900 Plätze fehlen

Wie Bremer Familien mit dem Mangel an Kita-Plätzen umgehen

900 Kita-Plätze fehlen in Bremen. Dahinter stecken 900 Familien, die die Absage für den Kita-Platz ganz unterschiedlich prägt. Der WESER-KURIER erzählt drei Geschichten von betroffenen Bremer Familien.
04.08.2019, 19:24
Lesedauer: 7 Min
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Wie Bremer Familien mit dem Mangel an Kita-Plätzen umgehen
Von Lisa-Maria Röhling

Einfach zu begreifen ist die Zahl nicht: 900 Kita-Plätze fehlen auch zum neuen Kita-Jahr in Bremen. Eine Größenordnung, die schockiert. Erneut wird der Platzmangel in diesen Tagen thematisiert und kritisiert. In Bremen besteht ein Rechtsanspruch auf eine Betreuung ab dem dritten Lebensjahr, auch Plätze für jüngere Kinder werden gebraucht. Trotzdem bleiben zahlreiche Familien außen vor. Hinter der statistischen Größe stecken 900 Familien, 900 Geschichten, 900 Perspektiven, darauf, was der Kita-Platzmangel für sie bedeutet. Der WESER-KURIER hat drei von ihnen getroffen.

Nach dem Tag der offenen Tür in der Kita wollte Sophia nichts mehr, als in den Kindergarten zu gehen. „Sie war begeistert“, beschreibt ihre Mutter Sabrina Pisch.

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Das war im Frühjahr. Die Familie aus Huchting hatte zu diesem Zeitpunkt schon die Kita-Anmeldung abgegeben, hatte neben der Wunschkita zwei Alternativen angegeben. Dass die kleine Sophia in die Kita kommt, das stand für die Familie außer Zweifel. „Sie muss in die Kita“, sagt die Mutter. Ab Ende März war klar, dass die von der Kita so begeisterte Sophia vorerst nicht dort hingehen würde; da kam die schriftliche Absage für die Wunschkita. Die Mutter versucht daraufhin alles, um doch einen Platz zu ergattern, ruft bei den Kita-Leitungen an, schickt Dutzende E-Mails. Auf einen Wartelistenplatz verzichtete sie: „Wenn bei drei Wünschen keiner berücksichtigt wird, was bringt dann so eine Liste?“ Die Bildungsbehörde meldet sich im Mai noch mal bei ihr mit der Frage, ob sie weiterhin einen Platz suche. Die Familie antwortet schnell, versucht auch telefonisch und per E-Mail die Behörde zu erreichen. Manchmal hängt sie zwei Stunden in der Warteschleife. Die immer wiederkehrende Antwort: „Gedulden Sie sich. Es ist ja noch Zeit. Sie hören dann von uns.“

Es ist Anfang Juli. Sabrina Pisch hat keine Zeit mehr. In ihren Händen hält sie einen Stapel von Papieren, ausgedruckte E-Mails an die verschiedenen Kitas, Schreiben an die Bildungsbehörde. Ende Juli läuft der Vertrag mit der Tagesmutter, die ihre Tochter bisher betreute, aus. Was danach kommt? Sabrina Pisch zuckt mit den Schultern. „Wir sind gerade in ein gemietetes Reihenhaus gezogen. Wenn Sophia keinen Kita-Platz bekommt, muss ich aufhören zu arbeiten. Dann verlieren wir ein Gehalt.“ Was daraus folgen könnte, spricht sie nicht aus. Aber dass es sie sorgt, das zeigt ihr etwas verkrampftes Lächeln. Denn: Für die Pischs steht ihre Existenz auf dem Spiel. Ihre Tochter bekomme von dem ganzen Ärger zum Glück nichts mit. „Sie tröstet mich nur, wenn ich weine“, sagt Sabrina Pisch. Dann schaut sie kurz zur Decke, presst die Lippen aufeinander. „Ich weine viel im Moment.“

Mehr Plätze sollen kommen

Unter diesem Druck leiden viele Familien. Die Situation werde, trotz 850 geplanter Kita-Plätze, angespannt bleiben, sagt Vivien Barlen, Referentin von Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD). „Nicht alle Kinder werden einen Platz bekommen. Das bedauern wir sehr.“ Die Behörde werde weiter an der Fachkräftegewinnung und dem Kita-Ausbau arbeiten. Eine Vermittlungsstelle unterstütze Familien ohne Kita-Platz; sie soll dafür sorgen, dass Kinder unabhängig vom Wohnort stadtweit auf freie Plätze verteilt werden können. Zudem stehe die Kita-Hotline zur Verfügung.

