Made in Bremen Diese Haare geben Menschen Halt

Die Hanse Haarmanufaktur stellt Perücken und künstliche Haarteile für krebskranke Menschen in Handarbeit her. In Europa gibt es nur noch wenige Betriebe dieser Art. Ein Besuch.
13.07.2019, 19:30
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Diese Haare geben Menschen Halt
Von Imke Wrage

„Es ist noch nicht ganz ein Jahr her, als ich von Ihnen meine erste Perücke bekam. Ich bin sehr dankbar, dass Sie mich dazu ermutigt haben. Mein Leben hat sich seither zum Positiven verändert.“ Es sind Sätze wie diese, sagt Gudrun Suderburg, die ihr zeigen, warum ihre Arbeit so wichtig ist. Suderburg, eine kleine Frau mit eisblauen Augen und toupiertem Haar, sitzt in ihrem Laden in der östlichen Vorstadt und liest die Zeilen aus einer E-Mail vor, die sie kürzlich von einer Kundin bekommen hat. „Das geht doch unter die Haut, oder?“

Gudrun Suderburg ist Inhaberin der Hanse Haarmanufaktur. Dort werden seit mehr als 40 Jahren Perücken und Haarteile in Handarbeit hergestellt. Betriebe dieser Art gibt es in Europa nur noch wenige, viele Produkte werden mittlerweile in Asien gefertigt. Dort sei die Produktion zwar günstiger, die Qualität jedoch meist nicht vergleichbar. Suderburgs Kunden kommen deshalb aus ganz Deutschland nach Bremen, aber auch aus Belgien, Österreich und der Schweiz. Ein Großteil von ihnen – meist Frauen – hat eine Krebserkrankung. Als Folge der Chemotherapie verlieren sie ihre Haare. Ihnen, sagt Gudrun Suderburg, könne sie mit einer Perücke ein Stück Normalität zurückgeben. „Die Kunden wollen häufig nicht, dass man ihnen die Krankheit direkt ansieht. Haare geben ihnen Halt.“

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Der verwinkelte Laden in der Hamburger Straße, er wirkt wie aus der Zeit gefallen. Viele der auf 80 Quadratmeter verteilten Möbel sind Relikte aus den 1950er-Jahren. Überall stehen Köpfe aus Styropor und Holz, Regale mit beschrifteten Schubladen aus Karton säumen die drei Räume. Darin verborgen sind „die Schätze“, wie sie Suderburg nennt. Echthaar aus Europa, Sticknadeln, Kämme und Stoffe – alles, was sie zum Arbeiten braucht. An den Wänden hängen Farbpaletten für Haartöne, daneben eine Reihe von Kunsthaarteilen. Im kleinsten Raum stehen vier Singer-Nähmaschinen. „Alle uralt, aber unverwüstlich.“

Puppenboom in den 1990er-Jahren

Gegründet wurde der Handwerksbetrieb Ende der 1960er-Jahre von Kunwar Simon, dem 2014 verstorbenen Ehemann Suderburgs. Genauer wisse sie das nicht mehr, sagt Suderburg entschuldigend. Ihr Leben sei so bewegt gewesen, „mit Zahlen habe ich es da nicht so.“ Als sie 1990 mit in das Geschäft, das damals noch „Kunwar Simon GmbH“ hieß, einstieg, sei der Laden noch auf die Anfertigung von Puppenperücken für Film und Fernsehen spezialisiert gewesen – „und auf Porzellanpuppen, die so viel wert waren wie ein Kleinwagen“. Weil das Geschäft damals boomte, habe die Manufaktur zeitweise 30 Mitarbeiter gehabt.

Seitdem sich mit der zunehmenden Zahl von Chemotherapien ein zusätzlicher Markt für Haarteile entwickelt hat, verkauft die Haarmanufaktur in erster Linie konfektionierte und handgefertigte Perücken für den medizinischen Bedarf. „Puppen sind eher zu meinem Hobby geworden“, sagt Suderburg. In der Hanse Haarmanufaktur beschäftigt sie noch fünf Mitarbeiterinnen – einige von ihnen arbeiten seit 38 Jahren für das Unternehmen. „Wir saugen die Arbeit auf wie ein Schwamm“, sagen sie. „Jede Perücke ist eine Herausforderung.“ Deshalb gleiche auch kein Tag dem anderen.

