Vorschlag von Wirtschaftssenatorin Vogt

Längere Kurzarbeit soll Stellen bei Airbus in Bremen retten

Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt will betriebsbedingte Kündigungen bei Airbus vermeiden und den Standort fit für die Zukunft machen. Sie wirbt unter anderem für die Ausweitung der Kurzarbeit.
10.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Längere Kurzarbeit soll Stellen bei Airbus in Bremen retten
Von Peter Hanuschke

Geht es nach Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke), dann wird es beim Flugzeughersteller Airbus keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Dafür müsste aber ein ganzes Maßnahmenpaket geschnürt werden, sagte sie am Donnerstag in der Bürgerschaft. Der erste notwendige Schritt müsse sein, dass das Kurzarbeitergeld auf 24 Monate verlängert werde. Ihr sei aus Berlin signalisiert worden, dass dazu Anfang September eine Entscheidung fallen werde – und zwar eine positive.

Der geplante Stellenabbau ist aus Sicht der FDP-Fraktionsvorsitzende Lencke Wischhusen unternehmerisch nachvollziehbar. Eigentlich müsste Airbus die Produktion nicht nur um 40 Prozent, sondern mindestens um 70 Prozent runterfahren. Denn derzeit werde auf Halde produziert. Positiv sei, dass durch die momentane Produktionszahl zumindest die Zulieferindustrie nicht ganz zusammenbreche.

Die Entwicklung bei Airbus sei bedauerlich für die betroffenen Mitarbeiter. Man könne darauf hoffen, dass der Stellenabbau wie von Airbus angekündigt sozialverträglich erfolge. Um den Standort zumindest langfristig zu sichern, erwartet Wischhusen, die das Thema Airbus für die Aktuelle Stunde beantragt hatte, ein umfangreiches Konzept vom rot-grün-rotem Senat. Es sei jetzt Zeit zum Handeln.

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An diesem Konzept arbeite man schon seit Monaten, sagte Kristina Vogt. Sie sei im regelmäßigem intensiven Austausch mit der Konzernleitung – schon vor Beginn der Corona-Krise. Berücksichtigt werde in diesem Konzept auch, dass sich Airbus bereits vor der Pandemie in einem Umstrukturierungsprozess befunden habe und zwar nicht nur im zivilen Flugzeugbau, sondern auch im Bereich Raumfahrt.

Airbus hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, an welchen Standorten genau wie viele Stellen abgebaut werden sollen. Wegen der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach neuen Flugzeugen stark zurückgegangen. Airbus spricht davon, dass fast eine Halbierung des Umsatzes in der Sparte Verkehrsflugzeuge stattgefunden habe. Der Flugzeugbauer will wegen der Luftfahrt-Krise weltweit von seinen 90 000 Mitarbeitern im zivilen Flugzeugbau 15 000 Stellen streichen, davon in Deutschland 5100.

Am Bremer Airbus-Standort geht es dabei um 441 von etwa 2400 Stellen der Stammbelegschaft in der Verkehrsflugzeugsparte. In Hamburg, dem größten Airbus-Standort in Deutschland, inklusive Fuhlsbüttel und Buxtehude sollen wegen der Folgen der Corona-Krise 2325 Stellen wegfallen. In Stade sind 365 Stellen betroffen und an weiteren Standorten 40. Außerdem ist bei der Airbus-Tochter Premium Aerotec bundesweit jeder dritte Arbeitsplatz gefährdet.

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In der Niederlassung in Bremen gibt es 415 Beschäftigte. Von 1100 Leiharbeitern hatte sich Airbus seit Beginn der Corona-Krise in den norddeutschen Werken bereits getrennt. Airbus geht davon aus, dass die Krise länger anhalten wird. Das Unternehmen erwartet, dass sich der Luftverkehr nicht vor 2023 erholen und möglicherweise erst 2025 wieder auf dem Niveau von vor Corona sein wird.