Auch Sandra und Ralf Iwitzki hoffen, dass ihnen nicht nur einer, sondern zwei Kita-Plätze vermittelt werden. Das Haus der Familie steht am Ende einer Sackgasse in Arsten inmitten von Wiesen und Feldern. Die Iwitzkis sind zu neunt, die älteste Tochter studiert, die beiden Jüngsten, die Zwillinge Luisa und Magnus, sind Ende Juli vier Jahre alt geworden. Eigentlich müssten sie längst in der Kita sein, sagt die Mutter Sandra Iwitzki. Sie sitzt am äußeren Ende ihres Sofas, die Ellbogen hat sie auf den Oberschenkeln abgestützt. Während sie erzählt, sind ihre Kinder im Garten beim Versteckspiel zu hören. „Wir stehen vor einer Mauer“, sagt Sandra Iwitzki. Kita-Plätze haben die Zwillinge in diesem Jahr zum zweiten Mal nicht bekommen.

Im Wohnzimmer der Iwitzkis sind mehrere kleine Tische zu einer Malecke zusammengestellt, darauf verteilt sind Buntstifte, Malbücher, Bastelmaterial. Dahinter steht ein Klavier, weitere Instrumentenkoffer sind in Regalen zwischen Büchern und Heften aufgestapelt. An den Wänden hängen Kinderfotos, eine Tafel mit Familienregeln ermahnt zu Liebe, Rücksichtnahme und Freundlichkeit. „Ich versuche mein Bestes“, sagt Sandra Iwitzki. Sie ist Hausfrau, ein 24-Stunden-Job, kümmert sich um den Neun-Personen-Haushalt und die Kinder, Ralf Iwitzki arbeitet als Fahrschullehrer. Sie spricht liebevoll von ihren Kindern, zählt Besonderheiten und Eigenarten auf, beschreibt Talente und Fähigkeiten. „Ich will meine Kinder nicht los werden“, das betont sie mehrfach. „Ich will, dass sie in der Kita die Chance bekommen, mit Gleichaltrigen zu spielen, Freunde zu finden und von ausgebildeten Erziehern betreut zu werden.“ Sie stockt, schaut aus dem Fenster. Die Belastung, sagt sie, sei unglaublich. Tränen füllen ihre Augen, als ihr Mann Ralf mit zwei Kaffeetassen das Wohnzimmer betritt. „Man fühlt sich so hilflos“, sagt er.

Die Iwitzkis haben viel versucht, um ihren Zwillingen den Kita-Besuch zu ermöglichen. Drei Kitas gibt es in ihrem näheren Umfeld, allerdings sei nur eine davon bereit, ihre Zwillinge in einer Gruppe zu betreuen. Das ist den Eltern wichtig. Doch diese Wunschkita ist 2,7 Kilometer von ihrem Haus entfernt, die anderen beiden jeweils 2,3 und 1,7 Kilometer. Deswegen kamen die Iwitzkis schon im vergangenen Jahr in der Wunschkita auf die Warteliste. Also versuchten sie es in diesem Jahr wieder, und bekamen wieder keinen Platz. Der Grund: Sie wohnen 200 Meter zu weit weg. Die Eltern schütteln fassungslos die Köpfe. Zahlreiche Telefonate später war klar, dass auch die anderen Kitas keinen Platz für die Zwillinge haben.

Keine Hilfe bei der Kita-Hotline

Versuche, bei der Bildungsbehörde etwas zu erreichen, blieben laut der Familie ergebnislos. Auch bei ihnen kam die Absage im März, im April versuchten die Iwitzkis, sich bei der Kita-Hotline zu informieren; die Antworten der Sachbearbeiterin seien knapp und unfreundlich gewesen. Ende April kam der Brief mit der Aufforderung, sich bei weiterem Bedarf bei der Behörde zu melden. Das taten sie. Bis Anfang Juli hörten sie nichts mehr. Sie riefen erneut an, wurden ermahnt, geduldig zu sein, bis August sei schließlich noch Zeit. Danach schalteten sie einen Anwalt ein. Einen weiteren Bescheid hat die Familie bis heute nicht bekommen.

