Made in Bremen

Aus Liebe zum Leder

Die Manufaktur Kromp-Mahndorf stellt Gürtel und Schließen in Handarbeit her. Jedes Jahr verlassen nur etwa 100 Stück die Werkstatt. Inhaber Alfred Kromp findet: Viel und billig können andere viel besser.
17.08.2019, 19:51
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Aus Liebe zum Leder
Von Imke Wrage
Aus Liebe zum Leder

Alfred Kromp folgt der Familientradition: Schon sein Vater stellte in der Werkstatt in Mahndorf Gürtelschließen her.

Christina Kuhaupt

Es war schon immer schwer, an das Geld anderer Leute zu kommen. Es ist ein Tag im Jahr 2009, als Alfred Kromp im Auto sitzt und über diesen Satz seines Großvaters nachdenkt. Er fragt sich: Ja, wie geht das eigentlich, sich mit etwas Schönem selbstständig zu machen, für das andere gerne Geld ausgeben? Die Idee, die ihm an diesem Tag kommt, sollte sein Leben verändern: Er beschließt, eine alte Familientradition weiterzuführen und fortan Gürtel und Gürtelschließen in Handarbeit herzustellen. In seiner Werkstatt in Mahndorf gründet Kromp eine Manufaktur. Er nennt sie Kromp-Mahndorf.

Dort steht er nun, zehn Jahre später, mit Blaumann und runder Brille und tüftelt am nächsten Modell. Durch die Fenster der etwa 30 Quadratmeter großen Werkstatt fällt sanftes Licht. Es riecht nach Leder und Metall, Holzregale reichen zu allen Seiten bis an die Decke. Darin stehen Kartons, dicht an dicht, mit Lederriemen, ordentlich aufgerollt, in cognac, schwarz und dunkelbraun.

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Kromp kauft das Leder in großen Stücken, sogenannten Blanklederhälsen, bei der Bio-Gerberei Schmid aus Baden-Württemberg ein. Der Prozess von der rohen Kuhhaut bis hin zum fertigen Leder, sagt er, geschehe dort ausschließlich durch den Einsatz natürlicher Stoffe. In seiner Werkstatt schneidet er daraus die passgenauen Gürtel zu, stanzt Muster hinein und veredelt sie. An den Wänden hat er die dafür nötigen Werkzeuge befestigt: eine beachtliche Auswahl an Sägeblättern, Hämmern, Schraubenziehern und Bohrmaschinenaufsätzen. Daneben hängt eine Uhr, stehengeblieben, irgendwann. Die genaue Zeit, sagt Kromp, spiele hier ohnehin keine so große Rolle.

Alfred Kromp - Made in Bremen

Alfred Kromp folgt der Familientradition: Schon sein Vater stellte in der Werkstatt in Mahndorf Gürtelschließen her.

Foto: Christina Kuhaupt

Relikte aus alten Zeiten

Die Maschinen, die auf der hölzernen Werkbank in der Mitte des Raumes stehen, sehen aus wie aus dem Museum. Die meisten laufen ohne Strom und Batterien, werden einzig und allein durch mechanische Prozesse angetrieben. Einige davon hat Kromp selber gebaut, manche hat er gekauft oder geerbt – sie sind Relikte aus alten Zeiten. Schon sein Vater, sagt Kromp, habe hier damals Gürtelschließen angefertigt. Allerdings nur für den Eigengebrauch.

