Corona-Schutz für viele selbstverständlich

Wie die Corona-Regeln in Bremen eingehalten werden

„Alle nehmen das klaglos hin, aber einige haben einfach keine Lust mehr“, sagt Geschäftsfrau Kritika Thapa über die Corona-Schutzvorkehrungen. Manche lassen das raushängen und die Maske an einem Ohr baumeln.
03.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie die Corona-Regeln in Bremen eingehalten werden
Von Justus Randt
Wie die Corona-Regeln in Bremen eingehalten werden

Viel Platz zwischen den Wolldeckeninseln am Werdersee: Die Abstandsregeln der Corona-Verordnung lassen sich locker einhalten.

Frank Thomas Koch

Ein bisschen mehr Nähe wäre nett, allen Einschränkungen durch die Corona-Verordnung zum Trotz. So scheinen viele zu empfinden. In der Warteschlange auf dem Wochenmarkt kann man es spüren – am Atem des Hintermanns im Nacken. Mit dem Wegfall der Maskenpflicht ist offensichtlich auch das Abstandsgebot für viele hinfällig, Obst und Gemüse sind, wie dazumal, ungehemmt dem Drucktest ausgesetzt. Reißt „zunehmende Nachlässigkeit“ ein, was das Einhalten von Schutzvorkehrungen betrifft? Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, hat diese Vermutung angesichts steigender Infektionszahlen kürzlich geäußert. Es scheint auf die Umgebung anzukommen.

„Die Kunden sind schon sehr konsequent“, sagt Kritika Thapa, die ein Wäschegeschäft im Steintor betreibt. In dem kleinen Laden ist es nicht einfach, stets 1,50 Meter Abstand zu halten. „Ich schaffe das“, sagt die Inhaberin. „In der Umkleidekabine nehmen manche wohl kurz die Maske ab, aber höchstens so lange, bis ich komme, um zu sehen, ob auch alles richtig passt.“ Nach dem Kauf desinfiziert sie das Kartenlesegerät. „Und die Hände werden gewaschen.“ Manchmal fragten Kundinnen, ob sie ohne Maske ins Geschäft dürften. „Da sage ich aber nein.“ Eigentlich habe sich nicht viel geändert, ist ihr Eindruck. „Alle nehmen das klaglos hin. Aber einige haben einfach keine Lust mehr.“

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Vom „Zusammenbruch der Disziplin“ hatte jüngst Tobias Welte gesprochen. Der Vizepräsident der Medizinischen Hochschule Hannover macht eine „Regelmüdigkeit“ in der Bevölkerung aus. Die von der Bundesregierung propagierten „Aha-Regeln im neuen Alltag“ sind ein Versuch, das Entscheidende auf eine knappe Formel zu bringen: Abstand von mindestens 1,50 Metern halten, Hygieneregeln beachten und dort, wo der Abstand nicht einzuhalten ist, „eine Alltagsmaske über Mund und Nase tragen“.

Das scheint kein Problem zu sein, mit wem man auch spricht. Die vier jungen Leute Anfang 20, die, sonnenbebrillt und mit Bier ausgestattet, einen sommerlichen Tag am Werdersee verbringen, wollen ihre Namen nicht preisgeben, sind aber bereit, über die Corona-Regeln zu reden. „Man fügt sich dem Ganzen, bleibt im kleinen Kreis der Familien oder ist mit ein paar Freunden zusammen“, sagt einer, und die anderen stimmen zu. An diesem Sonnabend gibt es wahrlich kein Abstandsproblem zwischen den Wolldeckeninseln im Gras, und die Stimmung ist entspannt, soweit sich das aus der gebotenen Distanz einschätzen lässt.

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"Omas gegen rechts" auf dem Posten, während in Berlin Corona-Leugner demonstrieren.

Foto: Frank Thomas Koch

„Es fehlt die Gemeinschaft“

Für die zwei aus der Neustadt und die beiden aus Stuhr ist die Maske „das geringste Problem“. Einer von ihnen fährt regelmäßig mit dem Zug nach Münster. „Wenn ich da zwei, drei Stunden die Maske aufhabe, ist das die geringste Einschränkung“, sagt er. „Man merkt erst hinterher, wie schlecht man geatmet hat.“ Und was ist dann die größte Einschränkung? Die Antwort kommt prompt: „Es fehlt die Gemeinschaft beim Studieren, das Präsenzstudium.“

Die schwarz gewandete Truppe von Animals' Voices Bremen wiederum wollte am Sonnabend Präsenz zeigen. Die rund 30 Frauen und Männer haben ihre Aktion aber frühzeitig abgebrochen. „Hier an der Domsheide ist kein so guter Platz, wir werden die ganze Zeit von Bussen vollgedieselt, es herrscht relativ großer Konkurrenzkampf um gute Plätze“, sagt Pia Frische und zeigt Verständnis dafür: „Das Demonstrationsrecht ist wirklich wichtig.“ Um die Ecke, auf dem deutlich belebteren Domshof, sind derweil die „Omas gegen rechts“ angetreten. Andere politisch aktive Großmütter bieten zeitlich in Berlin der bundesweiten Versammlung von Corona-Leugnern die Stirn.

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Bevor die Tierschützer weiterziehen, bringt Pia Frische die einheitlich gekleideten Animals' Voices fürs Gruppenbild nahe der Glocke in Position. „Klar halten wir den Abstand ein“, sagt sie. „Viele von uns haben sowieso gemeinsame Haushalte.“ Eine Zeitlang habe die Gruppe keine Videos von geschredderten Küken zeigen dürfen, erzählt die junge Frau. „Die Begründung lautete, das könnte Menschen anlocken. Jetzt geht das wieder. Wer will, kann sich unsere Visitenkarte selbst nehmen, wir warten, bis sich die Leute aus Interesse nähern.“ Auch das ist ein Abstandskonzept. „Und wir haben ja unsere Animal-Voices-Masken.“

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In der schmalen Böttcherstraße kann es schon mal eng werden.

Foto: Frank Thomas Koch

Maske stört in der Straßenbahn

Maske ist für Sonja Waltzer, eine Touristin aus der Nähe von Marburg, ein wichtiges Stichwort: „Wir sind immer froh, wenn die Leute welche tragen.“ Gemeinsam mit ihrer Tochter Ayla und ihrem Vater Alwin Meyries aus Nordenham hat sie einen Tagesausflug nach Bremen gemacht. Die drei bummeln durch die Böttcherstraße und müssen sich nicht weiter vorsehen. Nach dem heftigen Regenschauer hat das Gedränge in der engen Gasse deutlich nachgelassen.

„Wir waren eben auf dem Pfannkuchenschiff, da haben sie den Abstand vorbildlich eingehalten“, findet Sonja Waltzer. Ihr Vater setzt außerdem auf die Wirksamkeit der Corona-App: „Die haben wir alle.“ Als störend hingegen empfinden offensichtlich viele Straßenbahnnutzer die Maske: beim Schnacken, Trinken und Telefonieren. Obwohl die Bremer Straßenbahn AG und der Ordnungsdienst just gemeinsame Kontrollen angekündigt hatten, ist beinahe jede zweite Nase nackt. Oft hängt die Maske unter dem Kinn oder baumelt nur an einem Ohr.

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