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Neben Gudrun Suderburg nimmt Mitarbeiterin Sabine Kaemena an der Nähmaschine Platz, greift nach einem Büschel Haare und vernäht es zu einer sogenannten Tresse. Tressen sind flexible Bänder, an denen die Haare maschinell befestigt sind. Sie werden später an einer aus Seide und Tüll gefertigten Montur – einem feinen Netzgewebe, das als Perücke direkt auf der Kopfhaut des Trägers aufliegt – angebracht. Der Hauptteil einer Perücke besteht aus Tressen. Dort jedoch, wo der Kunde seinen Scheitel oder Wirbel trägt, werden die Strähnen per Hand mit einer dünnen Knüpfnadel eingewebt.

Oft, sagt Kaemena, müsse sie bei der Arbeit erfinderisch sein. So auch heute: Einem Kunden mit einst dichtem Wuschelkopf fallen altersbedingt die Haare aus. Seine deformierten Ohren, die er sonst gut verstecken konnte, kommen nun zum Vorschein. Um das zu verhindern, hat er bei Suderburg zwei handgefertigte Haarteile bestellt. Die kann er sich links und rechts über die Brillenbügel kleben. Bis es soweit ist, hat das Haarteil mehrere Schritte durchlaufen.

Preise zwischen 350 und 2500 Euro

Zuerst muss Suderburg den richtigen Grauton für den Kunden treffen. Für sie ist das eine Sache von Sekunden: Sie öffnet mehrere Schubladen, in jeder liegen Haare in einem anderen Grauton, und greift sich eine Handvoll Strähnen. Um sie zum passenden Ton zu vermischen, zieht sie die Haare durch ein kammartiges Gerät, die sogenannte Hechel. Stimmt die Farbe, dann können die Haare bei Kaemena zu einer Tresse vernäht werden. Die hält das fertige Haarteil wenig später in die Luft und kämmt mit den Fingern durch die krausen Strähnen. „Zu buschig?“, fragt sie. „Ist gut so, aber da fehlt noch eine leichte Welle“, sagt Suderburg.

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Viele der Kunden kommen schon vor Beginn der Chemotherapie, werden im Laden vermessen und nach ihren Wünschen befragt. Die Perücke ist fertig, wenn die Haare beginnen, auszufallen. Sind die Haare dick und lang genug, ist es möglich, sie vorher abzuschneiden und in die Perücke mit einzuarbeiten. Je nach Aufwand und Material kostet das fertige Modell zwischen 350 und 2500 Euro.

Handwerkliches und psychologisches Feingefühl

Was sie an ihrem Job so liebe, sagt Suderburg, sei die Arbeit mit den Menschen. Der Beruf der Perückenmacherin, er erfordere nämlich nicht nur handwerkliches, sondern auch psychologisches Feingefühl. Egal, ob die Leute vom Acker oder aus Schwachhausen kommen, sagt die Inhaberin, sie könne hier jedem helfen. Die vielen Krankheitsgeschichten der Kunden zu hören, sei auch belastend. Aber das gehöre dazu. Genauso wie Vertrauen und Verschwiegenheit.

Gudrun Suderburg ist in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden. Sie, für die Urlaub immer bedeutet hat, „mal drei Tage wegzufahren“, sei nun immer häufiger gesundheitlich angeschlagen. „Auch wenn es mir sehr schwer fällt. In absehbarer Zeit muss ich aufhören.“ Sie sucht deshalb nach einer Nachfolge. Findet sich niemand, wird in Deutschland bald einer der letzten Handwerksbetriebe für Perücken und Haarteile seine Türen schließen. Ein bisschen will Suderburg aber noch arbeiten. „Meine Kunden brauchen mich noch.“

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