Digitales Lernen in Bremen

Unterricht im virtuellen Klassenzimmer

Seit über eine Woche müssen Schülerinnen und Schüler digital lernen. Das hat nicht nur die entsprechenden Lernsysteme, sondern auch Eltern und Lehrkräfte auf die Probe gestellt.
24.03.2020, 20:32
Lesedauer: 3 Min
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Unterricht im virtuellen Klassenzimmer
Von Lisa-Maria Röhling
Unterricht im virtuellen Klassenzimmer

Lernen über das Smartphone? Das ist laut Landesinstitut für Schule über das Portal "Itslearning" ebenfalls möglich sein.

ROBINUTRECHT

In nur wenigen Tagen hat sich die Theorie des digitalen Lernens in die Praxis verwandelt: Seit knapp einer Woche sind die Bremer Schulen geschlossen, den Unterrichtsstoff sollen Schülerinnen und Schüler über die Lernplattform „Itslearning“ aufarbeiten. Das hat das System in den ersten Tagen überlastet; insgesamt schlägt sich das digitale Klassenzimmer aber wacker.

In einem sind sich alle Beteiligten einig: Bremen ist mit „Itslearning“, das weltweit von mehreren Millionen Menschen genutzt wird, gut aufgestellt. Mit einem System, mit dem jeder Schüler, jede Schülerin und jede Lehrkraft einen eigenen Nutzeraccount und damit eine Arbeitsbasis hat, hat Bremen einen Vorteil, sagt Oliver Bouwer vom Landesinstitut für Schule (Lis): „Das haben viele andere Ländern nicht, da hat Bremen die Nase vorne.“ Tatsächlich hätten sich die Nutzerzahlen von „Itslearning“ im Verlauf der vergangenen Woche weltweit verzehnfacht, zehn Millionen Menschen hätten auf die Plattform zugegriffen. Auch in Bremen seien die Zahlen rasant nach oben geschnellt: Haben laut Bouwer vor der Corona-Krise knapp 9000 Nutzer die Lernplattform genutzt, waren es am vergangenen Donnerstag schon knapp 30 000.

Weserstrand - Rubrik Draht und Esel - Oliver Bouwer

Oliver Bouwer vom Landesinstitut für Schule.

Foto: Frank Thomas Koch

Das hat das System aber in den ersten Tagen mehrfach in die Knie gezwungen: Immer wieder sei bei zahlreichen Familien die Verbindung zum Lernportal zusammengebrochen, sagt Martin Stoevesandt vom Zentralelternbeirat (ZEB). „Ich höre von vielen Nutzern, dass nach 22 Uhr alles läuft, vorher aber häufige Unterbrechungen Standard sind.“ Das bestätigt auch Bouwer: „Wir wurden komplett überrollt.“ Schon Anfang der Woche war das System so überlastet, dass weitere Server aus Norwegen zugeschaltet werden mussten (wir berichteten). Diese Probleme, sagt Bouwer, legen sich langsam: Inzwischen sei „Itslearning“ zwar weiterhin in den Hauptzugriffszeiten morgens und vormittags langsam, er sei aber zuversichtlich, dass sich auch das bessern werde.

Doch wenn alle Lehrkräfte und Schüler einen Zugang zu „Itslearning“ hatten, warum knickt die digitale Lernplattform ausgerechnet jetzt ein? Tatsächlich habe das mit der vielfältigen Handhabe des digitalen Lernens der Bremer Schulen zu tun, sagt Bouwer. Während einige Schulen „Itslearning“ bereits seit Monaten intensiv in den Klassenräumen nutzen, kämen andere erst jetzt in der Corona-Krise in Kontakt mit dem Programm. „Es war nie dafür vorgesehen, den Unterricht zu ersetzen“, betont Bouwer. Letztlich sei es den Schulen und Lehrkräften selbst überlassen, ob und wie sie das Lernportal in ihren Unterricht einbinden – die Nutzung sei freiwillig. Um es den Lehrkräften, die nun während der Schulschließungen erstmals auf das Programm zugreifen, leichter zu machen, unterstützen zehn medienpädagogische Mitarbeiter des Lis die Schulen. Sie waren es auch, die schon in der Woche vor den Schulschließungen zahlreiche Videoanleitungen aufgenommen haben, um Anfängern den Einstieg zu erleichtern. „Letztlich sind wir im Krisenmodus“, sagt Bouwer. „Mehr kann man nicht machen.“

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Das Grundkonzept hinter „Itslearning“ findet auch der ZEB gut: Die Plattform sei unmittelbar mit anderen gängigen Schreibprogrammen verknüpfbar, „sodass eigentlich alles digital erfolgen könnte“, sagt Vorstandssprecher Stoevesandt. Weil aber eben viele Schulen das digitale Lernwerkzeug „halb digital“ nutzten, entstünden immer wieder Probleme. So verschickten einige Lehrkräfte PDFs, die dann entweder für die Bearbeitung ausgedruckt oder mit einem anderen Programm ausgefüllt werden müssten. „Letztlich erwarten wir Eltern, dass alles am 15. April ein digitales Klassenzimmer wird – oder wieder Schule ist.“ An letzterem habe er aber beim aktuellen Stand der Krise seine Zweifel.

Auch Bouwer hofft, dass mit der Zeit alle Schulen aufholen und sich das neue System einspielt. Er beobachte, dass sich die Lehrkräfte mit viel Verve in die neuen Aufgaben werfen. Allerdings hofft er, dass auch mehr der Nutzer die Kapazitäten von „Itslearning“ voll ausschöpfen – und eben keine PDFs mehr verschicken. Denn eigentlich müsse mit der Lernplattform nichts ausgedruckt werden; vielmehr sei sie sogar mit einem Smartphone nutzbar.

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