Nachthimmel Was Bremen gegen Lichtverschmutzung tut

Infolge der neuen Regelungen zum Energiesparen kann auch die Lichtverschmutzung in Städten sinken. Nur ein Nebeneffekt oder die Chance, ein neues Bewusstsein für Dunkelheit zu bekommen?
23.09.2022, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Was Bremen gegen Lichtverschmutzung tut
Von Fabian Dombrowski

Ein klarer Sternenhimmel kann auf den Betrachter große Faszination ausüben – doch immer seltener ist der Nachthimmel als solcher zu erkennen. Künstliche Lichtquellen strahlen in den Himmel ab und hellen diesen auf. Durch die neuen Regelungen zum Energiesparen könnte sich allerdings auch die Lichtverschmutzung reduzieren.

Was ist Lichtverschmutzung?

Eigentlich verbindet der Mensch Licht mit etwas Positivem: Helligkeit, Klarheit, Hoffnung. Dass Licht aber auch Schmutz sein kann, steht dazu im Widerspruch. Bei Lichtverschmutzung geht es vor allem um künstliche Lichtquellen wie Straßenlaternen, Werbeflächen und beleuchtete Schaufenster, die den Nachthimmel zusätzlich aufhellen. "Wir emittieren also einen Schadstoff, der in der Nacht nichts zu suchen hat", sagt Karin Dörpmund von der Bremer Initiative Dark Sky Nord, die die Menschen über das Thema aufklären möchte. "Dadurch verschmutzen wir die natürliche Nacht."

Wie stark ist die Lichtverschmutzung?

Laut dem Weltatlas der Lichtverschmutzung von 2016 leben mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung und mehr als 99 Prozent der US-amerikanischen und europäischen Bevölkerung unter einem lichtverschmutzten Himmel. Diesen Effekt führten die Wissenschaftler auf die großflächige Umstellung der Beleuchtung auf LED-Lampen zurück, welche zwar energiesparend seien, aber trotzdem eine hohe Lichtintensität hätten.

Auch in Deutschland werden die Nächte immer heller, wie eine 2018 veröffentlichte Studie des Deutschen Geoforschungszentrums (GFZ) zeigt. Demnach hat es lediglich im Bundesland Thüringen zwischen 2012 und 2018 nachts weniger Licht gegeben. Bayern führte mit einem Anstieg der nächtlichen Lichtstrahlung um 35 Prozent das Ranking an, Hamburg folgte mit 29 Prozent auf Platz 2. Bremen verzeichnete eine Steigerung um 8,3 Prozent, Niedersachsen um zehn Prozent.

Welche Auswirkungen hat Lichtverschmutzung?

Dass die Nächte immer heller werden, ist laut Umweltschützern eine der Hauptursachen für das Artensterben. Künstliche Lichtquellen wie Straßenlaternen ziehen etwa Insektenschwärme an, stellen für diese aber keinen natürlichen Lebensraum dar: Die Insekten werden dort sichtbar für Fressfeinde, verbrennen in der Hitze oder umkreisen die Lichtquelle bis zur Erschöpfung.

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Aber auch der Mensch bekommt die Auswirkungen hellerer Nächte zu spüren. In einem Artikel der Fachzeitschrift "Science Advances" schreiben britische Wissenschaftler, dass durch weiße LEDs der Anteil der Emissionen im blauen Bereich des Lichtspektrums zugenommen habe. Für unsere innere Uhr ist vor allem das Hormon Melatonin zuständig, dessen Produktion das blaue Licht hemmt und unterdrückt. Dies geschieht auch schon bei einer niedrigen Lichtintensität, wie Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) ausführen. Unser Tag-Nacht-Rhythmus wird also durch heller werdende Nächte gestört. Die Folge: Herzrhythmus-Störungen, Schlaflosigkeit und Unruhe. Auch Erschöpfung und Depressionen können entstehen. Die Langzeitfolgen von Lichtverschmutzung sind laut IGB aber noch weitgehend unerforscht.

Was tut Bremen gegen Lichtverschmutzung?

