Interview zur Inklusion „Wir können nicht alle Kinder in eine Klasse stecken“

Stefanie Höfer ist 55 alt und seit 2008 Vorsitzende beim Landesverband für Sonderpädagogik. Im Interview erklärt sie, was Bremen beim Thema Inklusion verbessern muss.
02.06.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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„Wir können nicht alle Kinder in eine Klasse stecken“
Von Kristin Hermann

Stefanie Höfer ist 55 alt und seit 2008 Vorsitzende beim Landesverband für Sonderpädagogik. Im Interview erklärt sie, was Bremen beim Thema Inklusion verbessern muss.

Frau Höfer, wie sieht für Sie Inklusion im Idealfall aus?

Stefanie Höfer : Als Erstes müssten daran alle Schulformen beteiligt werden. In Bremen werden die Gymnasien größtenteils ausgespart. In anderen Ländern, wie Italien oder Finnland, gehen alle zumindest von der ersten bis zur achten Klasse in eine Schule. Dazu wird natürlich auch Fachpersonal benötigt, was, entsprechend ihrer Notwendigkeiten, den Kindern gerecht werden kann. Und das nicht erst, nach langen Diagnostiken oder dem Warten auf Assistenzen.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie hören, dass der Bürgermeister Inklusion abbremsen will?

Was Inklusion betrifft, fehlt in Bremen nach wie vor ein Masterplan, wie man das Modell gut umsetzt. Den gibt es seit Jahren nicht und auch keine gezielte wissenschaftliche Begleitung des Prozesses. Man sollte nicht so viel ideologisch sehen, sondern mehr an die Kinder denken, die das Ganze betrifft.

Was meinen Sie damit?

Von den Zahlen her, ist Bremen bundesweit vorne, weil alle Förderzentren aufgelöst worden sind und viele Kinder inklusiv beschult werden. Von der konkreten Ausgestaltung sind wir jedoch weit weg. Über das Wie der Inklusion wurde zu wenig nachgedacht. Wir können nicht alle Kinder einfach in eine Klasse stecken. So funktioniert das nicht. Wenn ein Kind zum Beispiel permanent Schwierigkeiten in der Konzentration hat, und in einer normalen Klasse ist, muss es alle 45 Minuten den Lehrer oder den Raum wechseln. Das Kind kann das eigentlich gar nicht, muss es aber den ganzen Tag lang machen. Das ist doch so, als ob ein Rollstuhlkind täglich Treppen laufen soll.

Was ist Inklusion dann?

Es geht bei Inklusion um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Wir müssen einfach gucken, dass man genau hinschaut, was das einzelne Kind braucht. Bei einer Vielzahl an Schülern, braucht man auch ein vielfältiges Angebot.

Ist der Förderbedarf bei den Kindern in den vergangenen Jahren gestiegen?

Die Schuleingangsuntersuchungen haben gezeigt, dass 20 Prozent der Kinder, die eingeschult werden, bereits psychisch auffällig sind. Fünf bis zehn Prozent sind therapeutisch sehr relevant. Zudem haben einige Stadtteile mit hoher Arbeitslosigkeit, Armut oder alleinerziehenden Eltern zu kämpfen. All diese Faktoren führen dazu, dass Kinder zusätzliche Hilfe brauchen. In manchen Klassen im Bremer Westen und in Bremen-Nord sitzen teilweise Kinder, von denen 20 Prozent und mehr einen Förderbedarf haben. Hinzu kommt die steigende Zahl der Schulmeider, die einfach nicht im Unterricht zurechtkommen.

Und für diese Kinder gibt es in Bremen nicht ausreichend Lehrer?

Bedauerlicherweise ist derzeit nicht einmal die Basisversorgung vorhanden. Selbst die 100 Prozent an Lehrkräften, die für den regulären Unterricht zur Verfügung stehen müssten, sind nicht da. Etwa zehn Prozent des Unterrichts werden mittlerweile durch Quereinsteiger oder Studenten abgedeckt. Löcher werden teilweise auch mit den Sonderpädagogen gestopft, von denen es ohnehin zu wenig gibt.

Was macht das mit den Pädagogen?

Die Lehrkräfte sind teilweise verzweifelt. Sie haben sich für diesen Beruf entschieden, weil sie sich um alle ihre Schülerinnen und Schüler kümmern möchten. Sie stehen aber mit so vielen unterschiedlichen Herausforderungen in ihrer Klasse, dass sie den Kindern nicht gerecht werden können. Wenn man in seinem Job so einer permanenten Überforderung ausgesetzt ist, zehrt das unheimlich an den Kollegen. Das macht auch viele krank. Nicht umsonst steigt die Krankenrate und die Tendenz zu Teilzeit hat ebenfalls zugenommen.

Das Gespräch führte Kristin Hermann.

Zur Person

Stefanie Höfer ist 55 alt und seit 2008 Vorsitzende beim Landesverband für Sonderpädagogik. Höfer ist Lehrerin für Sonderpädagogik und Sport und Leiterin des „Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentrum West“.
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