotten aus ihrer Produktlinie tragen. Tiktok selbst schüttet Geld aus einem Topf aus, wenn Videos eine bestimmte Reichweite erzielen. Nur ein paar Möglichkeiten, direkt mit Tiktok Geld zu verdienen. D’Amelio hat inzwischen auch ein Buch geschrieben und ist beim Super Bowl aufgetreten. Addison Rae, eine andere Top-Verdienerin, hat kürzlich ihre erste Single veröffentlicht und ihre erste Hauptrolle in einem Spielfilm gehabt.

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Alina Heinze und die meisten ihrer Freunde, „alle in unserem Jahrgang haben Tiktok“, lassen sich gern treiben, wenn sie Tiktok schauen. Video auf Video. Die tägliche Nutzungsdauer in Deutschland lag laut Tiktok im September 2020 bei rund 50 Minuten am Tag, zehn Mal öffnet ein Benutzer die App im Schnitt täglich.

Sie sei ziemlich genau eine Stunde am Tag auf Tiktok, sagt Alina. Ein paar Minuten morgens nach dem Aufstehen, ein paar Minuten mittags nach der Schule und noch einmal ein paar Minuten abends vor dem Schlafen gehen. Zum Entspannen, „zum Chillen“, wie sie sagt, mache sie das und zur Unterhaltung. Manchmal schaut sie auch länger, „man kann sich leicht darin verlieren“, sagt sie. Klassisches Fernsehen wie ARD oder ZDF guckt sie überhaupt nicht, „das macht keiner von uns“.

Tiktok ist nicht unumstritten. In einigen Ländern wie Indien, Indonesien oder Pakistan haben die Regierungen es gesperrt, zumindest zeitweise. Als Donald Trump US-Präsident war, wollte auch er Tiktok verbieten. Er sah die nationale Sicherheit gefährdet, da der Plattformbetreiber aus China Nutzerdaten sammle, die es der chinesischen Regierung ermöglichten, US-Bürger auszuspionieren. Indonesien sperrte Tiktok wegen illegaler Inhalte wie Pornografie und Blasphemie, in Pakistan begründete die Regierung die Maßnahmen mit unmoralischen Inhalten auf Tiktok.

Forscher Wolf sieht die Probleme mit ­Zensur, Daten- und Jugendschutz. Er sagt aber auch: „Von Tiktok geht keine größere Gefährdung aus als von Instagram oder Facebook.“ Und zur Nutzungsdauer sagt er als Konsument: „Tja, es ist einfach fürchterlich unterhaltsam.“ Und als Erziehungswissenschaftler: „Es ist immer eine gute Sache, sich mit seinen Kindern hinzusetzen, mal gemeinsam zu schauen und konstruktiv darüber zu reden – und beim Medienkonsum selbst mit gutem Beispiel voranzugehen.“

Alina Heinze hat für den WESER-KURIER jetzt fast 20 Minuten lang Dutzende Videos geschaut. „Heute ist viel Schrott dabei“, sagt sie, als eine Frau auf dem Bildschirm erscheint. Ein Allerweltsgesicht, vielleicht 50 Jahre alt, die Sprache mit Akzent. „Die ist super“, sagt Alina. „Karina2you“, so heißt die Frau bei Tiktok, eine Mutter aus dem westfälischen Lengerich, die seit Corona Videos aus ihrem Alltag zeigt. „Wann sagt sie denn nun ihren Spruch?“, fragt Alina laut.

Karinas Spruch an ihre Follower geht so: „Danke, dass ihr mich maskiert habt.“ Eigentlich müsste sie sagen „markiert habt“. „Das ist witzig“, sagt Alina. Ganz zum Schluss sagt Karina es dann tatsächlich auch diesmal wieder: „Danke, dass ihr mich maskiert habt.“ Alina muss lachen.

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