Bremen will bis Mitte 2023 seine öffentliche Beleuchtung auf LEDs mit einer Lichtfarbe von 3000 Kelvin umrüsten, sogenanntes warm-weißes Licht, das als insektenfreundlicher gilt. In den Nachtstunden soll die Leistung der LED-Leuchten um die Hälfte reduziert werden. Auch sollen ausschließlich Leuchten eingesetzt werden, die kein Licht in den oberen Halbraum abgeben. Das ist die Höhe, ab der Licht für den Menschen keinen Nutzwert mehr darstellt. Freistrahlende und nicht nach unten gerichtete Leuchten kommen demnach in Bremen nicht mehr zum Einsatz.

An einigen Stellen wurden Straßenbeleuchtungen auch schon abgeschaltet oder zurückgebaut, heißt es aus der Umweltbehörde, etwa an der A270 oder dem Nordwestknoten. In einer Stellungnahme der Behörde von August ist außerdem von Pilotprojekten zur "bedarfsgerechten Beleuchtung" die Rede. Auf Nachfrage halten sich die Behörden dazu bedeckt: Zukünftige Projekte seien derzeit in Planung und noch nicht spruchreif, heißt es vonseiten des Amts für Straßen und Verkehr (ASV).

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Welche Kritik gibt es?

Die Vorhaben der Umweltbehörde begrüßt Karin Dörpmund von Dark Sky Nord grundsätzlich. Ihr zufolge sind 3000 Kelvin für die Biodiversität jedoch noch immer schädlich. Die Lichtfarbe müsse weiter gesenkt werden. "Wir müssen uns auch Gedanken machen, ob wir noch mehr Abschaltungen vornehmen können, etwa bei einsamen Straßen", sagt Dörpmund. Städte und Kommunen sollten das Thema in Zusammenarbeit mit Augenärzten, Biologen und Astronomen angehen und Lichtplaner einsetzen. In der Rhön etwa gibt es mit Sabine Frank Deutschlands erste und einzige Lichtschutzbeauftragte. Für Bremen ist ein solches Amt keine Option, wie Jens Tittmann, Sprecher des Umwelt- und Klimaschutzressorts, ausführt: Viel eher würden in Bremen mehrere unterschiedliche Experten in das Thema mit einbezogen. So kümmere sich das Naturschutzreferat etwa um den Schutz von Insekten, Klimaschutzmanagerinnen um den Bereich Licht und Energie, das Wirtschaftsressort um Licht in Gewerbegebieten. "Licht ist in einer Großstadt eine komplexe Angelegenheit, die aus mehreren Perspektiven betrachtet werden muss", meint Tittmann.

Inwieweit wird die Lichtverschmutzung durch die Regelungen zum Energiesparen sinken?

"Der Energiesparplan ist eine Chance, das ökologische Gleichgewicht in der Nacht wieder etwas besser ins Lot zu bekommen", sagte Rainer Michalski vom Naturschutzbund (Nabu) Rheinhessen gegenüber der "Tagesschau". Seit September müssen Werbeflächen, Schaufenster und Beleuchtungen an öffentlichen Gebäuden und Denkmälern ab 22 Uhr aus bleiben. Die Reduzierung der Lichtverschmutzung sei laut Tittman infolgedessen ein "zusätzlicher Effekt". Für Dörpmund reicht das jedoch nicht aus: "Lichtverschmutzung darf kein Nebenthema mehr sein, sondern muss Priorität haben." Dass die Menschen in den kommenden Monaten ein neues Bewusstsein für Dunkelheit bekommen könnten, glaubt sie nicht: "Dafür verbinden das alle zu sehr mit Verzicht und Krise. Doch wir müssen uns wieder bewusst machen, wie schön es ist, einen natürlichen Sonnenaufgang und -untergang mitzuerleben."

Zur Sache

Licht aus zur Earth Night

In der kommenden Nacht wird wieder die Earth Night begangen: Ab 22 Uhr soll die Bevölkerung Außenlicht für eine Nacht abschalten oder zumindest deutlich reduzieren. Mit diesem Aktionstag macht die Initiative "Paten der Nacht" seit 2020 auf die zunehmende Lichtverschmutzung aufmerksam. Die Nacht ist nicht zu verwechseln mit dem Earth Day, bei dem an einem Tag im März das Licht für eine Stunde ausgeschaltet bleiben soll.

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