Zukunft der Bremer Reederei Bremen macht sich Sorgen um Beluga

Bremen. Auch in Politik und Wirtschaft machen sich Menschen Gedanken zur Zukunft von Beluga und den Auswirkungen auf Bremen nicht zuletzt als Wirtschaftstandort. Außerdem eine viel gestellte Frage: Was ist mit dem Vorwurf des schweren Betrugs gegen Niels Stolberg?
14.03.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Bremen macht sich Sorgen um Beluga
Von Frauke Fischer

Bremen. Wie geht es weiter mit der Bremer Reederei Beluga und dem Unternehmer Niels Stolberg? Auf der Baustelle des Handballleistungszentrums des VfL Oldenburg wird vorsichtshalber nicht mehr gearbeitet, hieß es dieser Tage. Die Bauunternehmer fürchten um ihr Geld, weil der große Sponsor weggefallen ist. Menschen stornieren ihre Veranstaltungen im Restaurant des Firmensitzes auf dem Teerhof und wenden sich an andere Lokale. Ist das einstige Erfolgsunternehmen in Kürze insolvent? Was ist mit dem Vorwurf des schweren Betrugs gegen Niels Stolberg?

Auch in Politik und Wirtschaft machen sich Menschen Gedanken zur Zukunft von Beluga und den Auswirkungen der negativen Meldungen auf Bremen nicht zuletzt als Wirtschaftstandort. "Die Entwicklung ist mit Sicherheit nicht förderlich für den Standort", sagt Robert Völkl, Geschäftsführer des Bremer Rhedervereins. Beluga Shipping als größte Bremer Reederei ist dort Mitglied, Niels Stolberg allen bekannt. Beim Blick auf die jüngste Entwicklung stellt sich bei Völkl "Unbehagen" ein: "Man darf nicht vergessen, dass Niels Stolberg auch viel Gutes für den Standort getan hat. Seine Lebensleistung ist nicht plötzlich dahin. Die Schiffe fahren weiter, sein Firmengebäude steht, viele Einrichtungen hat er unterstützt. Das ist doch nicht plötzlich weg." Dem Verband stehe kein Urteil zu, betont Völkl. Natürlich sähen Vorstand, Geschäftsführung und Mitglieder die Entwicklung "nicht mit Freude". Doch der Geschäftsführer plädiert für einen fairen Umgang mit Stolberg und dessen Konzern.

"Jetzt wird er von allen Seiten verurteilt"

"Haltung und Sichtweise ihm gegenüber ändern sich offenbar schnell. Eben war Niels Stolberg noch der gefragteste Redner als Unterstützer von Veranstaltungen. Und jetzt wird er von allen Seiten verurteilt." Mit Blick auf das Unternehmen Beluga verbreitet Völkl gar vage Zuversicht: "Die Reederei ist deshalb so groß geworden, weil die Nachfrage da ist. Der Markt existiert weiter, deshalb wird es eine Basis für die Weiterführung des Unternehmens geben. Das ist doch schon die wichtigste Grundlage für ein Konzept."

In die Unternehmenspolitik eines Mitglieds, sagt Handelskammersprecher Stefan Offenhäuser, mische man sich nicht ein. "Generell kann man aber - bezogen auf den Wirtschaftsstandort - zur aktuellen Situation mit Beluga sagen, dass dies für Bremen und die bremische Wirtschaft eine schwierige Situation darstellt und dass negative Folgen für den Wirtschaftsstandort zu befürchten sind."

Als Kaufmännisches Mitglied gehört Niels Stolberg auch der Stiftung Haus Seefahrt an. 2008 richtete er mit den Bremer Unternehmern Christoph Weiss und Harald Emigholz die Schaffermahlzeit aus und lenkte damit überregionale Aufmerksamkeit auf eine so traditionsreiche wie schillernde Benefizveranstaltung.

"Wir maßen uns kein Urteil an"

Mit Blick auf die derzeitige Schieflage von Stolbergs Unternehmen und die Vorwürfe gegen den Reeder äußert sich der Verwaltende Vorsteher von Haus Seefahrt, Andreas Bunnemann, vorsichtig. "Die Haltung von Haus Seefahrt ist im Augenblick neutral. Herr Stolberg hat auch - wie jeder Bürger in unserem Land - die Unschuldsvermutung auf seiner Seite. Daher wollen und dürfen wir nicht vorgreifen. Solange ein Verfahren nicht rechtskräftig beendet ist, maßen wir uns kein Urteil an", betont der Unternehmer. Und: "Die Auswirkungen auf das Image Bremens kann gegenwärtig nicht abschließend beurteilt werden. Die Tatsache, dass Bremen unter anderem als Hafen- und Schifffahrtsstandort in - durch noch auf Spekulation basierende - negative Schlagzeilen gerät, ist sehr bedauerlich."

Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) hofft nicht nur "auf eine privatwirtschaftliche Lösung" für den weiteren Betrieb der Reederei, sondern auch, "dass das Engagement im kulturellen und sozialen Bereich fortgesetzt werden kann."

In den Bürgerschaftsfraktionen macht man sich nun in erster Linie Gedanken, ob und wie die Beluga-Arbeitsplätze in Bremen zu halten sind. SPD-Fraktionschef Björn Tschöpe formuliert das so: "Ganz gleich, ob hier Management-Fehler vorliegen oder etwas ganz anderes im Raum steht: Das Ganze darf nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. Es wäre mehr als tragisch, wenn jetzt die Leute ihren Job verlieren." Bremen müsse ein Interesse daran haben, Stellen für gut qualifizierte Arbeitskräfte im Land zu halten. Wie realistisch das letztlich bei Beluga ist, lasse sich derzeit aber noch nicht einschätzen. "Dazu ist die Informationslage noch zu dünn." Zu vieles sei noch ungeklärt: Die Interessen des US-amerikanischen Investors Oaktree, die tatsächliche Finanzlage bei Beluga, die wirtschaftlichen Perspektiven für die Reederei und der Einigungsprozess mit den Gläubigern. "Näheres werden die kommenden Wochen zeigen", sagte Tschöpe.

CDU-Spitzenkandidatin Rita Mohr-Lüllmann empfindet "die Situation rund um Beluga bedrückend". Auch sie hat in erster Linie die "Ungewissheit über die Sicherheit der Arbeitsplätze" im Blick sowie "die Zukunftsfähigkeit der Reederei". Mohr-Lüllmann: "Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen an der Situation des Unternehmens keine Schuld, ihnen gilt unsere Solidarität."

Angesichts der nach wie vor unübersichtlichen Lage sei aber "nicht die Zeit, um durch Versprechungen falsche Hoffnungen zu wecken". Dabei hofft Mohr-Lüllmann auf baldige Klarheit für die "zahlreichen von Beluga gesponserten sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Projekte". Der Einfluss der Politik auf die "unternehmerischen Entscheidungen der Eigentümer und Geldgeber der Reederei" sei jedoch begrenzt.

Das sieht Klaus-Rainer Rupp (Linke) anders. Er regt an, dass Bremen notfalls auch über eine wirtschaftliche Beteiligung an Beluga nachdenken müsse. "Meiner Ansicht nach muss man prüfen, wieweit Bremen zum Erhalt der Reederei und zur Fortführung ihrer Geschäfte beitragen kann." Das Land müsse dabei aber die Interessen des Steuerzahlers wahren und sicherstellen, dass es nicht nur die Kosten trägt, sondern auch beteiligt wird, wenn Beluga später wieder Gewinne abwerfen sollte. Rupp: "Bremen darf nicht einsteigen, um damit letztlich die Gewinne des Hedge-Fonds Oaktree zu sichern oder zu steigern." Es sei aber im öffentlichen Interesse, die Jobs und das Know-How der größten Schwerlastreederei der Welt im Land zu halten.

"Ein hoch spezialisiertes Geschäft"

Ein unmittelbares Engagement Bremens an der Reederei - FDP-Landeschef Oliver Möllenstädt kann sich das eher nicht vorstellen. "Bremen hat sich nicht immer einen Gefallen getan, in Branchen zu gehen, in denen es sich nicht so gut auskennt." Beluga betreibe "ein hoch spezialisiertes Geschäft". Zudem gebe es von Oaktree keine Signale, dass die Firma um finanzielle Hilfe ersuche. "Oaktree ist ja spezialisiert auf Krisenfälle." Eventuelle Finanzhilfen müsste Bremen jedoch an strenge Kriterien knüpfen.

Ute Golasowski, Vertreterin der Grünen in der Deputation für Wirtschaft und Häfen, fürchtet, dass Bremen am Ende "nicht ungeschoren davonkommen könnte". So könnte es die Stadt am Ende viel Geld kosten, falls sie sich gezwungen sehen sollte, das Abwandern "von 500 qualifizierten Arbeitsplätzen in die USA" zu verhindern. Noch habe sie aber die Hoffung nicht aufgegeben, dass sich alle Vorwürfe gegen den Reeder Niels Stolberg als haltlos erweisen: "Die Hoffnung stirbt zuletzt." Ein positiver Ausgang sei auch im Interesse des Reederei-Standortes Bremen, für den Beluga bislang eine zentrale Rolle gespielt habe.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+