Bevor Kromp, eigentlich gelernter Werkzeugmacher, 2009 die ersten Gürtel produzierte, arbeitete er noch im Technologie- und Gründerzentrum in Oldenburg. Seine Funktion: Hausmeister. „Ich hatte jeden Tag mit jungen, kreativen Menschen zu tun“, sagt er. „Da habe ich auch wieder Lust bekommen, kreativ zu werden.“

Kromp ist einer, den man beim Reden kaum stoppen kann und der in Bremen fast jeden Grashalm kennt. Er sagt dann Sätze wie „Ich höre gleich auf, aber das ist wirklich sehr, sehr interessant.“ Oder: „Was, das kennen Sie nicht? Das muss ich noch mal eben erzählen.“ Geboren und aufgewachsen in Mahndorf, lebt Kromp in dem Haus, das sein Vater gebaut hat, auf dem Grundstück, das sein Großvater einst erwarb. Wirklich weg war er selten. Er findet: „Hinter Hannover ist schon wie Palermo.“

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Die Werkstatt in Mahndorf, sie ist der Ort, an dem sich alles um die Liebe zum Leder dreht. Sind die Gürtel zugeschnitten, vernietet und bearbeitet, packt Kromp die Waren in eine Kiste. Von Mahndorf aus machen sie sich auf den Weg in die Überseestadt. Die weitere Arbeit erledigt Kromp seit einigen Jahren in der Bremer Silberwarenmanufaktur Koch & Bergfeld. Dort arbeitet er nebenbei als Graveur, an drei Tagen in der Woche. „Mein erster Auftrag war die Goldene Kamera“, erinnert er sich. Es folgen der Champions-League-Pokal und die DFB-Meisterschale. Die Räumlichkeiten, vor allem aber die digitale Gravurmaschine, so die Absprache, nutzt Kromp, um seine Schließen zu bearbeiten.

Am Anfang, sagt Kramp, habe er sich die Schließen noch günstig aus China gekauft. Die Initialen und Verzierungen habe er damals mit einer Laubsäge aus einer Messingplatte ausgesägt und in einem Nietverfahren auf die Schließen gebracht. „Das hat sehr lange gedauert, da musste man schon leidensfähig sein.“ Schon nach kurzer Tragezeit brechen die Schließen an der Seite, es folgen die ersten Reklamationen. Kromp sucht nach einer Alternative. Zwischen den Schrauben und Hämmern seines Vaters findet er das ideale Material: Neusilber.

Besondere Editionen aus Sterlingsilber

Aus einem Rohling, den der Tüftler aus zwei Millimeter dickem Neusilber lasert, entstehen seitdem in mehreren Arbeitsschritten kleine Kunstwerke. Besondere Editionen werden aus Sterlingsilber gefertigt. Seine erste Gravurmaschine, erinnert sich Kromp, habe ihn 8000 Euro gekostet. „Im Alter hat man die Kohle, sich solche Spinnereien zu erlauben. Andere kaufen sich dafür ein gebrauchtes Auto.“

Viele seiner Kunden, sagt Kromp, lassen sich die Koordinaten ihres Lieblingsortes eingravieren – etwa den Anstoßpunkt im Weserstadion oder den Ort, an dem sie geheiratet haben. 98 Prozent der Kunden seien Frauen, die einen Gürtel als Geschenk für ihre Männer anfertigen lassen. Die Männer, sagt Kromp, tragen meist seit 30 Jahren dasselbe Modell, „oft am Strand von Mallorca gekauft, für zehn Mark oder weniger“. Doch auch bekannte Personen haben seine Gürtel im Schrank: Karoline Linnert habe einen bekommen, Willi Lemke und Marco Bode, sogar Jens Böhrnsen trage ihn.

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Ein fertiger Gürtel kostet, über Kromps Internetseite bestellt, 150 Euro aufwärts. Jedes Jahr verlassen nur etwa 50 bis 100 Exemplare die Manufaktur. „Viel und billig können andere viel besser“, sagt Kromp. Für ihn verlieren die Dinge an Reiz, wenn sie in großen Mengen produziert werden. Klar, sagt er, wolle er mit der Produktion auch Geld verdienen. Es gehe ihm aber auch darum, ein altes Handwerk zu bewahren – zum Beispiel, indem er junge Menschen dafür begeistert. „Ich möchte das Feuer weitergeben.“

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