„Warum dürfen meine Kinder nicht in die Kita?“ Diese Frage stellt Sandra Iwitzki mehrfach. Draußen hat es angefangen zu regnen, die Kinder kommen nacheinander ins Haus. Sie stellen sich höflich und freundlich vor, helfen einander aus Jacken und Schuhen. Auch die Zwillinge kommen herein. Als sie das Wort Kindergarten aufschnappen, sagen sie: „Wir wollen auch in den Kindergarten.“

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Mit Fällen wie dem der Iwitzkis hat Matthias Westerholt acht- bis zehnmal im Jahr zu tun. Der Anwalt sagt, in Bremen sei der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz von der Landesregierung inzwischen komplett verwässert worden. „Die Legislative muss wieder alles in die Hand nehmen“, sagt er. Für ihn gibt es mehrere Probleme bei der Kita-Betreuung, beispielsweise, dass Kinder nicht unterjährig aufgenommen werden, obwohl der geltende Rechtsanspruch ab dem dritten Lebensjahr besteht. Eine Klage auf einen Kita-Platz, sagt er, sei allerdings keine Erfolgsgarantie. „Man kann die Stadt nicht zum Bauen einer Kita zwingen.“

„Alle Gleichaltrigen gehen in die Kita“

In Vegesack, am anderen Ende der Stadt, hat sich auch Isabella Pyrskalla einen Anwalt genommen. Sie ist selbstständig und betreibt ein Fotostudio. „Ich arbeite, um zu überleben“, sagt sie. Doch jetzt fühle es sich an, als stehe ihre Existenz auf dem Spiel. Ihre Tochter ist dreieinhalb Jahre alt. Wenn sie gemeinsam Bücher lesen, in denen die Kinder in den Kindergarten gehen, sagt die Kleine, dass sie auch dorthin möchte. „Sie hat noch nicht verstanden, dass sie nicht in die Kita kommt.“ Als die Absage Ende März kam, habe sie erst mal geweint, sagt Pyrskalla. Auch jetzt, auf einem Sofa in ihrem Studio sitzend, steigen der Mutter Tränen in die Augen. „Ich bin wütend. Warum darf ausgerechnet meine Tochter nicht in die Kita?“ Bisher habe die Dreieinhalbjährige regelmäßig einen Spielkreis besucht, aber dort habe sie ihre Tochter abgemeldet. „Alle Gleichaltrigen gehen in die Kita“, sagt die Mutter und schüttelt den Kopf. „Wir hängen in der Luft.“

Als Pyrskalla im Januar den Antrag abgab, sei es für sie unvorstellbar gewesen, dass ihre Tochter keinen Platz bekommt. Der Kontakt zu zahlreichen Kitas in der Umgebung habe keine Ergebnisse gebracht: „Ich habe 20 Kitas angerufen, niemand hat einen Platz.“ Die Kita-Hotline habe sie nur einmal angerufen – die gesamte dreistündige Sprechzeit des Hilfstelefons habe sie in der Warteschleife verbracht. Ihr Lebensgefährte sei Mitte Mai einmal zur Bildungsbehörde gefahren. Ob und wann die kleine Tochter noch nachrücken werde, habe man ihm nicht beantworten können. Falls sie keinen Platz bekomme, sei eine Entschädigung möglich. „Das bringt uns nichts“, sagt Pyrskalla. Sie wollte es im Guten versuchen, habe immer wieder nachgefragt. Im Juli dann habe sie sich mit ihrem Lebensgefährten für einen Anwalt entschieden. „Ich hätte nie gedacht, dass es so enden wird.“ Der Anwalt habe eine Frist für eine Rückmeldung bis Mitte Juli gesetzt, die habe die Behörde verstreichen lassen. Nun hat das Kita-Jahr bereits begonnen, die Familie wartet immer noch.

Pyrskalla hat noch einen zweijährigen Sohn, der im kommenden Jahr in die Kita kommen soll. Normalerweise wäre es mit der Regelung, dass jüngere Geschwisterkinder in die selbe Kita kommen wie ihre Schwester und Brüder, einfach gewesen, einen Platz für ihn zu finden. Nun sorgt sich Pyrskalla, dass ohne einen Kita-Platz für die Schwester auch der Bruder leer ausgeht. „Das geht an die Psyche“, sagt sie. Sie atmet mehrfach durch, schüttelt wieder den Kopf. „Ich kämpfe so lange weiter, bis meine Tochter einen Platz hat.“

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Drei Bremer Schicksale, drei Geschichten. Ein glückliches Ende hat bisher nur eine Familie gefunden: Vier Wochen nach dem ersten Treffen sitzt Sabrina Pisch im Garten ihres Hauses. „Ich bin richtig erleichtert“, sagt sie. Ihre Tochter Sophia besucht ab 19. August eine Kita. Schon vor drei Wochen ging es auf einmal ganz schnell, sagt sie: An einem Mittwoch habe sie einen Anwalt aufgesucht, der habe Donnerstag die Behörde kontaktiert, am Sonnabend kam der positive Bescheid. "Ganz plötzlich“, sagt sie. Ihre Tochter wird in der Neustadt in die Kita gehen – nicht optimal zu erreichen von Huchting aus. „Aber wenigstens haben wir jetzt einen Platz.“ Sie lacht, zeigt auf ihr Gesicht. „Keine Tränen mehr.“

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