Heringsfang in Vegesack Von Loggern und Kantjes

Eine Ausstellung im Schloss Schönebeck erinnert an die Geschichte der 1895 gegründeten Bremen-Vegesacker Fischerei-Gesellschaft. Vor 50 Jahren endete die Ära das Heringsfangs in Vegesack.
10.07.2017, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Gabriela Keller

Schönebeck. Der Segelloger „Vegesack B.V.2“ gehörte zu den ersten Fangschiffen, die der Bremer Vulkan 1895 für die damals neu gegründete Bremen-Vegesacker Fischerei-Gesellschaft baute. Als einziges Schiff der einst größten Heringsfischerei-Flotte auf dem europäischen Kontinent liegt es bis heute im Vegesacker Hafen. Als schwimmendes Zeugnis einer Ära, die vor 50 Jahren endete. Eine Ausstellung im Schloss Schönbeck gewährt nun einen Blick auf die Zeit, als die Heringslogger in Scharen von Vegesack zum Fischen in die Nordsee ausliefen.

Historische Fotos, Loggermodelle, altes Handwerkszeug und andere Schaustücke lassen die Geschichte des Heringsfangs in Vegesack noch einmal lebendig werden. Am 31. Januar 1895 schlug die Geburtsstunde der Fischerei-Gesellschaft, in einer Vitrine im Schloss ist das Gründungsprotokoll zu sehen. Auf dem Gelände der ehemaligen Lange-Werft zwischen dem Vegesacker Hafen und der Lesum richtete sich das Unternehmen ein. Im Mai desselben Jahres starteten die Segellogger „Bremen“, „Vegesack“, „Grohn“ und „Blumenthal“ zu ihrer ersten Fangreise.

Mit Treibnetzen, Fleet genannt, wurde der „Silbersegen des Meeres“ gefischt. Holger Schleider, Vorsitzender des Museumsvereins, erklärt: „Ein Fleet bestand aus mehreren jeweils 30 Meter langen und 15 Meter tiefen Einzelnetzen, die sich auf einer Länge von drei bis vier Kilometern durch das Wasser zogen. Die Heringe blieben mit den Kiemen in den Netzmaschen hängen.“

Von Hand wurden die Netze anfangs eingeholt. Fotos in der Ausstellung geben Einblick in die harte Arbeit auf See. Noch an Bord wurde der Hering geschlachtet und in Holztonnen, den sogenannten Kantjes, sofort in Salz eingelegt. „Auf See gekehlt und gesalzen“ war das Frischesiegel, mit dem die Vegesacker Fischerei-Gesellschaft für ihre Ware warb. Als Markenzeichen prangte es auf den Fässern, mit denen die Heringe in den Handel kamen. Verpackt zu jeweils 100 Kilogramm, fasste eine Holztonne zwischen 600 bis 1000 gesalzene Heringe. Auf dem Gelände der Fischerei-Gesellschaft waren die zu Pyramiden gestapelten Holzfässer schon von Weitem zu sehen.

Fotos in der Ausstellung zeigen Heringspackerinnen in großen Hallen bei der Arbeit. Die Fische wurden nach Größe und Qualität sortiert, bevor sie in die Fässer kamen. Frauenarbeit war auch das Säubern und Flicken der Netze. Dafür waren die „Netzmädchen“ auf den Netzböden an der Lesumkaje zuständig.

Zum Trocknen wurden die Netze an langen Gerüstreihen aufgehängt. Neben den Packhallen, Netz- und Lagerböden gab es auf dem Gelände verschiedene Werkstätten wie eine Schmiede und Segelmacherei, Kühlhäuser, eine Fassfabrik, außerdem Werkswohnungen. 1909 wurde im Vegesacker Hafen ein kleines Schwimmdock für Reparaturen an den Loggern gebaut.

Das Unternehmen wuchs. Immer neue Grundstücksankäufe erweiterten das Betriebsgelände, die Zahl der Beschäftigten stieg. Auch die Loggerflotte legte zu. 1914 fuhren 25 Segellogger, 15 Dampf- und ein Motorlogger hinaus auf See. Auf dem Höhepunkt 1938 fischten 68 Heringslogger in der Nordsee. Damit war die Vegesacker Fischerei-Gesellschaft mit damals 1200 Beschäftigten auf See und 600 Mitarbeitern an Land die größte des Kontinents. Ein Jahr zuvor hatte die Gesellschaft das beste Fangergebnis ihrer Geschichte eingefahren: 352 184 Kantjes.

Heimatmaler haben den Hochbetrieb in der Blützezeit der Heringsfischerei festgehalten. Gemälde in der Ausstellung zeigen die Logger dicht an dicht gereiht an der Kaje in der Lesummündung. Die Kapitäne trieb der Ehrgeiz. Wer in der Fangsaison von Mai bis November/Dezember unter den Loggern der damals vier deutschen Fischerei-Gesellschaften die meisten Heringe fing, wurde vom Bremer Senat zum Heringskönig gekürt. Als Zeichen der Würde gab es eine Königskette mit silbernem Hering und den Königsstander, der beim Auslaufen am Vormast hochgezogen wurde.

„Deutschlands erfolgreichster Heringskapitän war Heinrich Nagel“, erzählt Schleider. Von 1936 bis 1962 fuhr der Rosenhagener für die Vegesacker Fischerei-Gesellschaft. Wie viele Besatzungsmitglieder kam er aus dem Raum Minden-Nienburg. Dort war es Tradition, dass Bauernsöhne, die keinen Hof übernehmen konnten, zur See fuhren. „Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch ausländische Arbeitskräfte wie Portugiesen und Griechen angeworben“, weiß Schleider. Der Vorsitzende des Museumsvereins hat einen persönlichen Bezug zur Fischerei-Gesellschaft. Sein Vater Hermann Schleider arbeitete dort von 1925 bis zum bitteren Ende, zuletzt als Personalchef. „Mein Vater hat 1967 im Vegesacker Kontor den Schlüssel umgedreht.“

Seit den 1950er Jahren waren den Vegesacker Loggerbesatzungen immer weniger Fische in die Netze gegangen. Die Überfischung der Fanggründe in der Nordsee, mangelnde Rentabilität der inzwischen größeren Schiffe, dazu ein Fachkräfte-Mangel für die Arbeit an Bord – alles zusammen habe zum Aus der Vegesacker Heringsfischerei geführt, sagt Schleider.

Die Firma versuchte vergeblich mit einer Tochtergesellschaft für Fertigprodukte, die Vegesacker Fischwaren-Gesellschaft, den Niedergang zu stoppen. Im Obergeschoss des Schlosses sind Plakate zu sehen, die für den Hering „tafelfertig ohne Haut und ohne Gräten“ warben. Nach der Fusion mit der Norddeutschen Hochseefischerei wurde der Betrieb noch zwei Jahre in Bremerhaven fortgeführt. 1969 war endgültig Schluss. Zwei Schiffe landeten in jenem Jahr den letzten Fang an: 1200 Kantjes.

Die Ausstellung im Heimatmuseum Schloss Schönebeck, Im Dorfe 3 bis 5, ist bis zum 24. September zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags, mittwochs und sonnabends von 15 bis 17 Uhr, sonntags von 10.30 bis 17 Uhr.
„Mein Vater hat 1967 im Vegesacker Kontor den Schlüssel umgedreht.“ Holger Schleider, Museumsverein
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