Finanzzentren London und New York angeblich im Visier von Cyber-Terroristen Börsen als Angriffsziel

London. Noch heute zucken manche Finanzprofis zusammen bei der Erinnerung an den Tag, an dem die Schockwellen vom Kollaps der US-Bank Lehman Brothers die City erreicht haben. Am 16. September 2008, einen Tag nach dem Börsenbeben in der Wall Street, war der FTSE-100-Barometer der London Stock Exchange (LSE) auf den Tiefststand seit drei Jahren gerutscht. Die "Blue Chips" verloren 116 Milliarden Euro an Wert.
03.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von ALEXEI MAKARTSEV

London. Noch heute zucken manche Finanzprofis zusammen bei der Erinnerung an den Tag, an dem die Schockwellen vom Kollaps der US-Bank Lehman Brothers die City erreicht haben. Am 16. September 2008, einen Tag nach dem Börsenbeben in der Wall Street, war der FTSE-100-Barometer der London Stock Exchange (LSE) auf den Tiefststand seit drei Jahren gerutscht. Die "Blue Chips" verloren 116 Milliarden Euro an Wert.

Es war der Beginn der Achterbahn der Kurse und Emotionen in der globalen Finanzkrise, die die Banker zu Hassfiguren gemacht hat. Jetzt scheint jedoch ein vertraulicher Bericht der US-Militärs die Spekulanten zumindest teilweise zu entlasten. Die Börsenstürze der Finanzkrise seien möglicherweise durch eine Serie von terroristischen "Cyber-Angriffen" im Internet mitverursacht gewesen. Das schrieb gestern die Londoner "Times", die aus einem internen Dokument des Verteidigungsministeriums in Washington mit dem Titel "Wirtschaftliche Kriegsführung" zitierte. "Das Finanzsystem der USA bleibt anfällig für Attacken der ,Finanzterroristen'", steht dort. Die Autoren des Berichts warnen davor, dass Terror-Netzwerke Lücken in der US-Finanzaufsicht ausgenutzt haben könnten, um Panik auf den Märkten zu säen. Erst vor wenigen Tagen warnte das FBI erneut die Wall Street, dass Al Qaida im Internet gegen die Börse zuschlagen wolle.

Auch die Briten sind besorgt. Nach Informationen der "Times" war die LSE im vergangenen August möglicherweise Opfer einer Attacke von "Cyber-Terroristen" geworden. An jenem Tag hatte der Telekom-Riese BT binnen Minuten unerklärlich fast eine Milliarde Pfund an Marktwert verloren. Gewöhnlich machen Fachleute die "fat fingers" (dicke Finger) für solche Turbulenzen verantwortlich. So heißt im City-Jargon ein Fehler, wenn sich jemand bei einer Aktien-Order vertippt. Die "Times" erfuhr jedoch, dass die Börse diesmal die Nachrichtendienste um Hilfe gebeten hatte. Der angebliche Grund: Experten argwöhnen, dass Hacker den wichtigsten europäischen Börsenplatz blockieren wollten. Auch die US-Behörden ermitteln angeblich derzeit wegen eines ähnlich suspekten Vorfalls an der New York Stock Exchange im Mai 2010.

Manche Experten sind skeptisch, weil sie die Motive hinter solchen angeblichen Angriffen nicht erkennen können. "Außerdem erfolgen die meisten Transaktionen an den Börsen nicht über das Internet, sondern über sichere private Netzwerke", sagt Peter Sommer von der London School of Economics, ein bekannter Spezialist für "Cybersicherheit". Eine breite Attacke im Netz auf das globale Finanzsystem könnte leicht außer Kontrolle der Angreifer geraten und nach hinten losgehen, gibt er zu bedenken. Dennoch sieht auch Sommer die virtuelle Gefahr für Märkte und Regierungen zunehmen. Hacker hätten "mächtige Cyber-Waffen" zur Hand, die sie sicher einsetzen würden. "Das Internet wird eines der Schlachtfelder der Zukunft sein", glaubt der Experte.

Langsam, aber sicher sickert diese Warnung in Großbritannien durch: "Unsere Infrastruktur wird angegriffen. Die Gefahr ist groß und beständig". Wenn sich heute ein Unternehmer Sorgen über den "Internet-Terrorismus" mache, gehöre er wahrscheinlich bereits zu den Opfern, zitiert die "Times" eine Sicherheitsquelle. Nach Angaben des Blatts ist die Zahl der virtuellen Überfälle auf Behörden und Firmen im Königreich binnen zwei Jahren um 500 Prozent gestiegen. Der Schutz der wichtigsten Unternehmen vor den Attacken sei die "neue Frontlinie der nationalen Sicherheit", urteilt die Zeitung. Auch in anderen Ländern schrillen die Alarmglocken. So meldete die irische Polizei einen Anstieg von Online-Einbrüchen in Firmen-Netzwerke. Dabei würden die Verbrecher ihre Daten auf ausländischen Servern speichern, um der Strafverfolgung zu entgehen. Nach Netz-Angriffen in mehreren EU-Ländern musste im Januar der europäische Emissionsrechtehandel gestoppt werden. Bei den jüngsten Vorfällen war es Hackern

gelungen, Emissionsrechte im Wert von 6,7 Millionen Euro aus dem tschechischen Handelsregister zu stehlen.

Die Grenze zwischen Kriminalität und Terrorismus im Netz sei fließend, sagen die Fachleute. Online-Kriminalität und Hackerangriffe verursachen in Großbritannien jährlich einen Schaden in Höhe von 3,2 Milliarden Euro. In der Vergangenheit haben es Hacker geschafft, das Netzwerk des Parlaments zu infiltrieren. 2007 meldete das Außenministerium Eindringlinge in seinem Computersystem. Auch Krankenhäuser und eine Polizeistation wurden virtuell angegriffen. Die Organisation für Sicherheit und die Zusammenarbeit in Europa (OSZE) warnte im Januar, dass die Hackerangriffe auf Unternehmen, Infrastruktur und Behörden globale Folgen haben könnten, wenn sie zeitgleich mit Naturkatastrophen erfolgten.

Die britische Regierung rüstet auf dem "Schlachtfeld Internet" auf: So hat der Premier David Cameron 650 Millionen Pfund extra für Abwehrmaßnahmen gegen schädliche Programmcodes aus dem Netz bereitgestellt. Die Geheimdienstler in London hatten im Herbst mit "militärischen Vergeltungsschlägen" im Internet gedroht.

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