Es sei der falsche Weg, über betriebsbedingte Kündigungen überhaupt nachzudenken, sagte Volker Stahmann (SPD) in Richtung FDP-Opposition. „Airbus hat volle Auftragsbücher, es gibt keine Stornierungen, sondern nur zeitliche Verschiebungen bei der Abnahme der Flieger.“ Der Gesamtbetriebsrat habe noch keine Auskunft von der Konzernleitung darüber, warum es 441 Stellen sein sollen oder welche Bereiche getroffen sein könnten. Dass die Konzernleitung behauptet, dass der Stellenabbau alternativlos sei, dürfe man nicht akzeptieren.

Er unterstütze deshalb die Auffassung der Gewerkschaft IG Metall, dass man Zeit benötige, um die Auftragsdelle zu überbrücken. Und dafür sei die Ausweitung der Kurzarbeit ein wichtiges Instrument. Es müsse um den Erhalt der Arbeitsplätze gehen. Zusätzlich könnten eventuell Altersteilzeitmodelle hilfreich sein.

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Langfristig müsse es aber darum gehen, den Standort fit für die Zukunft zu machen, sagte Stahmann. Der Bremer Standort sei keine Endmontagelinie, insofern müsse alles dafür getan werden, dass die Arbeit weiterhin unverzichtbar in der Produktionskette bleibe, sonst könnten die Arbeitspakete auch irgendwann verlagert werden. Bremen sei das Hochauftriebszentrum und müsse es bleiben. Der Standort mit der Ausstattung der Flügel bleibe nur erhalten, wenn auch das Produkt gut sei. Deshalb müsse alles dafür getan werden, den Ausbau des Bereichs Forschung und Entwicklung zu unterstützen.

Dieses Ziel sei gut, nur habe es der Senat versäumt, dafür auch Mittel im Haushalt einzustellen, lobte und kritisierte Carsten Meyer-Heder, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion. Luftfahrt werde eine Wachstumsbranche bleiben. „Die Menschen wollen auch in Zukunft mobil sein.“ Nur müssten dafür auch die Weichen gestellt werden. Künftig gehe es ums grüne Fliegen. Die Entwicklung und Forschung müsse in diese Richtung gehen, nur dafür seien keine Mittel im Haushalt bereit gestellt. Außerdem möchte Meyer-Heder wie die FDP, dass sich der Senat endlich zum Bremer Flughafen bekenne und ihn mit erforderlichem Kapital ausstatte. „Ohne Flughafen werden wir auch kein Flugzeugbau haben.“

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Man sei schon viel weiter, als das, was die Forderungen der Opposition beinhalten, sagte Vogt. Zum einen gebe es mit dem Ecomat, dem Virtual Product House und vielen wissenschaftlichen Einrichtungen ein Netzwerk, um Entwicklungszyklen in der Luftfahrt zu reduzieren und perspektivisch auch Test und Zulassungen digital abbilden zu können. Dies sei von Bedeutung, um klimafreundlichere Flugzeuge so schnell wie möglich auf den Markt bringen zu können. Zum anderen sei sie im engen Austausch mit Niedersachsen, Hamburg und der Airbus-Konzernleitung, um gemeinsam die Entwicklungsschritte beispielsweise für wasserstoffbasiertes Fliegen voranzubringen.

Und nur zusammen mit Hamburg und Niedersachsen könne man erfolgreich sein, um in Berlin zusätzliche Bundesmittel für Forschung und Entwicklung einzuwerben. Auch für den grünen Koalitionspartner ist klar, dass Luftfahrt nur eine Zukunft haben werde, wenn das Fliegen revolutioniert werde, sagte Robert Bücking (Grüne). Man sei auf einem guten Weg, den Standort weiter zu qualifizieren, hin zum eco-effizientem Fliegen. Was den Flughafen angehe, was er benötige oder nicht, das habe mit diesem Thema nichts zu tun. „Darüber werden wir diskutieren, aber an anderer Stelle.“

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