Mehr Mensch als Maschine Abschied vom Nerd

Der Chef der IT-Firma HEC geht bei der Mitarbeitersuche neue Wege: Statt auf Lebensläufe zu achten, stellt er Menschen ein, die er durch Zufall kennenlernt. Falsch gelegen hat er damit selten.
16.10.2017, 05:59
Lesedauer: 4 Min
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Abschied vom Nerd
Von Maren Beneke

Thorsten Haase schaut nicht gern zurück. Den Geschäftsführer von HEC IT-Engineering interessiert viel mehr, wie der Weg nach vorn aussieht. Denn die Digitalisierung verändert Geschäftsmodelle und Arbeitswelten – und das in einer Geschwindigkeit, die es nach Ansicht Haases heutzutage kaum noch möglich macht, Erkenntnisse eins zu eins aus der Vergangenheit abzuleiten.

Angestellt ohne Aufgabe

Der Chef der Firma, die zur Team-Neusta-Gruppe gehört, geht deswegen bei der Suche nach neuen Mitarbeitern eher ungewöhnlich vor: Statt Lebensläufe zu studieren, die nichts anderes sind als ein Abbild der Vergangenheit der Bewerber, lernt er Menschen kennen und entscheidet dann, ob sie sein Team in Zukunft weiterbringen können. Dass diese Angestellten die dafür eigentlich nötige Qualifikation, also passende IT-Kenntnisse, mitbringen, ist für Haase zunächst einmal zweitrangig. „Wenn sie für die Arbeit brennen, dann können sich die Mitarbeiter dieses Wissen auch später noch aneignen“, sagt er.

Es kommt sogar vor, dass Haase Menschen einstellt, für die er noch gar keine Aufgabe hat, aber von denen er meint, dass sie in sein Unternehmen passen. Dietmar Heijenga ist so ein Beispiel. Einst, in einem anderen Leben, hat er Tischler gelernt. Später studierte er Informationsmanagement, arbeitete für einen Konzern im Prozess- und Changemanagement. Immer höher ging es für Heijenga auf der Karriereleiter, er wurde Teamleiter. „Ich hatte gehofft, dass mein Gestaltungsspielraum dadurch größer wird – stattdessen wurde er immer kleiner, ich musste die politische Meinung meiner Vorgesetzten in alle Richtungen transportieren“, sagt er. Das habe ihn unzufrieden gemacht. Und weil er unzufrieden war, habe er mit Freunden gesprochen. Wie der Zufall es wollte, brachte so ein Bekannter Heijenga mit Haase zusammen, und man verstand sich auf Anhieb.

Organisation für Organisationsentwicklung

„Zwei Gespräche gab es, und ich bin kein Mal schlau daraus geworden, was ich bei HEC eigentlich machen soll“, sagt der Familienvater. Dennoch wagten beide das Experiment, Heijenga gab seinen gut dotierten Job in dem Konzern auf. Als Berater machte es sich Heijenga zur Aufgabe, als Übersetzer zwischen den ITlern und den HEC-Kunden, die meist Unternehmen sind, zu vermitteln. Drei Jahre ist das her. Immer wieder hat sich Heijenga zwischenzeitlich mit dem Thema Organisationsentwicklung auseinandergesetzt. So oft, dass HEC vor wenigen Wochen eine Firma ausgegründet hat, die sich ausschließlich um diesen Schwerpunkt kümmert, Kunden also dabei berät, wie sie ihre Organisationen besser und effizienter aufstellen können. Leiter dieses ausgegründeten Unternehmens, das sich Kurswechsel nennt, ist Heijenga.

Begegnungen wie damals mit Heijenga kommen bei Haase immer wieder vor. „Ich lerne irgendwo jemanden kennen, man kommt ins Gespräch, überlegt gemeinsam – und, zack, haben wir einen neuen Mitarbeiter.“ Gut 150 sind es mittlerweile, die Haase in den vielen Jahren in seinem Unternehmen an Bord geholt hat. Eine Sozialwissenschaftlerin gehöre mittlerweile zum Team genauso wie eine Absolventin der Hochschule für Künste, die sich um den Schwerpunkt Augmented und Virtual Reality kümmert.

Diplome und Zertifikate sind nicht immer wichtig

Auch Haase hat den Weg zu HEC durch einen Zufall gefunden. Er ist gelernter Ökonom, arbeitete in einem Konzern, und von IT hatte er, wie er selbst sagt, „null Ahnung“. Eigentlich war das Unternehmen damals vor mehr als 20 Jahren für ihn nur als Zwischenstation gedacht, „aber man gab mir die Chance, zu gestalten und jetzt gehe ich hier auch nicht mehr weg.“

Natürlich sei nichts gegen fokussierte Menschen einzuwenden, die ihre Karriere zielstrebig verfolgten, sagt Haase. „Aber wie reagieren sie, wenn sie mal aus der Bahn geworfen werden?“ Er suche nach Menschen, „die eine Idee von sich haben, die begeisterungsfähig sind.“ Noch immer gibt es sie aber, die HEC-Kunden, denen Diplome und Zertifikate wichtig sind, die Mitarbeiter als Experten ausweisen. „Aber wir glauben an andere Fähigkeiten“, sagt Haase. „Wer nur auf die Noten schaut, vergibt sich eine Chance.“

Einschätzung war fast immer richtig

Svenja Schürmann hat ihre Chance bei HEC genutzt. Sie hat Wirtschaftspsychologie studiert und wollte eigentlich immer im Personalbereich arbeiten. Und nun? Nun ist sie bei HEC eine sogenannte Scrum-Masterin, führt also Projektteams. Während eines Praktikums in dem Unternehmen habe sie vor gut zwei Jahren gemerkt, dass sie sich für IT interessiert. Natürlich kenne sie sich nicht so gut mit den Technologien aus wie ein gelernter Informatiker. „Muss ich aber auch gar nicht“, sagt Schürmann. „Denn ich entwickele die Teams und muss Menschen befähigen, die noch nie zusammengearbeitet haben.“ Ihr Vorteil: „Als Scrum-Masterin muss ich mich selbst zurücknehmen“, sagt sie. Kollegen, die tief im Thema steckten, falle das oft schwerer.

Ob am Ende beide Seiten auch wirklich zusammenpassen, das lässt sich von vorneherein nicht sagen. Verschenktes Geld also? Nein, sagt Thorsten Haase. Eher ein Experiment. „Wir investieren in die Chance, einen großartigen Mitarbeiter zu bekommen. Und der Mitarbeiter investiert seine Zeit und seinen Enthusiasmus – er will sich bei uns weiterentwickeln, Werte schaffen.“ Falsch gelegen hat Haase mit seinen nicht ganz alltäglichen Methoden, neue Mitarbeiter zu gewinnen, nach eigenen Angaben kaum. „Wenn zwei Menschen daran glauben, dass sie zueinander passen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es am Ende auch so ist.“

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